Volkmar Gabert

VOLKMAR GABERT (1923 - 2003)

Volkmar Gabert wurde am 11. März 1923 in Dreihunken (Drahůnky) bei Teplitz/Teplice in Nordböhmen geboren. Ab 1986 war Gabert  bis zu seinem Tod 2003 Bundesvorsitzender der Seliger-Gemeinde. Zeit seines Lebens lag ihm die Deutsch-Tschechische Aussöhnung am Herzen. Er vergaß nie seine sudetendeutschen Wurzeln und hat immer versucht Brücken zu bauen. Unermüdlich bemühte er sich um Verständigung, getrieben von der Sehnsucht nach einer politischen Ordnung Europas, die den Völkern und Volksgruppen erlaubte, ihre Kultur zu leben, ohne andere zu unterdrücken und ohne selbst unterdrückt zu werden. In seiner Eigenschaft als Bundesvorsitzender der Seliger-Gemeinde setzte er sich insbesondere nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ für die Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen ein, ab 1998 auch als Mitglied im Verwaltungsrat des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. Gabert suchte die Verständigung mit den tschechischen Parteifreunden und wurde bitter enttäuscht. Vor allem von Milos Zeman. Dessen Ausfälle gegen die Sudetendeutschen empfand er als großen Rückschlag für das deutsch-tschechische Verhältnis.

Gaberts Heimat wurde wirtschaftlich von der Kohle-, Eisen- und Glasindustrie, politisch von der Arbeiterbewegung dominiert. In Kleinaugezd, dem späteren Wohnort der Familie, erreichten die Sozialdemokraten bei Wahlen bis zu 70 Prozent der Stimmen. Gaberts Vater, Oberlehrer und zeitweise Bürgermeister der Gemeinde Dreihunken, war selbst Mitglied der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP), die in der Tschechoslowakischen Republik die sudeten-deutsche Arbeiterschaft vertrat. Volkmar Gabert wuchs dadurch schon früh in die vielfältige Arbeiterkultur der Region hinein; so engagierte er sich unter anderem bei den Falken, der Sozialistischen Jugend, dem Arbeiter-Turn- und Sportverband und der Naturfreunde-Bewe­gung. Gabert besuchte die Volksschule und die Realschule in Teplitz-Schönau.

Gaberts Jugend fiel jedoch in eine Zeit, in der die Sozialdemokratie europaweit immer stärker unter Druck geriet. Insbesondere im Deutschen Reich war sie ab 1933 härtester Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt – eine Entwicklung, die auch die sudetendeutschen Genossen betraf. Schon in frühester Jugend beteiligte sich Volkmar Gabert am Schmuggel von Schriften des sozialdemokratischen Exilvorstands in Prag, die über die sächsische Grenze ins Reich gelangten. Aufgrund der zunehmenden Verschärfung der Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren verloren die Sozialdemokraten freilich auch auf der böhmischen Seite des Erzgebirges immer mehr an Boden.

Nach dem Münchner Abkommen von 1938 und dem Einrücken der deutschen Wehrmacht in das Sudetenland sahen sich Gaberts Vater und sein älterer Bruder unmittelbar der Gefahr einer Verhaftung und Einlieferung ins Konzentrationslager ausgesetzt. 

Führende Sozialdemokraten wie Wenzel Jaksch flohen nach Prag, auch Volkmar Gabert und seine Familie konnten sich absetzen. Die Geflohenen gründeten die „Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten“. In Prag blieb ihnen nur eine kurze Schonfrist, denn im März 1939 besetzte Hitler das, was von der Tschechoslowakei übrig geblieben war. Viele sudetendeutsche Antifaschisten retteten sich über die polnische Grenze. Wenzel Jaksch floh auf Schneeschuhen über die Beskiden. Der 16-jährige Volkmar Gabert nahm den letzten Zug, der von Prag in Richtung Polen fuhr. Gabert berichtete später, dass der Zug kurz vor der Grenze von SS-Männern gestoppt wurde. Ein Engländer, der die Flüchtlinge begleitete, stieg aus und berichtete dem SS-Führer, in dem nach Polen fahrenden Zug befänden sich lauter Juden. Froh darüber, die Juden aus dem Land zu bekommen, gab der SS-Offizier die Erlaubnis zur Weiterfahrt. Gabert war gerettet.

Dort verdiente er als Landarbeiter, Monteur und Eisendreher seinen Lebensunterhalt. Als Mitbegründer und erster Vorsitzender der „Sudetendeutschen Sozialistischen Jugend in Großbritannien“ wurde Volkmar Gabert zugleich Mitglied im Exilvorstand der sudetendeutschen Sozialdemokratie, wodurch er bereits in jungen Jahren zahlreiche Kontakte zu führenden Politikern des deutschen Exils und der britischen Labour Party herstellen konnte. Gabert knüpft Kontakte mit anderen jungen Exilanten aus ganz Europa - Verbindungen, die sich für sein späteres Politikerleben als nützlich erweisen sollten. In seine Heimat konnte er nicht mehr zurückkehren, denn die tschechoslowakische Führung um Edvard Beneš machte bei ihren ethnischen Säuberungen auch vor Nazi-Gegnern und sudetendeutschen Demokraten nicht Halt. Als Volkmar Gabert 1940 in London gefragt wurde, wie er sich fühle, antwortete er: „Dankbar und unglücklich!“ – dankbar, weil er von den Briten aufgenommen wurde, unglücklich, weil er nichts für seine Heimat tun konnte.

Schon bald nach dem 8. Mai 1945 übersiedelt er nach Bayern, als Übersetzer der amerikanischen Streitkräfte. Da nach dem Zweiten Weltkrieg wegen der Vertreibung der Sudetendeutschen eine Rückkehr in die Heimat nicht möglich war, ließ er sich in München nieder. Hier kam er bald in Kontakt mit Emil Werner und Alois Ullmann, die dort eine der ersten westdeutschen Anlaufstellen für Flüchtlinge und Vertriebene aufgebaut hatten. Er wird zum Mittler zwischen der neu entstehenden SPD und der noch in England zurückgehaltenen Führung der sudetendeutschen Sozialdemokratie unter Wenzel Jaksch. Die bayerische SPD, die Zeit ihres Bestehens unter der geringen Ausprägung des einheimischen Arbeitermilieus gelitten hatte, erfuhr dadurch eine deutliche strukturelle Stärkung. Im Rahmen seiner Flüchtlingsarbeit veröffentlichte Gabert außerdem die ersten unzensierten Berichte über die Vertreibung der Sudetendeutschen. 1948 schloss er sich der bayerischen SPD an und beteiligte sich am Aufbau der Münchner Sozialdemokraten. Von 1950 bis 1957 war er Landesvorsitzender der Jusos und von 1950 bis 1978 Mitglied des bayerischen Landtags.

Volkmar Gabert war von 1962 bis 1976 Vorsitzender der SPD-Fraktion im Landtag und wurde 1963 zum bayerischen Landesvorsitzenden gewählt. Er übte dieses Amt bis 1972 aus und errang bei den Landtagswahlen als Spitzenkandidat die besten Ergebnisse für die bayerische SPD in der Nachkriegszeit. Am 20. November 1966 gelang ihm fast der Machtwechsel in Bayern, als die bayerische SPD mit 35,8 Prozent der Stimmen ihr bestes Nachkriegsergebnis bei Landtagswahlen erzielte. Von 1971-1988 stand Gabert der Arbeitsgemeinschaft der demokratischen Sozialisten im Alpenraum vor. Von 1971-1989 war er zudem Vorsitzender der Georg-von-Vollmar-Akademie, danach deren Ehrenvorsitzender. Nach seinem Ausscheiden aus dem Landtag im Jahr 1978 widmete sich Volkmar Gabert verstärkt dem Gedanken der europäischen Verständigung.

Von 1979 bis 1984 gehörte er als Abgeordneter dem Europäischen Parlament an. 1998 wurde er Mitglied des Verwaltungsrates des im Rahmen der Deutsch-Tschechischen Erklärung eingerichteten deutsch-tschechischen Zukunftsfonds. Gabert hatte sich auch für die Entschädigung der KZ-Opfer und Zwangsarbeiter eingesetzt.

Volkmar Gabert starb am 19. Februar 2003, im Alter von 79 Jahren, in Unterhaching bei München. Bis heute gilt er als einer der einflussreichsten bayerischen Politiker der Nachkriegszeit. Die entscheidende politische Prägung hatte Gabert jedoch in seiner böhmischen Heimat und durch die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte erfahren. Die Lehren, die er daraus zog, bildeten für ihn stets die Grundlage seiner politischen Arbeit.

 

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