Emil Strauß

Emil Strauß (1889–1942)

Historiker, Journalist und Sozialdemokrat

Emil Strauß wurde am 17. April 1889 in Prag in eine alte deutschsprachige jüdische Familie geboren. Er studierte Geschichte an der Deutschen Universität in Prag und promovierte 1912. Schon als Student interessierte er sich intensiv für die Geschichte der Arbeiterbewegung und engagierte sich in der deutschen Sozialdemokratie Böhmens.

Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte Strauß zu den engen Mitarbeitern Josef Seligers, des ersten Vorsitzenden der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP). Auch familiär waren beide miteinander verbunden: Strauß heiratete Seligers Tochter Anny.

In Prag entwickelte sich Emil Strauß zu einem der bedeutendsten Historiker und Publizisten der deutschsprachigen Arbeiterbewegung in der Tschechoslowakei. Nach dem Krieg übernahm er zeitweise den Vorsitz der Prager DSAP. Ab 1921 arbeitete er als Redakteur, von 1935 bis 1938 schließlich als Chefredakteur des „Sozialdemokrat“, des Zentralorgans der DSAP. Daneben leitete er zeitweise den „Nordböhmischen Volksboten“.

Seine journalistische Arbeit verband Strauß mit wissenschaftlicher Forschung. Besonders bedeutend wurde seine Darstellung der Geschichte der deutschböhmischen Arbeiterbewegung. In zwei Bänden zeichnete er deren Entwicklung von den Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg nach. Seine Arbeiten behandeln nicht nur Parteien und Organisationen, sondern auch die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen sich die Arbeiterbewegung in den böhmischen Ländern entwickelte.

Die Entstehung dieser Werke verlangte ihm viel ab. Vormittags forschte Strauß in den Prager Archiven, nachmittags arbeitete er in der Redaktion. Zum Schreiben blieben häufig nur die Abend- und Nachtstunden. Seine historische Ausbildung kam ihm dabei zugute: Schon während des Studiums hatte er intensiv in Archiven gearbeitet und Quellen zur Arbeiterbewegung gesammelt.

Gemeinsam mit dem Schriftsteller und Journalisten Josef Hofbauer veröffentlichte Strauß außerdem 1930 eine Biografie über Josef Seliger. Sie zählt bis heute zu den grundlegenden Darstellungen über den Namensgeber der Seliger-Gemeinde.

Politiker und politischer Bildner

Strauß beschränkte sich nicht auf Journalismus und historische Forschung. Er arbeitete in der Zentralstelle für Bildungswesen der DSAP und gehörte von 1932 bis 1938 dem Parteivorstand an. Darüber hinaus übernahm er verschiedene öffentliche Funktionen. Ab 1928 gehörte er der böhmischen Landesvertretung an, ab 1929 dem Direktorium der Landesbank und ab 1932 dem Landesschulrat sowie dem Wirtschaftsbeirat der Tschechoslowakei.

Damit gehörte Emil Strauß zu jener Generation deutschsprachiger Sozialdemokraten, die sich nach der Gründung der Tschechoslowakei zunehmend aktiv in den demokratischen Staat einbrachten.

Warum blieb Emil Strauß in Prag?

Sein späteres Schicksal beschäftigte seine politischen Freunde auch nach dem Krieg. Ernst Paul fragte 1954 in der „Brücke“, warum es nicht gelungen war, Emil Strauß rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Strauß hatte sich im Herbst 1938 zunächst geweigert, Prag zu verlassen. Er war tief mit seiner Heimatstadt verbunden. Vor allem aber wollte er seinen betagten Vater nicht allein zurücklassen. Zudem setzte er lange Vertrauen in die demokratische Tradition der Tschechoslowakei und hoffte, in Prag bleiben zu können.

Erst später ließ er sich davon überzeugen, dass auch für ihn eine Flucht notwendig war. Für Strauß wurde ein Visum für Großbritannien beantragt. Doch die Zeit lief davon. Noch bevor er ausreisen konnte, besetzte die deutsche Wehrmacht am 15. März 1939 Prag.

Am 2. April 1939 wurde Emil Strauß von der Gestapo verhaftet.

Es begann eine jahrelange Leidenszeit durch Gefängnisse und Konzentrationslager. Im Juni 1940 kam er in das KZ Dachau, im Juli 1941 nach Buchenwald und im Oktober 1942 schließlich nach Auschwitz. Dort wurde Emil Strauß am 12. Dezember 1942 ermordet.

Ernst Paul erinnerte später daran, dass Mitgefangene aus der sozialdemokratischen Bewegung versuchten, Strauß zu helfen. Zu ihnen gehörten Kurt Schumacher und der sudetendeutsche Sozialdemokrat Alois Ullmann.

Eine Familie wird auseinandergerissen

Die nationalsozialistische Verfolgung traf nicht nur Emil Strauß. Auch seine Familie wurde auseinandergerissen.

Seine Frau Anny Strauß, geborene Seliger, überlebte die NS-Zeit und gelangte nach dem Krieg nach Australien. Ihre Tochter Marianne wurde 1944 nach Auschwitz deportiert. Sie kam später gemeinsam mit ihrem Mann in Bergen-Belsen ums Leben.

Damit verbindet sich die Biografie Emil Strauß' auf besonders eindringliche Weise mit jener Familiengeschichte, an die heute das Familiengrab Strauß auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Prag erinnert.

Die Bücher überlebten

Auch die Werke Emil Strauß' gerieten unter den Nationalsozialisten ins Visier. Seine Bücher gehörten zu jener sozialdemokratischen Literatur, die bekämpft und aus dem öffentlichen Leben verdrängt wurde.

Doch die Texte überlebten ihre Verfolger.

Ein besonderes Beispiel ist die gemeinsam mit Josef Hofbauer verfasste Biografie Josef Seligers. 2021 erschien sie erstmals in tschechischer Sprache – unterstützt von der Seliger-Gemeinde, der Ernst-und-Gisela-Paul-Stiftung und dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und in Zusammenarbeit mit der Demokratischen Masaryk-Akademie in Prag.

Damit kehrte ein Werk Emil Strauß' mehr als neun Jahrzehnte nach seinem Erscheinen in neuer Form nach Prag zurück.

Für den Historiker, Journalisten und Sozialdemokraten Emil Strauß gilt damit, was Ernst Paul bereits 1954 festhielt: Sein Leben wurde gewaltsam beendet – sein Werk aber blieb.

 

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