Arbeiter-Turn- und Sportverband (ATUS)

Seliger-Online - Abendschule - 27.1.2022

Frei Heil! Der Arbeiter- Turn- und Sportverband in der Ersten Tschechoslowakischen Republik

Wenn wir heute von Sozialdemokratie sprechen, verstehen wir hierunter primär eine Partei. Sozialdemokratie war aber historisch betrachtet viel mehr. Das gilt insbesondere für Deutschland und Österreich-Ungarn, die beide Stammländer der Bewegung waren. In beiden Ländern entstanden ab den 1880er Jahren Arbeitervereine. Diese dienten vor allem der Selbsthilfe. Es entstand so ein umfangreiches Netz von Organisationen, die die Arbeiterinnen und Arbeiter in jedem Lebensabschnitt stützten. Es gab Vereine, die sich um Kinder kümmerten, um Jugendliche, die Arbeiter einer bestimmten Berufsgruppe organisierten, die wichtige Produkte zum Leben günstiger anboten. Darüber hinaus gab es Vereine, die sich bemühten, die knappe Freizeit der Werktätigen zu gestalten. So entstanden an vielen Orten Arbeiterturnvereine, deren Ziel es war, die Arbeiterinnen und Arbeiter körperlich stark zu machen, um sie die Belastungen der Fabrikarbeit bestehen zu lassen. Eigene Arbeiterturnvereine entstanden, als selbstbewusste Arbeiter nicht mehr in den bürgerlichen Vereinen mitturnen konnten. Haupttätigkeitsbereich war zunächst das Turnen und die Körperertüchtigung. Später dann kamen weitere Sportarten hinzu. Die deutschen Arbeiterturnvereine in den Böhmischen Ländern hatten sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg zu einem eigenständigen Kreisverband innerhalb Österreich-Ungarns zusammengeschlossen. Nach der Entstehung der Tschechoslowakei wurde aus diesem Kreisverband der Arbeiter- Turn- und Sportverband, der flächendeckend in den deutschsprachigen Gebieten Vereine hatte. Er wurde zu einer der bedeutenden Massenorganisationen der sudetendeutschen Sozialdemokratie und bot ein breites Spektrum an sportlichen Aktivitäten: u.a. Turnen, Leicht- und Schwerathletik, Fußball, Ballsportarten, Schwimmen, Wintersport.

 

Insgesamt dreimal richtete der ATUS große Bundesturnfeste aus (Karlsbad 1924, Aussig 1930, Komotau 1936). Diese Feste waren eine Massendemonstration sozialdemokratischer Überzeugung. Das gilt auch für die großen Arbeiterolympiaden, an denen der ATUS mit einer Mannschaft teilnahm und die von der Sozialistischen Arbeitersportinternationale veranstaltet wurden, deren Mitglied der ATUS war. In den schicksalshaften 30er Jahren sollten sich viele Mitglieder des ATUS in den Dienst der sozialdemokratischen Selbstverteidigungsorganisation Republikanische Wehr stellen. Diese Organisation stellte sich der Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten. Mit dem Münchener Abkommen blieb vielen dann aber nur die Flucht. Nach Krieg, Vertreibung und Aussiedlung fanden sich viele Mitglieder des ATUS in Süddeutschland wieder. Zu einer Neugründung des Verbandes kam es aber nicht mehr. Die SPD, der sich nun auch die sudetendeutschen Sozialdemokraten angeschlossen hatten, hatte ihre Taktik geändert. Man wollte nicht mehr wie in der Weimarer Republik mit all den Organisationen einen Staat im Staate bilden. Man wollte in der Mitte der Gesellschaft stehen und lieber in den großen überparteilichen Organisationen sozialdemokratische Politik machen. Gelegentlich sollte aber auch der gute alte ATUS ein Comeback feiern. In den 50er Jahren nahmen ATUS-Sportler noch an Sportfesten befreundeter Verbände teil. Bis in die 70er Jahre gab es Treffen von ehemaligen ATUS-Mitgliedern.

Der ATUS ist nun Geschichte. Er hat sich aber fest eingeschrieben in die Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie, die bis heute in diesem tragischen deutsch-tschechischen Jahrhundert für eine Alternative von Verständigung, Freiheit und Demokratie steht.


Thomas Oellermann

 

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