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Die Kulturarbeit in der sudetendeutschen Arbeiterbewegung
Beim Thema „Kunst und Kultur der sudetendeutschen Sozialdemokratie“ denkt man zuerst an die einzelen Akteure und Akteurinnen die Kunst und Kultur produziert haben, u.a. an den Illustrator Georg Hans Trapp, den Literaten Josef Hofbauer oder die junge Erna Haberzettl, die Gedichte geschrieben hat. In der Abendschule zum 4. Dezember 2025 hat Dr. Thomas Oellermann einen größeren Überblick zur Kulturarbeit in der sudetendeutschen Arbeiterbewegung gegeben.
„Kultur und Arbeiterkultur muss man immer im Zusammenhang sehen“, so Oellermann. Die Arbeiterkultur ist keine spezielle Kunstform sondern ein Lebensentwurf. Sie versucht die Frage zu klären, „Wie lebt man als Arbeiterin oder Arbeiter“, „Wie kann man sich von einer bürgerlichen Lebensweise abzusetzen, weil man diese aus verschiedenen Gründen als verwerflich anssieht?“ Es gehe um „Kunst und Kultur im engeren Sinne“, so Oellermann weiter, der sich die Strukturen, Formen und Organisationen angesehen hat und sich auf zwei Hauptrichtungen konzentrierte: Theater und Gesang/Musik
Musik und Gesang
Es gab diverse Kapellen, Spielmannszüge und Chöre in allen möglichen Untergruppierungen. Auch hier galt: wo man sich gerade fand, wurde gesungen. Das Singen in der Gemeinschaft bereitete nicht nur Vergnügen, sondern half auch, die Gemeinschaft zu stärken „und bei den Armen des Volkes die Sehnsucht nach Höherem zu wecken“. Aufgrund ihrer Verbreitung und ihrer langen Tradition nahm die Arbeitermusikbewegung im Gegensatz zum Arbeitertheater eine ungleich gefestigtere Position ein. Chöre waren mitunter die älttesten Arbeiterorganisationen mit sehr langer Geschichte, deshalb seien viel Chöre mit Arbeiterturnvereinen zu finden. Arbeitergesang und Arbeitermusik waren von Beginn an feste Bestandteile der Bewegung. Als der junge Josef Seliger als Proletarierkind vom bürgerlichen Turnverein abgelehnt wurde, fand er eine Heimat bei den Arbeitersängern in Alt-Habendorf.
Dass die Arbeitermusikbewegung im Großen und Ganzen eine Sängerbewegung blieb, war auf die finanziellen Schwierigkeiten vieler Arbeiterfamilien und die mangelnde Notenkenntnis zurückzuführen, womit mit Ausnahme von Harmonika und Mandoline kein Instrument in Frage gekommen ist.
Musik und Gesang oblagen hauptsächlich dem im September 1919 gegründeten Arbeitersängerbund (ASB). Dieser ging auf einen 1891 ins Leben gerufenen Arbeitersängerbund für Nordböhmen und den 1901 geschaffenen Reichsverband der Arbeitergesangvereine Österreichs zurück. Einer der führenden Köpfe war Adolf Wondrejz aus Bodenbach, der nach 1934 Vorsitzender der Arbeiter-Sänger-Internationale (Idas) mit dem Sitz in Zürich wurde.
In großen Städten gab es neben den angesprochenen Chören der Unterorganisationen sogenannte Volkssinggemeinden wie z.B in Aussig. Für die Volkssinggemeinde Aussig sind für 1929 250 Mitglieder belegt und dass sich die Gruppe „mit einer Aufführung ber 9. Sinfonie von Beethooven erftmalig an die ganz große Konzert-Literatur gewagt“ habe. Weiter wird berichtet, dass 1929 von den 10.000 Mitgliedern des Verbandes 70 Prozent im Arbeitersängerbund organisiert seien.
Der Grundpfeiler bes Arbeiter-Männergesangs war das Kapflied. 1925 erklärte Josef Hofbauer, dass Arbeitersänger den „Gipfel ihrer Bestrebungen“ nicht in der Aufführung von Operetten sehen dürften, da sie sonst ihre eigenen Konzerte auf das Niveau von „Couplet-Abenden“ herabdrücken würden. Zu einer Anhebung des Niveaus kam es durch die Aussiger und die Prager Volkssinggemeinde, deren Aufführungen von Beethoven und Verdi eine Weiterentwicklung der traditionellen Arbeitergesangvereine darstellten. Die Volkssinggemeinden waren ein Zusammenschluss verschiedener örtlicher Arbeitergesangsvereine. Bereits 1914 existierte ein vergleichbarer Volkschor für Teplitz, Turn, Weißkirchlitz und Teplitz-Waldthor.
Musik und Gesang waren auch in anderen Organisationen der Sozialdemokratie ein wichtiges Element. Die Brünner Naturfreunde hatten eine eigene Mandolinengruppe, die für andere örtliche Verbände aufspielte, etwa im April 1930 beim Festabend für langjährige Mitglieder des Verbandes der Eisenbahner. Die Rothauer Metallarbeiter hatten eine Gesangssektion, die Warnsdorfer öffentlichen Angestellten eine freiwillige Musikkapelle sowie die Glasarbeiter von Teplitz-Waldthor einen Gesangsverein. Die SJ in Prag wiederum veranstaltete Musikabende mit Mandolinen, Zithern und Streichern.
Arbeiter-Gesang und -Musikvereine spielten in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung über die als Musik-/Gesangorganisationen deklarierten Vereine hinaus eine nicht unwesentliche Rolle. Hier wären das Singen und Musizieren bei Aufmärschen, Demonstrationen, Feiern {Märzfeier, 1. Mai, Novemberfeier) und Streiks, Musik in Veranstaltungen von Partei- oder Gewerkschaftsorganisationen zu nennen.
Oellermann verwies auch auf die Kunstform „Sprechgesang“, die vor allem in Deutschland, weniger im Sudetenland gepflegt wurde.
Theater
Zum Thema Arbeiter-Theater stellte Oellermann fest, dass es neben den großen Arbeiterbühnen auch viele Arbeiter-Theatergruppen gegeben hat. Es gab Theatergruppen in den verschienenen Unterorganisationen wie Gewerkschaften, ATUS,... – „man spielte, wo Gleichgesinnte zusammen kamen“, so Oellermann. Eine der bekanntesten war die unter Führung von Josef Hein 1919 gegründete die Sektion „Bühnenfreunde“, von Altrohlau, wo die Eltern von Olga Sippl mitspielten Sie widmete sich fortan dem Schauspiel, der Operette und dem Singspiel. Im „Kulturwille“ von April 1937 konnte auf eine ganze Reihe von Arbeiterbühnen und Jugendspielscharen verwiesen werden. Für viele Gruppen der SJ schien – die Gruppe von Haida sei Beispiel – das Kabarett ein Mittel zu sein, um „agitatorisch-kämpferisch“ zu wirken und der Partei beizustehen. Die SJ in Reichenberg hatte eine Spieltruppe namens „Kabarett der 13“. Die Blattnitzer Bergarbeiter besaßen ebenfalls eine Theatersektion, die unter anderem auftrat, um Geld für die Weihnachtsbescherung zu sammeln.
Das Theater stellte für das kulturelle Leben der Arbeiterbewegung eine Bereicherung dar. Ausgangspunkt dieser Bestrebungen war anfangs Prag. Hier hatte es bereits im Oktober 1906 eine erste Arbeitervorstellung am Neuen Deutschen Theater gegeben. Initiator war der Optiker Moritz Deutsch. Arbeiter-Theatervorstellungen in städtischen Theatern etablierten sich später auch in Brünn, Landskron, Lundenburg, Kaaden und Aussig.
Die Arbeiter-Theater spieleten nicht den volkstümlichen Schwank, sondern versuchten anspruchsvolles Theater zum Sozialismus oder den Zielen der Arbeiterbewegung aufzuführen. Statt auf kitschig empfundene Stücke zurückzugreifen, spielte man auch neuere Stücke von Hubert Leinsmer, Josef Hofbauer, Bruno Schönlank und Fritz Rosenfeld.
Bei großen Festlichkeiten wie z.B. Silvesterbällen usw, griffen die Arbeiterbühnen auch auf Stücke des Volkstheaters zur reinen Unterhaltung zurück, schränkte Oellermann den hohen Anspruch etwas zurück und musste eingestehen: „Man tat sich schon schwer, von den bürgerlichen Formen wegzukommen, die eher auf Unterhaltung als auf schwere Kost ausgerichtet waren!“ Auf dem Erntedankfest der Schlaggenwalder Kleinbauern und Häusler 1935 trat neben einer Musikkapelle auch eine Arbeiterdilettantenbühne auf. Das „überaus lustige Schauspiel“ habe die Zuhörer immer wieder zu „Lachsalven“ gebracht. Die großen Unterschiede hinsichtlich Themen und Aussagekraft der gezeigten Stücke führten zu Diskussionen. Laut der Erzieher des ATUS müsse das „übliche Theaterspielen“, also die Aufführung „meist kitschiger antisozialistischer Stücke“ durch eine „proletarische Fest- und Feiernkultur“ überwunden werden.
„Beratungsstelle für proletarische Festkultur“
Die Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Ersten Tschechoslowakischen Pepublik (DSAP) legte großen Wert auf die Kulturarbeit, so Oellermann weiter. Dies verschäft sich und wurde weitergepuscht durch dan erstarkenden Nationalsozialismus und das Aufkommen der Sudetendeutsche Partei (SdP). Deshalb wurde eine eigene „Beratungsstelle für proletarische Festkultur“ beim Parteivorstand Ende der 1930er gebildet, deren Archiv (die meisten anderen DSAP-Archive gingen verloren) ist, wie auch immer dort hingekommen, beim Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam zu finden.
Nach 1945 hinaus fand die kulturelle Arbeit in der Seliger-Gemeinde eine Fortsetzung, u.a. durch mehrere Chöre, unter denen der bekannteste der 1956 gegründete Josef-Seliger-Chor in Plochingen war. Die Auflösung des Chors erfolgte am 18. Juni 2016. Lt. Thomas Oellermann gab es auch mehrere Tanzgruppen. Diese waren wichtig für die sudetendeutsche Identität, bedeutete aber auch eine Loslösung von dem reinen Anspruch der Arbeiterkultur Richtung Folklore der sudetendeutschen Volksgruppe.
Die Abendschule mit Thomas Oellermann zum Thema „Kulturarbeit in der sudetendeutschen Arbeiterbewegung“ kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.
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