Republikanische Wehr

Die Republikanische Wehr

 

Neben einer deutschen Mehrheit die mit großem Interesse an der Abspaltung des Sudetenlandes von der Tschechoslowakei und im anti-tschechoslowakischen Kampf von Hitler-Deutschland bezahlt und bewaffnet wurde, gab es auch deutsche Truppen, die die Tschechoslowakische Republik verteidigten. Eine von ihnen war die Rote Wehr, sie gehörte der deutschen Sozialdemokratie an. Diese uniformierte Einheit sollte dazu dienen, öffentliche Versammlungen und Aktionen der Partei zu schützen, aber auch die Demokratie und die Republik in der Tschechoslowakei zu verteidigen. Die Rote Wehr wurde mit einer erste Einheit im Oktober 1926 in Hostinné gegründet.

 

 

Das Vorbild für die Gründung der Roten Wehr war der Republikanische Schutzbund, den die österreichische Sozialdemokratie nach der Auflösung von Österreich-Ungarn 1923 als Gegengewicht zu den christ-sozialen Heimwehren gründet hatte. Zu dieser Zeit wurde die österreichisch-ungarische Armee demontiert und teilweise vom Republikanischen Schutzbund ersetzt.

 

Die Anfänge von Rote Wehr in der Tschechoslowakei sind mit dem österreichischen Vorgänger eng verbunden. Bereits auf der Karlsbader Konferenz hat der österreichische Nationalrat Dr. Julius Deutsch, Gründer des österreichischen Modells, seine Bedeutung in Österreich beschrieben und die Errichtung einer ähnlichen Gruppierung in der Tschechoslowakei empfohlen.

 

Konstruktiv beteiligte sich der ATUS an den Aktivitäten der „Roten“ bzw. später „Republikanischen Wehr“. An der Spitze dieser Gliederung stand ab 1930 der aus der Fußballsparte stammende Alois Ullmann, der 1937 Sekretär der ATUS-Union wurde und gleichzeitig Funktionen in der Republikanischen Wehr wahrnahm. Die in 65 Ortsgruppen organisierten 8560 Mitglieder stellten ab Anfang der 30er Jahre den Ordnungsdienst auf Festen und Veranstaltungen der Arbeiterorganisationen, etwa auf den Bundesfesten des ATUS 1930 in Aussig und 1936 in Komotau. Als letzte große gemeinsame Veranstaltung gilt die Teilnahme mehrerer tausend Mitglieder von ATUS und Republikanischer Wehr am Turnfest des DTJ-Kreises Pilsen im Juli 1938.

 

Nach den Februar-Kämpfen von 1934 in Österreich gab es aktive Hilfe seitens der sudetendeutschen Sozialdemokratie. Ernst Paul, (Vorsitzender der Republikanischen Wehr) brachte Otto Bauer und Josef Pleyl nach deren Flucht aus dem umzingelten Ahornhof in Wien nach Preßburg in Sicherheit. Neben Solidaritätskundgebungen fuhren hunderte Männer der Republikanischen Wehr an die Grenze, um als Sanitäter den geflüchteten Schutzbündlern zu helfen.

 

Die Arbeitersportler haben in ihrer Fassung aus dem Jahre 1937 sogar den Schiesssport und den Wehrsport in ihre Satzung aufgenommen: Sie haben es also als eine Aufgabe ihres Verbandes verstanden, ihre Mitglieder in Schiessen zu unterrichten, also eine ganz klare Ansage dahingehend, dass sie die Republik verteidigen wollen notfalls auch mit der Waffe in der Hand. Das Gesetz zum Schutz der Republik verbot jedoch die Bewaffnung privater Milizen und den Aufbau von uniformierten Parteieinheiten. Dennoch begannen die Sozialdemokraten nach Wegen und Freiwilligen zu suchen um eine eigene militärische Einheiten zu errichten. Kampfgruppen operierten in Děčín, Sokolov, Karlovy Vary und anderswo.

 

Von 1929 bis 1938 gehörte der tschechoslowakischen Regierung auch die Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei (DSAP) an, bis 1935 größte deutsche Partei in der ČSR. Trotz des Verbots etablierte sich die Rote Wehr nach und nach und die Behörden duldeten sie als Widerstand gegen die Bedrohung der Demokratie durch Kommunisten und Nationalsozialisten.

 

Organisation und Ausrüstung

 

Die typische RW-Uniform bestand aus einer hellbraunen Mütze, einem blauen Hemd mit roter Krawatte und einer blauen oder schwarzen Hose mit Gürtel. Bei schlechtem Wetter trugen sie auch einen kurzen Mantel von hellbrauner Farbe. Für den Fall, dass sie Organisatoren waren und in Zivil gekleidet waren, wurden sie durch ein rotes Band auf dem linken Ärmel unterschieden. Das RW-Banner oder ein vernickelter Drei-Pfeil-Aufkleber war auf der Gürtelschnalle. In einigen Fällen war die DSDAP-Inschrift auf der Kappe.

 

 

Es gab auch Frauen in Rote Wehr. Sie pflegten organisatorische, medizinische und andere Hilfsfunktionen. Sie trugen eine blaue Bluse mit roter Krawatte und einen schwarzen Rock.

 

 

Die Mitglieder der Roten Wehr nahmen regelmäßig an Schulungen teil, in der Regel einmal pro Woche. Diese konzentrierten sich hauptsächlich auf Exerzieren, Aufmärsche und den Schutz politischer Ereignisse. Für die militärische Ausbildung in der RW wurden Luftgewehre verwandt. Zunächst bis auf „Faustwaffen“ nicht bewaffnete, dennoch Respekt einflößend, wurde die Republikanische Wehr kurz vor München teilweise auch  mit Schusswaffen der tschechoslowakischen Armee eingesetzt.

 

Aus der Roten Wehr, die sich hauptsächlich aus Mitgliedern der DSAP zusammensetzte, gründete sich 1935 die Republikanische Wehr und wurde seit 1937 auch staatlich unterstützt, als die tschechoslowakischen Behörden beschlossen, den deutschen Antifaschisten im Rahmen der Bewegung "Treue für die Treue" Waffen zu geben. Am 3. Juli 1938 fand der feierliche Treueeid der Republikanischen Wehr zur Tschechischen Republik statt.

 

In den Gelöbnis, das die Wehrmänner beim Aufmarsch in Karlsbad am 18. September 1938 leisteten, heißt es: „Unser Friede, der Friede Eurpas, der Friede der Welt ist bedroht. Wir lieben den Frieden glühend und leidenschaftlich. Glühender und leidenschaftlicher lieben wir die Freiheit, und darum werden wir mit dem Einsatz unseres Lebens zu kämpfen wissen.“ Das Gelöbnis endete mit einem Gruß an die tschechoslowakische Armee und an Präsident Beneš sowie mit der Losung „Die Freiheit ist unteilbar“. Im Aufruf des Parteivorstandes der DSAP zu dieser letzten Widerstandsaktion vor dem deutschen Einmarsch hieß es: „Mitbürger! Es geht um alles. Ihr steht nur mehr vor Wahl: Gleichberechtigung durch Frieden oder Untergang durch Krieg.“ Dieser Aufruf wurde im Rundfunk und in einer Viertelmillion Flugblätter sowie durch Plakate verbreitet.

 

Mit der Festigung des Nazi-Regimes spiegelte sich seine Orientierung auf die deutschen Minderheiten in den Nachbarstaaten in einer sich verschärfenden politischen Situation an der tschechoslowakischen Grenze wider, wo Juden, Tschechen, Kommunisten und Sozialdemokraten zu verbalen und schließlich gewalttätigen Opfern von Angriffen der Henlein´schen Parteigänger wurden.

 

Der Parteivorsitzende der DSAP, Minister Ludwig Czech, zum 1. Reichsaufmarsch der Republikanischen Wehr  vom 3. bis 5. Juli 1937 in Aussig a.E. wo 7.000 Mann aufmarschierten:

 

„Unsere Republikanische Wehr marschiert!

 

Wir grüßen sie aus ganzem Herzen. Tausendfältige Liebe wird ihr von allen Seiten zuströmen und sich mit dem innigsten Dank an diese getreue Hüterin unserer Bewegung zu einer gewaltigen, von sozialistischem Kampfgeist durchglühten Kundgebung vereinigen.

 

Wieder werden wir einen großen Tag der Freude, einen Tag des Bekenntnisses zu unseren Ideen und unseren Kampfzielen erleben. Es wird aber auch – aus dem Geiste unserer Bewegung, aus den Zielen der Republikanischen Wehr heraus – eine herrliche Manifestation für die Demokratie und unsere Republik sein und damit eine Kampfansage an den faschistischen Feind, dem wir wieder einmal den marxistischen „Splitter“ vor Augen führen werden, auf dass ihm Hören und Sehen vergeht.

 

Dem prächtigen Kampfauftakt der letzten Reichskonferenz folgt nun der Alarmruf der Republikanischen Wehr. Er wird ein weithin sichtbares Kampfsignal sein, ein feuriger Weckruf an die arbeitenden Menschen. In diesem Zeichen werden sie in die kommenden Kämpfe ziehen und den Sieg an unsere Banner heften“.

 

Dr. Ludwig Czech

 

 

Vor dem Münchner Abkommen im September 1938 kam es vermehrt zu Zusammenstößen zwischen RW-Mitgliedern und Henlein-Männern.

 

 

Die Gründe für den plötzlichen Aufschwung der SdP sind sowohl im außenpolitischen wie im innerpolitischen Vorgängen (Diskriminierung) zu suchen, in der vor allem in den sudetendeutschen Gebieten gefährlich angewachsenen Wirtschaftskrise, in der dadurch mit hervorgerufenen Arbeitslosigkeit und in der von den Tschechen nur wenig gewürdigten Tätigkeit der deutschen Regierungsparteien.

 

 

Bei den Gemeindewahlen im Mai 1938  war eine der Hauptforderungen der SdP die Autonomie der deutschen Gebiete in der ČSR – die abermals verweigert wurde. Die SdP errang über 90% aller sudetendeutscher Stimmen.

 

Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 an Deutschland spitzte sich die Lage der Deutschen in der ČSR zu. Die SdP verfolgte nunmehr auch den Anschluss der deutschen Gebiete an Deutschland. Es hatte sich schon das Sudetendeutsche Freikorps mit Bewaffnung durch Deutschland gegründet, das von Bayern oder Österreich aus tschechische Grenzer angriffen.

 

Am 21. September 1938 akzeptierte die tschechische Regierung die anglo-französische Note über die Abtretung des Sudetenlandes. Im Abkommen von München unterzeichneten Chamberlain, Daladier, Hitler und Mussolini lediglich die Durchführungsbestimmungen der bereits auf diplomatischem Weg erfolgten Einigung.

 

Bei der Mobilmachung nach dem Ausbruch des Sudetenaufstandes wurden am 23. September 1938 auch die Deutschen mobilisiert. In den Krisentagen des September 1938 kämpften RW-Einheiten Seite an Seite mit der tschechoslowakischen Armee und „Stráz obrany státut (Wehr des Staates)“ (SOS) gegen Sudetendeutschen Freikorps und SS-Einheiten. Sie halfen, in den Städten die Ordnung zu bewahren und sicherten die tschechoslowakische Armee ab. In solch einer exponierten Position kam es zu Zusammenstößen mit den eindringenden Einheiten des Henlein´schen Sudetenland Freikorps.

 

Im Kampf mit den nationalsozialistischen Freikorps fielen mehrere RW-Mitglieder. Die Mitglieder der Republikanischen Wehr konnten aber nicht auf die Erinnerung an ihre Loyalität bauen.

 

Viele Mitglieder der Republikanischen Wehr schlossen sich auch der staatlichen Verteidigungsarmee an. Hitler-Deutschland duldete diese Opposition nicht, umso mehr, als dass ein paar Tausend paramilitärische Mitglieder nach der Besetzung die Besatzer bedrohen könnten in dem sie nach dem Mobilisierungsbefehl in die tschechoslowakische Armee eintreten könnte. Entsprechend ließ Hitler die Mitglieder der Republikanischen Wehr verfolgen.

 

Nach der Unterzeichnung des Münchner Vertrages verließen neben den Böhmen viele Sozialdemokraten und insbesondere deren Vertreter und Angehörige der Republikanischen Wehr das Gebiet des Sudetenlandes, wurden aber von  der tschechischen Polizei kompromisslos zurückgeschickt, wo die Gestapo mit deutscher Konsequenz und Anzeigen von Straftaten in ihren Händen gewartet hatte "Säuberte die Sudeten von marxistischen und feindlichen Elementen". Nach Angaben der westlichen Presse wurden 20.000 Flüchtlinge in Zügen zurückgeschickt. Viele von ihnen wurden vorübergehend verhaftet, aber etwa Zehntausend blieben jahrelang in Haft und Tausende starben durch das Henkerbeil im KZ, durch Selbstmord oder im Exil.

 

Die Republikanische Wehr wurde nach der Besetzung der Tschechoslowakei endgültig abgeschafft und ihre Mitglieder wurden zusammen mit den Deutschen, die den tschechischen Mobilmachungsrufen folgten, der Verfolgung durch das Nazi-Regime unterworfen. Die Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei (DSAP) stellte den offiziellen Widerstand gegen die NS-Behörden ein, Widerstand durch Sabotage und Flugblattaktionen wurde aber auch von Sozialdemokraten und kirchlichen Kreisen geheim weiter geleistet. In der Tschechischen Auslandsarmee oder in englischen Armeeeinheiten dienten rund 500 antifaschistische Soldaten.

 

Während des Krieges arbeitete das Sudetendeutsche Sozialdemokratische Exil unter der Führung von Wenzel Jaksch daran, den anti-nationalsozialistischen Widerstand gegen das Recht auf Bewahrung konservierter sozialdemokratischer Kader, einschließlich der ehemaligen Mitglieder der Republikanischen Wehr, zu legitimieren. Die Intensität des Widerstandes war vergleichbar mit dem tschechischen Widerstand.

 

 

Nichtsdestotrotz mussten auch die deutschen Antifaschisten die Heimat verlassen: "Es gibt viele meiner Kameraden in den verschiedenen Lagern, die nicht nur ihre Freiheit verloren haben, sondern auch ihre Wohnung und ein kleines bescheidenes Eigentum ... viele von denen, die 1938 Waffen gegen die Nazi-Banden in den Händen hielten, wurden verhaftet, aus ihren Häusern vertrieben und auf unbestimmte Zeit verschleppt… ", schrieb der Sudetendeutsche Sozialdemokrat und Vorkriegs-Senator Wilhelm Niessner ( 1873-1953 ) im Februar 1946 an Präsident Beneš . Eine Antworten bekam er nicht ...

 

Die ČSR-Regierung fasste erst am 24. August 2005 die Resolution Nr. 1081, wo dem deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus auf dem Gebiet der ČSR für ihre Treue gedankt wurde und das Bedauern dafür ausgesprochen dass sie im Widerspruch zu den Beneš-Dekreten nicht angemessen behandelt wurden.

 

Durch die Brillen einer nationalstaatlichen Betrachtung hat man lange nur den nationalen Widestand der Tschechen gesehen, nicht aber das Ausharren der letzten deutschen Freiheitspartei, der DSAP.

 

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