seliger-online 04.12.2025

Veröffentlicht am 07.12.2025 in Allgemein

Kultur zwischen Kollaboration und Widerstand

Nationalsozialistische Kulturpolitik im Protektorat Böhmen und Mähren

Zur letzten seliger-online-Veranstaltung 2025 am 4. Dezember 2025 lag der Themenschwerpunkt erneut auf 80 Jahre Kriegsende und dem Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. In den Jahren 1939 bis 1945 litt Europa unter dem Terror der Nazis. Jeglicher Widerstand wurde mit aller Härte unterdrückt. Dies galt auch für das Protektorat Böhmen und Mähren. Es gab aber hier auch Räume, um sich mit dem nationalsozialistischen Regime zu arrangieren. Besonders deutlich wird dies in der Kultur. Wie aber sah die nationalsozialistische Kulturpolitik im Protektorat aus? Welche Möglichkeiten hatten Kulturschaffende in diesen Jahren? Wie sah tschechischer Widerstand in Kunst und Kultur aus?

Diese Fragen diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem aus Velbert (Nordrhein-Westfalen) stammenden Historiker Dr. Volker Mohn. Dieser schrieb nach einem Studium der Neueren Geschichte, Osteuropäischen Geschichte und Literaturwissenschaften an der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf im Sommer 2011 seine Dissertation zum Thema „NS-Kulturpolitik im Protektorat Böhmen und Mähren. Konzepte, Praktiken, Folgen“. Sein Doktorvater war der erst kürzlich verstorbene Prof. Dr. Dr. h. c. Detlef Brandes. Seit 2016 arbeitet Mohn für die Volkshochschule Bad Homburg als Fachbereichsleiter für Kunst und Kulturgeschichte, Geschichte, Exkursionen und Gesundheit. Das Gespräch moderierte Christa Naaß, Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde, die in ihrer Einführung an die aktuellen Parallelen im Umgang von Autoritäten Regimen mit der Kultur erinnerte.

Volker Mohn begann seine Ausführungen mit folgendem Zitat: „Laut NS-Propaganda erlebten die Tschechen unter deutschem Protektorat eine kulturelle Blütezeit“. In offiziellen Verlautbarungen habe das Besatzungsregime mit dieser Formulierung regelmäßig die angeblich großen Möglichkeiten der Künstler hervorgehoben, so der Referent. Derartige Behauptungen seien natürlich ins Reich der Legenden zu verweisen. Dennoch: Der tschechischen Bevölkerung seien gerade im kulturellen Bereich vergleichsweise große Freiräume verblieben, ihr wurde nicht nur Propaganda zugemutet und leichte Unterhaltung vorgesetzt. Die Menschen hatten weiterhin Zugang zu nationalen Klassikern. Im Nationaltheater wurde Bedřich Smetanas Verkaufte Braut dargeboten, literarische Werke des 19. Jahrhunderts entwickelten sich zu Bestsellern. Auch die Mehrheit der Künstler konnte zunächst weiterarbeiten, wenn sie ihr weiteres Wirken den Vorgaben deutscher Stellen anpassten – und nicht jüdischer Herkunft waren.

Mythos Autonomie

Für Fragen der tschechischen Kultur seien tschechische Stellen zuständig gewesen, so der Referent. In dem „Erlass des Führers und Reichskanzlers über das Protektorat für Böhmen und Mähren“ war den Tschechen eine „autonome Entwicklung des völkischen Lebens“ zugesichert worden. Formal bestand die „Kulturautonomie“ der Tschechen tatsächlich – und das seit Errichtung des Protektorates im März 1939. Auf den ersten Blick schien dies tatsächlich zuzutreffen. Dennoch kann von einer Kulturautonomie keinesfalls die Rede gewesen sein, denn durch die Errichtung einer parallelen Verwaltung ließ deren Einschränkung nicht lange auf sich warten. Mit der Kulturabteilung im Amt des Reichsprotektors wurde eine deutsche Behörde aufgebaut, die fortan parallel zu den tschechischen Stellen agierte und direkt in deren Arbeit eingreifen konnte. Sie agierte neben den für den Kulturbereich zuständigen tschechischen Behörden wie das Ministerium für Schulwesen und Volksaufklärung. Mit Rücksicht auf die „Kulturautonomie“ war diese Stelle formal lediglich für Fragen der deutschen Kultur zuständig. Tatsächlich ging ihre Aktivität aber weit darüber hinaus und zielte auf eine Kontrolle und Lenkung des tschechischen Kulturlebens ab. Ähnlich wie in Nord- und Westeuropa wurden laut Mohn zur Unterstützung des deutschen Kulturlebens beträchtliche Geldsummen freigesetzt. Bei der Auswahl der zu untersuchenden kulturellen Bereiche hätten allein angesichts des Umfangs des Themas Eingrenzungen vorgenommen und Schwerpunkte festgelegt werden müssen. Im Rahmen seiner Arbeit hatte Mohn die Bereiche Theater, Film, Musik und Literatur in den Vordergrund gestellt. Andere Felder wie Malerei oder Schul- beziehungsweise Hochschulpolitik wurden dagegen nicht gesondert thematisiert.

Die NS-Kulturpolitik war, laut Mohn, kein beständiges Politikinstrument, sie war ein sich ständig änderndes System. Sie agierte nicht einheitlich, denn viele ihrer Akteure und Institutionen verfolgten eigene Interessen und so kam es zu kulturpolitischen Einflusskämpfen und Konkurrenz zwischen den Institutionen. Es hatte für die weitere Entwicklung des tschechischen Kulturlebens weitreichende Auswirkungen gehabt, dass die Errichtung des Protektorates noch ohne Kriegshandlungen verlaufen war, dass anfangs bei Maßnahmen und Personalentscheidungen noch Rücksicht auf die Meinungen ausländischer Regierungen genommen wurde und sich darüber hinaus die deutschen Interessen im böhmisch-mährischen Raum deutlich von denen in anderen besetzten Gebieten unterschieden. Im Vordergrund der deutschen Besatzungspolitik hat die Nutzung der tschechischen Industrie für die deutsche Kriegswirtschaft gestanden. Radikalere und ideologische Zielsetzungen existierten zwar, sind aber zunächst weitgehend zurückgestellt worden, um die Rüstungsproduktion nicht zu gefährden und eine Konsolidierung der deutschen Herrschaft sicherzustellen. Zu diesem Zweck waren deutsche Behörden vor allem in den ersten beiden Jahren der Besatzungszeit zu Zugeständnissen gerade in der Kulturpolitik bereit gewesen. Auch reichsdeutsche Behörden wie das Berliner Propagandaministerium verfolgten im Protektorat bestimmte Ziele, stellte Mohn fest. Doch stimmten auf mehreren Gebieten die Interessen des Ministeriums nicht immer mit denen des Amtes des Reichsprotektors überein. Bei den deutschen wie den tschechischen Kulturbetrieben handelte es sich um öffentliche Institutionen, die meist auf entsprechende Unterstützung staatlicher Stellen angewiesen waren, darunter einige der größeren Theater. Doch auch private Anbieter, beispielsweise kleinere private Theater, Konzertagenturen oder die meisten Verlage waren vom Wohlwollen der Machthaber abhängig. Nicht zuletzt spielten finanzielle Motive immer eine Rolle. Diese eingeschränkte Kulturautonomie und der besondere Status des Protektorates haben das Thema Kulturpolitik und die Reaktion der tschechischen Kulturschaffenden zu einem zentralen Aspekt der Besatzungszeit gemacht.

Freiräume als Ventil und Druckmittel

Die NS-Kulturpolitik war während der Besatzungszeit mehrfach erheblichen Änderungen unterworfen. Volker Mohn beantwortete die Frage, wie und aus welchen Gründen es zu diesen Kurswechseln kam und inwiefern sich dies auf das tschechische Kulturleben auswirkte. Bis September 1941 erscheine die deutsche Kulturpolitik ambivalent. Einerseits habe es vielerlei Versuche gegeben, durch entsprechende Eingriffe eine möglichst lückenlose Kontrolle des tschechischen Kulturlebens zu erreichen. Andererseits hätte sich der Reichsprotektor gerade in dieser Phase bemüht, den Anschein einer tschechischen Kulturautonomie zu wahren – oder besser, der Bevölkerung gezielt die „Illusion einer tschechischen Autonomie“ zu erhalten. Die meisten tschechischen Kulturveranstaltungen hätten einen betont nationalen Charakter gehabt, so Mohn. Die Theater-, Musik- und Filmschaffenden sahen sich weiterhin als Vertreter einer tschechischen Eigenständigkeit und wurden von der Öffentlichkeit ebenfalls als solche gefeiert. So wurden auch die zahlreichen Konzerte mit Werken Bedřich Smetanas und Antonín Dvořáks allgemein als nationale Programme wahrgenommen und von den applaudierenden Zuhörermassen oftmals mit politischer Spitze demonstrativ bejubelt.

Zudem zeigte Mohn für die Bereiche Literatur, Theater, Film und Musik auf, wie tschechische Behörden, Institutionen und nicht zuletzt Künstler auf deutsche Maßnahmen reagiert haben. Zumindest teilweise sei das tschechische Publikum auch gegenüber deutschen Kulturdarbietungen aufgeschlossen gewesen. Mohn zufolge hatten die Mechanismen im Kulturbereich ein eindeutiges Ziel: die Aufmerksamkeit der Tschechen von der politischen Agenda abzulenken, aufgewühlte Emotionen zu beruhigen und die Alternative eines wirtschaftlich und sozial gesicherten und kulturell anregenden Lebens anzubieten. Die deutsche Okkupationsmacht hatte also ein Interesse daran, das kulturelle Leben der tschechischen Bevölkerung zu erhalten und zugleich ein Kontroll- und Zensursystem aufzubauen. Die öffentlich praktizierte tschechische nationale Kultur sollte nicht nur die Aktivität der autonomen Protektoratsverwaltung, sondern auch die Realität der nationalsozialistischen Herrschaft durch eine schrittweise Germanisierung der tschechischen Kultur legitimieren. Dazu gehörte ebenso die planmäßige Stärkung der deutschen Kultur mit Hilfe deutscher Schulen und Kultureinrichtungen.

Mohn stellte die künstlerischen Freiräume in der Besatzungszeit in Frage: In welcher Weise wurden diese von Künstlern und Publikum genutzt? Inwieweit duldeten die Prager Kulturkontrolleure bewusst „national-tschechische“ Darbietungen? Einige tschechische Künstler, die bereits vor dem 15. März 1939 in Behörden und Kulturinstitutionen zentrale Funktionen innehatten, übten diese auch während der Besatzungszeit weiter aus. Einigen prominenten tschechischen Kulturschaffender, wird eine Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht vorgeworfen. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Verhalten zahlreicher tschechischer Künstler, die weniger im Rampenlicht standen, fehle bisher, so Mohn weiter. Schnell wird deutlich, dass sich der größte Teil der tschechischen Intellektuellen eben nicht in feste Kategorien einteilen lässt, sondern sich wesentlich vielschichtiger und oft widersprüchlich in sich selbst verhielt. Laut Mohn kam es nach der ersten Phase der Besatzung und der Einsetzung Heydrichs im Protektorat zu einer erheblichen Radikalisierung der Germanisierungs- und Kulturpolitik. Im kulturellen Bereich hätten sie zur Folge gehabt, dass Deutsche in Schlüsselpositionen von tschechischen Behörden und Institutionen einrückten und deren Arbeit lenken sollten. Nachdem die Wehrmacht vermehrt in Bedrängnis kam, nutzte die widerständige Bevölkerung ihre kulturellen Freiräume. Auf diese Reaktion der Bevölkerung musste die Besatzungsmacht reagieren und dies machte sie meist mit Hilfe von radikalen Maßnahmen wie Einschüchterung, Verfolgung und Verhaftungen. Dies spitzte sich nach dem Attentat auf Heydrich weiter zu.

Volker Mohn erklärte weiter, dass ein zentraler Aspekt seiner Arbeit die Frage gewesen sei, wie tschechische, aber auch deutsche Künstler sich während der Okkupation verhielten und wie sie auf unterschiedliche Maßnahmen der Besatzungsmacht reagierten. Allzu unterschiedliche Motive hätten die Verhaltensmuster der Künstler geprägt. Ein großer Teil von ihnen hätte von vornherein keine Möglichkeit, weiter kulturell tätig zu sein – so vor allem jüdische und linksorientierte Künstler und Intellektuelle. Gerade sie hätten in der Zwischenkriegszeit das kulturelle Leben in der Tschechoslowakei entscheidend mitgeprägt. Die systematische Verfolgung und Ermordung, denen Juden auch im Protektorat ausgesetzt waren, vernichtete dieses kulturelle Erbe unwiederbringlich. Teilweise gelang ihnen noch rechtzeitig die Emigration. Viele Künstler jüdischer Herkunft überlebten die Shoa hingegen nicht.

Zwischen Kollaboration und Widerstand

Für viele tschechische Künstler wurde die Besatzungszeit in vielen Fällen zu einer Gratwanderung, stellte Mohn klar. Während sie einerseits versuchten, sich nicht allzu sehr durch Maßnahmen und Angebote der Besatzungsmacht ausnutzen zu lassen und sich möglichst in Nischen und weniger kontrollierte Freiräume zurückzuziehen, machten sie auf der anderen Seite doch Zugeständnisse. Diese wurden von den Behörden nicht nur erwartet, sondern auch regelmäßig als Bedingung dafür eingefordert, die künstlerische Tätigkeit fortsetzen zu können und bisherige Freiräume zu erhalten. Für die Prager Kulturabteilung wurde das angebliche Zugeständnis tschechischer Kulturautonomie auf diese Weise in vielen Fällen zu einem Druckmittel. Wie weit dies führen konnte, zeigte Mohn am Beispiel des Dirigenten Václav Talich auf. Dieser wurde mehr und mehr durch eine erzwungene Nähe zur Besatzungsmacht diffamiert.

Bei der Tschechischen Philharmonie, die als Vorzeigeobjekt der vorgeblichen tschechischen Kulturautonomie fungierte, erfolgte eine direkte Einflussnahme über die Spielplangestaltung. Insgesamt war der Umgang mit diesem Klangkörper von einem Wechselspiel aus Freiräumen und Kompromissen mit der Besatzungsmacht geprägt.

Auch die Theaterpolitik war entsprechend geprägt von Eingriffen in Personalentscheidungen und von der Kontrolle der Spielpläne. Einflussnahme erfolgte aber auch über finanzielle Zuschüsse sowie den Aufbau eines deutschsprachigen Theaterlebens. Insgesamt dominierten scheinbar unpolitische Unterhaltungsstücke, mit denen aber auch neue Publikumsschichten erschlossen werden sollten.

Die zentrale Frage, ob die Besatzungsmacht einen kulturpolitischen Masterplan hatte, lässt sich höchstens für den Film mit Ja beantworten. Unter den kulturpolitischen Mitteln findet man eine Bandbreite von repressiven Maßnahmen, die von Kontrolle und Zensur über die gezielte Förderung bestimmter Kulturbereiche durch materielle Anreize und Propaganda bis hin zur wirtschaftlichen Durchdringung reichen, wie es bei der Zeitschrift „Světozor“ und vor allem beim Film der Fall war. Mohn machte dies am Beispiel der Prag-Film AG fest, die sich in den Jahren 1941 bis 1945 im Spannungsfeld zwischen Protektorats- und Reichskinematografie-Vorgaben bewähren musste.

Für die Literaturpolitik und ihren führenden Funktionär August Ritter von Hoop zeigte sich im Protektorat dann das Bestreben „aktiver Lenkungstätigkeit“. Erkennbar war hier, wie Mohn darstellte, die Einflussnahme durch die Darstellung der sudetendeutschen Dichtung als „Frontgemeinschaft im Frieden“ und Diffamierung der Prager Autoren als „volksfremde Elemente“. Die Aufgaben der Sektion Schrifttum umfassten nach Hoop die „Zentralisierung der Zensur des gesamten nichtperiodischen tschechischen Schrifttums“, die „zentrale Lenkung der Papierbewilligung“, die Überprüfung von tschechischen Texten vor 1939, die „Förderung der Autoren“, die „Erfassung der Aktivitäten von Autoren, Verlegern, Buchhändlern und Druckereien“ sowie die „Erteilung von Verlags- und Buchhandelskonzessionen“. Die Autorenförderung umfasste dabei Unterstützung bei Werbung, Dichterfahrten, Literaturpreise und Buchausstellungen, eine Förderpolitik sowohl für deutsche als auch für tschechische Autoren, wobei in beiden Fällen Propagandazwecke im Zentrum standen. Dabei duldete man durchaus wie in der Musik Stücke mit patriotischen Anspielungen.

Für alle andere Bereiche zeichnet Mohn ein breites Repertoire kulturpolitischer Instrumente wie Maßnahmen direkter Kontrolle (Zensur, Verbote, Beschlagnahmungen) und indirekter Lenkung, die darauf zielten, der tschechischen kulturellen Konkurrenz eigene Angebote entgegenzusetzen, aber keine klare Linie erkennen lassen.

Ähnlich verlief auch die Entwicklung auf Seiten des Publikums, das bestehende Freiräume in den ersten Jahren der Besatzungstätigkeit in Anspruch nahm, zu einer stärkeren Distanzierung von deutschen Kulturangeboten, auch wenn es keinen generellen ‚patriotischen‘ Boykott“ gegenüber deutschen Produktionen gab. Der zivile Ungehorsam drückte sich im „Zuspätkommen“ bei Filmvorführungen aus, um die verhasste Wochenschau zu verpassen oder gezieltem Husten und Mit-den-Füßen-scharren bei übertragenen NS-Reden.

Quellenlage

Neben der Auswertung bereits vorhandener Forschungsarbeiten war für seine Arbeit die Heranziehung einer breiten Quellengrundlage von entscheidender Bedeutung, erklärte der Referent. Im Prager Nationalarchiv seien umfangreiche Aktenbestände deutscher wie tschechischer Behörden und Institutionen vorhanden und zu deutschen Funktionären in Behörden und Kulturbetrieben lieferten Personalakten im Berliner Bundesarchiv ergänzende Informationen. Ergiebige Informationen zu deutschen wie tschechischen Funktionären und Kulturschaffenden fanden sich auch im Prager Archiv der Sicherheitsdienste (Archiv bezpečnostních složek, ABS), so Mohn weiter. Teilweise handele es sich hier um Ermittlungen und Feststellungen tschechoslowakischer Sicherheitsdienste nach dem Krieg beziehungsweise Aussagen vernommener Personen. Diese müssten zwar vorsichtig und quellenkritisch ausgewertet werden, enthielten aber oftmals Informationen zu sonst nicht mehr nachvollziehbaren Vorgängen. Einen weiteren interessanten Quellenbestand stellten die Nachlässe mehrerer tschechischer Künstler dar.  Ergänzend könne für die Analyse ausgewählte Zeitungen und Zeitschriften hinzugezogen werden, darunter die von der Besatzungsmacht herausgegebenen Blätter Böhmen und Mähren, Der Neue Tag sowie tschechische Zeitungen und Kulturzeitschriften wie der Světozor (Weltblick).

In Polen war alles anders

Die besondere Situation im Protektorat wird dann deutlich, wenn man sie mit anderen besetzten Gebieten vergleicht. Verhaftung, Gewalt und Mord zählten auch im Protektorat zum Instrumentarium deutscher Besatzungspolitik, und dies besonders stark in Phasen wie während des Ausnahmezustandes nach der Ankunft Reinhard Heydrichs in Prag im Herbst 1941 oder in den Wochen nach dem Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor im Sommer 1942. Und doch war die Okkupationspolitik beispielsweise im Generalgouvernement (Polen) durchweg wesentlich radikaler. Das Regime war dort von vornherein überhaupt nicht daran interessiert, einheimische Stellen mit einzubinden. Der Alltag unter deutscher Besatzung war geprägt von Brutalität und willkürlicher Gewalt.

Im besetzten Polen duldete das Besatzungsregime eine Fortführung des nationalen Kulturlebens noch nicht einmal im Ansatz. Während in Protektorat die Besatzungsmacht die nationale Identität und Kultur verschonte, war dies in Polen nicht der Fall. Nachdem die deutschen Truppen im September 1939 Polen erobert hatten und so 20 Millionen Polen unter deutsche Herrschaft gekommen waren, wurde Westpolen an das Dritte Reich angeschlossen und der Rest Polens wurde zum Generalgouvernement. Für beide Territorien galt, dass die weitere Existenz der polnischen Gesellschaft unerwünscht war. Daher kam es auch zu keiner Zusammenarbeit zwischen polnischen Institutionen und der Besatzungsmacht. Das angegliederte Westpolen sollte hart germanisiert werden und die Bevölkerung des Generalgouvernements sollte Zwangsarbeit ausüben. Genauso wie die Besatzungspolitik sollte auch die Kulturpolitik aussehen – radikal. Alles polnisch-nationale war verboten – Volkslieder, klassische Musik, Theater. Verbotsverfahren in Sachen Literatur standen erst gar nicht zur Debatte: Das Sortiment der Bibliotheken, Verlage und Büchereien wurde einfach beschlagnahmt und zerstört. Zerstört wurden auch jegliche polnischen Denkmäler und national bedeutsame Architektur. Erst im Laufe des Jahres 1943 wurde der radikale kulturpolitische Kurs teilweise aufgegeben und die Polinnen und Polen durften wieder klassische Musik hören – etwas, das in anderen besetzten Gebieten zum Alltag gehörte.

Eine Entwicklung, die Mut macht

„80 Jahre nach den dramatischen Ereignissen ist eine Diskussion über diese schwierige Zeit, die in früheren Jahren noch hochemotional war, fast immer sachlich und ohne großes Aufheben möglich“, stellte Volker Mohn abschließend dar. Tschechische und deutsche Historiker würden in diesen Fragen nicht nur miteinander sprechen, sondern forschten immer öfter auch gemeinsam und frei von Berührungsängsten. Die Zusammenarbeit funktioniere auch im Kleinen: Gemeinschaftlich recherchierte und veröffentlichte Publikationen seien mittlerweile keine Seltenheit mehr. Auch bei seinen eigenen Recherchen durfte er immer wieder erleben, wie engagiert tschechische Kollegen seine Arbeit immer wieder mit Rat und Tat unterstützten. So selbstverständlich dies heute fast schon erscheinen mag: Mit Blick auf frühere Probleme, Debatten und „weißen Flecken“ in der Forschung sei dies eine Entwicklung, die Mut mache.

 

Die Dissertation von Volker Mohn wurde auch als Buch veröffentlicht:

Mohn, Volker: NS-Kulturpolitik im Protektorat Böhmen und Mähren. Konzepte, Praktiken, Reaktionen, Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa, Band 45, Klartext-Verlag Essen, 2014, 512 Seiten, Hardcover
39,95 €, ISBN: 978-3-8375-1112-3

 

Diese seliger-online-Veranstaltung wird als Video auf unserem YOUTUBE-Kanal zur Verfügung gestellt. Auch die anschließende Abendschule mit Thomas Oellermann über die „Kulturarbeit in der sudetendeutschen Arbeiterbewegung“ kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.

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