Die Natur in der sudetendeutschen Sozialdemokratie
In der Abendschule zu den Grundlagen der Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie vom 24.10.2024 behandelte Dr. Thomas Oellermann die Natur als Thema in der sudetendeutschen Sozialdemokratie. Thomas Oellermann stellte fest, dass Klimapolitik und Naturschutz nur auf den ersten Blick „neue Themen“ seien. Als Quelle dienten für seine Recherche vor allem Zeitungen der 1920er und 30er Jahre.
Naturschutzgebiete und Artenschutz waren Ende des 19. Jahrhunderts bereits weltweit ein Thema, so Oellermann. Naturschutz war vor dem Ersten Weltkrieg überwiegend Teil der bürgerlichen Reformbewegung. Die Motive und Anliegen, deretwegen sich Menschen dem Schutz von Natur und Landschaft verschrieben, waren vielfältig. Daneben organisierte sich auch ein proletarischer Naturschutz. Seit 1905 wirkte der 1895 in Österreich gegründete "Touristenverein „Die Naturfreunde" auch in Deutschland im Sinne des Naturschutzes. 1910 wurde Heimat- und Naturschutz als Aufgabe in der Vereinssatzung festgeschrieben.
Der sozialdemokratische Mittelschullehrer und prolatarische Freidenker Theodor Hartwig setzte sich energisch für eine Reform des k. u. k. Schulwesens ein. Er wünschte den naturwissenschaftlichen und realistischen Fächern mehr Gewicht gegenüber den überbewerteten humanistischen Fächern. Das k. u. k. Unterrichtsministerium versetzte deshalb den unbequemen Kämpfer 1910 an eine Realschule nach Brünn. Die Schulreform wurde freilich dadurch nicht verhindert.
Die Natur diente den proletarischen Arbeitern zur Erholung. Von der Arbeit erschöpft, sollten Arbeiter den Aufenthalt in der Natur nutzen, um sich zu regenerieren. Industrialisierung und Urbanisierung sah die Arbeiterbewegung als Gefahr für die körperliche und seelische Gesundheit des Menschen. In Wald und Flur wandernd, sollte der Mensch die durch entfremdete Arbeit und nervöses Großstadtleben verursachte Degeneration überwinden. Hierin ist vorrangig eine Reaktion auf die am eigenen Leib erfahrene einseitige und belastende Fabrikarbeit zu sehen. Natur als Erholungsraum konnte de facto für die, in beengten und durch Umweltverschmutzung stärker betroffenen Wohnvierteln lebende, Arbeiterschaft einen besonders hohen Wert erlangen. Zu diesem Zweck entstanden „Naturfreundehäuser“ und ein fortschrittliches „Hüttenwesen“.
Allerdings entwickelte sich Natur in den Ausführungen der "Naturfreunde" häufig über die Bedeutung als Erholungsraum hinaus. Es sollten in der Arbeiterschaft auch Kenntnisse über Volksleben und -sitten sowie naturwissenschaftliche Kenntnisse und die Liebe zur Natur verbreitet werden. Natur wurde zum romantisch verklärten Fluchtpunkt. Es entwickelte sich aber auch ein Naturverständnis, demzufolge in der Natur Inspiration und Kraft für den Kampf um die sozialistische Gesellschaft zu finden seien.
Bei aller Kritik verstanden sich die "Naturfreunde" nicht als fundamentale Naturschützer, die jeden Eingriff in die Natur ablehnten. Sie erkannten an, dass aus wirtschaftlichen Gründen der Abbau von Rohstoffen oder Holzeinschläge unumgänglich seien. Sie protestierten lediglich gegen einen unmäßigen Raubbau an der Natur. Der Mensch ohne Fabrik schien für die sudetendeutsche Arbeiterbewegung unvorstellbar. In der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung wurde technischer Fortschritt an sich als Voraussetzung für die Entwicklung einer sozialistischen Gesellschaft begrüßt.
Diese Ausgabe der Abendschule kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.
Die Veranstaltung fand mit großzügiger Unterstützung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages statt.