Josef Seliger

JOSEF SELIGER (1870 -1920)

Josef Seliger, geboren am 17. 2. 1870 in Schönborn/ Krasná Studánka, Bezirk Reichenberg in Böhmen, Sohn eines Textilarbeiters aus kleinbäuerlichem Milieu, lebte nach dem Besuch der zweiklassigen Dorfschule 1883–84 als Austauschkind bei einer tschechischen Familie, lernte Tschechisch und besuchte eine tschechische Schule.  

Seliger war nach Abschluss der Volksschule als Handweber im elterlichen Betrieb sowie in einer mechanischen Weberei tätig. 1887–88 befand er sich als Textilarbeiter auf Wanderschaft, die ihn über Schlesien und Sachsen bis nach Aachen führte. Hierbei lernte er sozialistischen Ideen kennen.

Mit der Rückkehr nach Reichenberg/Liberec 1888 schloss er sich der österreichischen Arbeiterbewegung an und war als Textil- und Gelegenheitsarbeiter tätig. Er erwarb sich Grundkenntnisse in sozialistischer Theorie, Geschichte und Philosophie und war Referent bei politischen und Bildungsveranstaltungen. 1893 wurde er vom Konsumverein Teplitz/Teplice (bei dem er später auch Aufsichtsratsmitglied und im Ersten Weltkrieg Obmann war) angestellt, um die lokale Partei- und Gewerkschaftsorganisation aufzubauen.

Als Redner sowie seit 1894 als Redakteur der „Teplitzer Volksstimme“ bzw. der „Freiheit“ (ab 1898) avancierte Seliger zum Führer der lokalen Sozialdemokratie. In diese Zeit fallen auch Tätigkeiten als Obmann des neu gegründeten Vereins der Textilarbeiter in Teplitz/Teplice und ab 1897 der Bezirkskrankenkasse in Böhmen. Sein politisches Engagement, als Mitbegründer der Gewerkschaftsorganisation der Handelsangestellten seines Bezirks, war bestimmt vom Kampf um soziale Reformen und das Selbstbestimmungsrecht der Sudetendeutschen. Seliger trat für den Aufbau eines böhmischen Landesverbandes der Sozialdemokratie ein, der 1907 gegründet und dessen erster Vorsitzender er wurde. Seliger galt bereits zu Beginn des 20. Jh. als führende Persönlichkeit der deutschen Sozialdemokratie Böhmens. Ab 1905 war er Mitglied der Landesparteivertretung Böhmens und 1907–19 Landesparteivorstand der deutsch-böhmischen Sozialdemokratie. Im selben Jahr wurde er für den Wahlkreis Teplitz-Land in den Reichsrat gewählt. Als Mitglied des Fraktionsvorstands machte er sich einen Namen als Verfassungs- und Haushaltsexperte. 1909 wurde sein Entwurf zur Organisation der Gesamtpartei auf dem Reichenberger Parteitag angenommen.

Bei Kriegsausbruch verteidigte Seliger die Burgfriedenspolitik, die zu massiven innerparteilichen Auseinandersetzungen mit der Parteilinken führte. 1918 war er zeitweise Vorsitzender des Klubs der deutschen sozialdemokratischen Abgeordneten.

Als nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie 1918 die tschechoslowakische Republik proklamiert wurde, riefen die deutschen Parlamentarier Böhmens die Provinz Deutsch-Böhmen aus. Als Mitglied der Provisorischen Nationalversammlung Deutsch-Österreichs wurde er in den Staatsrat entsandt. 1918/19 war er Landeshauptmann-Stellvertreter der deutsch-böhmischen Landesregierung in Reichenberg, die zuletzt nach Wien ausweichen musste, bevor sie aufgelöst wurde. Als stellvertretenden Landeshauptmann protestierte Seliger bei der neuen Regierung in Prag, als tschechisches Militär die noch zu Österreich gehörenden Gebiete am 3. November 1918 besetzte. Im Verbund mit den bürgerlichen Parteien Böhmens und zum Teil vom Wiener Exil aus trat Seliger für einen Anschluss an Deutschland ein. Als dieser aufgrund der Etablierung der Prager Zentralgewalt scheiterte, plädierte er für eine weitgehende Autonomie des Sudetenlandes und konzentrierte seine Aktivitäten auf den neuen tschechoslowakischen Staat.

 

Weil die deutschböhmischen Abgeordneten am 4. März 1919 nicht an der konstituierenden Sitzung der neuen österreichischen Nationalversammlung teilnehmen durften, rief Seliger zum Generalstreik und zu Kundgebungen „für das Selbstbestimmungsrecht“ auf. Zehntausende demonstrierten an diesem Tag in den deutschsprachigen Grenzgebieten der im Oktober 1918 ausgerufenen tschechoslowakischen Republik für einen Anschluss an Österreich. Der Tag endete blutig: Tschechische Sicherheitskräfte schossen an mehreren Orten in die Menge und töteten 53 Menschen. Der 4. März 1919 wurde zu einer schweren Hypothek für das weitere Zusammenleben von Tschechen und Deutschen.

 

Am 3. September 1919 wurde die Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakei (DSAP) in Teplitz in Nordböhmen gegründet. Zum unbestrittenen Vorsitzenden wurde aufgrund seiner Ausstrahlung Josef Seliger gewählt.

Im April 1920 wurde Seliger in die tschechoslowakische Nationalversammlung gewählt, wo er deren Fraktionsführer wurde.

Sein Wirken im neuen Staat war jedoch nur von kurzer Dauer: bereits schwer krank, verteidigte er als Vorsitzender 1920 auf dem 2. Parteitag der DSAP in Karlsbad/Karlovy Vary die Parteieinheit gegen auseinanderstrebende Kräfte, die sogenannten Reichenberger Linken. Die Spaltung der Partei erlebte der demokratische Sozialist nicht mehr.

Seliger, ein demokratischer Sozialist aus der Schule Viktor Adlers, sah in der Lösung der Nationalitätenproblematik die Voraussetzung für die Umsetzung einer sozialdemokratischen Politik. Bereits auf dem historischen Parteitag der österreichischen Sozialdemokratie 1899 in Brünn hatte Seliger als Referent des Parteivorstands das Nationalitätenprogramm im Sinne einer ethnischen Föderalisierung Österreich-Ungarns erläutert. Der Parteitag verabschiedete daraufhin das Brünner Nationalitätenprogramm.

Seliger starb am 18.10.1920 an den Folgen einer unbehandelten Blutvergiftung in Teplitz/Teplice und wurde in Teplitz-Bystrany/Wisterschan begraben. In Teplitz-Schönau/ Teplice-Šanov war der Sitz des Sekretariats der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Sein Tod im Alter von 50 Jahren nur wenige Tage nach dem Karlsbader Parteitag bedeutete für die Partei einen schweren Verlust.

Zu Ehren seiner Verdienste um die Sozialdemokratie und seiner Bemühungen um die deutsche Volksgruppe in seiner Heimat trägt die Seliger-Gemeinde seinen Namen.

 

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