Die Erdrutschwahlen des Jahres 1935
In der Abendschule zu den Grundlagen der Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie referierte Dr. Thomas Oellermann am 08.10.2025 über die „Erdrutschwahlen des Jahres 1935“.
Am 19. Mai 1935 fanden in der Tschechoslowakei die letzten freien, demokratischen Parlamentswahlen für eine lange Zeit statt. Bei diesen Wahlen, die über das weitere Schicksal der Republik entscheiden sollten, erzielte die Sudetendeutsche Partei (SdP) von Konrad Henlein 15,8 Prozent und damit die meisten Stimmen in der gesamten Republik. Mit ihren 44 Mandaten mussten sie aber doch der tschechischen Agrarpartei als stärkste Partei im Parlament den Vortritt lassen.
Seit den letzten Wahlen von 1929 hatte sich die innen- und außenpolitische Situation der jungen Tschechoslowakei sehr verändert. Zur grassierenden Weltwirtschaftskrise kam der Machtantritt Hitlers in Deutschland, von dem die über 3 Millionen in der Tschechoslowakei lebenden Deutschen nicht unbeeinflusst blieben, hinzu.
Die Parlamentswahlen von 1935 sollten zeigen, ob sich die Deutschen 17 Jahre nach der Gründung der Tschechoslowakei an ihre Situation in diesem von ihnen zunächst abgelehnten Staat gewöhnt hatten. Dafür sprach die Beteiligung sogenannter aktivistischer Parteien an der Regierung seit 1926. Dagegen traten allerdings sogenannte negativistische Parteien auf, die eine Mitarbeit im tschechoslowakischen Staat strikt ablehnten und den Anschluss an das Deutsche Reich forderten. Im Herbst 1933 waren zwei dieser Parteien verboten worden: die "Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei", kurz DNSAP und die "Deutsche Nationalpartei" DNP. Ihnen wurde direkte Zusammenarbeit mit der NSDAP und dem Dritten Reich vorgeworfen. Das Verbot der beiden nationalsozialistischen Parteien sollte ungeahnte Folgen haben. Denn als Ersatz für die beiden Parteien rief der aus dem westböhmischen Asch/Aš stammende Turnlehrer Konrad Henlein im Oktober 1933 die Sudetendeutsche Heimatfront ins Leben - eine Sammelbewegung für alle im Lande verzweifelten deutschen Arbeitslosen als auch für fanatischen Anhängern der Nationalsozialisten. Diese Bewegung benannte sich im März 1935 in "Sudetendeutsche Partei" umund wurde zu den Wahlen zugelassen.
Die Weltwirtschaftskrise wirkte sich insbesondere auf die von Deutschen besiedelten Gebiete und ihre Konsumgüterindustrie aus. In manchen, zum Großteil von Deutschen bewohnten Bezirken, stieg die Arbeitslosenrate auf bis zu 40 Prozent (der tschechische Durchschnitt lag bei etwa 20Prozent). Schuld an der schlechten wirtschaftlichen Lage wurde nicht nur der Prager Regierung gegeben, sondern auch den deutschen aktivistischen Parteien, deren Politik der Verständigung mit den Tschechen von vielen unzufriedenen Deutschen als gescheitert erklärt wurde.
Einen schweren Standpunkt hatten die beiden deutschen Regierungsparteien, die Sozialdemokraten und der Bund der deutschen Landwirte beim einsetzenden Wahlkampf. Ihre Anhänger liefen zu Henlein über, da sie von Seiten der Prager Regierung keine Besserung ihrer Situation mehr erwarteten. Die Weltwirtschaftskrise wirkte sich insbesondere auf die von Deutschen besiedelten Gebiete und ihre Konsumgüterindustrie aus. In manchen, zum Großteil von Deutschen bewohnten Bezirken, stieg die Arbeitslosenrate auf bis zu 40 Prozent - in den zumeist tschechischen Gebieten sank die Arbeitslosenzahl Mitte der 30er Jahre auf durchschnittlich 5 Prozent.
Brot, Wurst und Geld
Die Sudetendeutsche Partei nutzte die Notlage vieler Deutscher in ihrem Wahlkampf aus. Da sie genügend Gelder aus dem Deutschen Reich und von der deutschen Wirtschaft in der Tschechoslowakei erhielt, hatte sie keine finanziellen Probleme und konnte mit großzügiger Hilfe die verarmten Deutschen unterstützen: auf ihren Wahlveranstaltungen verschenkten sie Brot, Wurst und Geld, zudem organisierte die Partei die Sudetendeutsche Volkshilfe: ihre Mitglieder erhielten Kleidung, Heizmaterial und Lebensmittel umsonst. Gegen einen so geführten Wahlkampf hatten die Sozialdemokraten und der Bund der Landwirte keine Chance.
Am 19. Mai 1935 war es dann soweit: Es bestand damals Wahlpflicht, aber gut 7 Prozent gingen nicht wählen und der befürchtete Erdrutschsieg der Sudetendeutschen Partei trat ein - 1,2 Millionen Deutsche hatten für Henlein gestimmt, nur 600.000 für die beiden aktivistischen Parteien, rund 100.000 Deutsche für die internationale kommunistische Partei. D.h., 67 Prozent der Deutschen hatten der Sudetendeutschen Partei ihre Stimme gegeben, die Sozialdemokraten verloren über ein Drittel ihrer Wähler. Die DSAP errang nur noch 11 der 300 Mandate im tschechoslowakischen Parlament. Der Bund der Landwirte musste ebenfalls hohe Stimmenverluste hinnehmen und vertrat nun nur noch knapp 8 Prozent der deutschen Wähler. Mit 1,2 Millionen Stimmen war die Sudetendeutsche Partei stimmenstärkste Partei in der gesamten Tschechoslowakei.
Die tschechischen Wähler hatten sich im Gegensatz zu den Deutschen nicht von den populären Parolen des Faschismus bzw. Nationalsozialismus beeinflussen lassen. Die Regierungsparteien konnten ihre Stimmenzahl halten oder verbessern, die tschechischen faschistischen und extrem nationalistischen Parteien hatten keine Chance. Dank des Mandatsvergabesystem erhielten die tschechischen Agrarier einen Sitz mehr als die SdP im Parlament und wurden mit der Regierungsbildung beauftragt.
In der neuen Regierung waren erneut zwei deutsche Parteien vertreten, die Sozialdemokraten und der Bund der Landwirte. Die neue Regierung hatte gegen den Druck von innen und außen zu kämpfen - trotz Versuchen, die Lage der Deutschen zu verbessern, wuchs der Einfluss der Sudetendeutschen Partei. Drei Jahre nach den letzten Parlamentswahlen hatte Henlein auf ganzer Linie gesiegt: bis auf die Sozialdemokraten hatten sich die deutschen Parteien aufgelöst bzw. sich seiner Partei angeschlossen, die nun auch im Ausland als Sprachrohr aller Sudetendeutscher auftrat und im Herbst 1938 im Münchner Abkommen ihr Ziel erreichte.
Die sozialdemokratische Presse titelte am Tag nach der Wahl 1935: „Im tschechischen Lager siegt die Demokratie. Im deutschen Lager siegt der Faschismus.“ Aber man gibt nicht auf und will weiterkämpfen.
Heute, nach der Wahl 2025, steht die tschechische Sozialdemokratie am Scheideweg. Nach schlechten Ergebnissen bei den letzten Wahlen, geht es dieses Mal um die Existenz.
Die Abendschule mit Thomas Oellermann zum Thema „Erdrutschwahlen des Jahres 1935“ kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.
Die seliger-online-Veranstaltungen finden mit großzügiger Unterstützung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages statt.