Projekt "Spurensuche" - Vimperk/Winterberg 2019

Veröffentlicht am 10.04.2019 in Regionalgruppe Niederbayern-Oberpfalz

Viele interessante Details zur Stadtgeschichte gab es beim Stadtrundgang mit Lokalhistoriker Roman Hajnik (4.v.li.) zu erfahren. Hier vor dem ehemaligen Hotel „Stadt Passau“ (später Hotel Vltava): (v.l.) Manfred Herbinger, Erwin Hadwiger, Horst Lausmann, Walter Annuß, Martina Herbinger, Bruno-Andreas Dengel, Christoph Krumpholz, Angelika Krammer und Karin Hagendorn

 

Winterberg/Vimperk, das "Tor des Böhmerwaldes"

- das Klima ist hart, das Leben ist hart und die Geschichte ist sehr widersprüchlich, tragisch, eng verwoben mit deutschen Wurzeln ...

 

Im Rahmen der ´Spurensuche´ befasste sich die RG Niederbayern/Oberpfalz auch mit der Entwicklung der Stadt Winterberg/Vimperk. Lokalhistoriker Roman Hajnik führte die Gruppe gekonnt und brachte ihr die wichtigsten Stationen der Stadtentwicklung kurzweilig und unterhaltsam dar.

 

Die Stadt Winterberg/Vimperk, 20 km von der Staatsgrenze mit Deutschland (Grenzübergang Philippsreut-Strazny) im Tal des Flüßchens Volynka gelegen, verdankt ihre Gründung dem `Goldenen Steig´ nach Passau und den damit verbundenem Maut- und Zollrecht. Die Bevölkerung war seit den Hussitenkriegen (1419—1434) meist tschechisch und protestantisch, wurde aber unter der Eggenbergischer Neubesiedlung durch Deutsche und unter der streng gehandhabten „Gegenreformation" allmählich wieder deutsch-katholisch. Krieg und Pest legten im dreißigjährigen Krieg (1618—1648) fast allen Handel lahm. Nach dem Verfall der Stadt im 18. Jahrhundert kam es im folgenden Jahrhundert zu einem neuen Aufschwung, und aus Winterberg/Vimperk wurde eines der Industriezentren der k.u.k. Monarchie, die sich schnell entwickelte.

 

Ein einschneidendes Ereignis war der Brand der Innenstadt im Jahre 1904, der dazu führte, dass der alte Stadtkern fast vollständig zerstört wurde. Die Neubauten im Jugendstil bilden ein unvergleichbares, weil einheitliches Stadtensemble.

 

Im Jahr 1907 befanden sich in Winterberg eine Fabrik für Hohlglasherstellung, zwei Ziegeleien, ein Kalkofen, eine Maschinenschlosserei, eine Fabrik für Knochenwaren, eine Streichholzfabrik, zwei Sägewerke, drei Druckereien, zwei Bierbrauereien und viele weitere kleinere Betriebe. Alte Hotelbauten zeugen von der einst blühenden Stadt.

 

Besonders heraus zu heben sind dabei die Glasfabrik „Adolf“, die Buchbinderei und Verlagsanstalt J. Steinbrener sowie die Wäschefabrik Joss & Löwenstein, als die drei größten Arbeitgeber der Stadt. Noch heute wird das Stadtbild von den alten Gebäuden der Druckerei Steinbrener geprägt.

 

Die Weltwirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg, durch die wegfallenden Handelsbeziehungen aus der Kaiserzeit verstärkt, hinterließ auch in Winterberg/Vimperk seine Spuren. Viele Betriebe gingen ein und die Arbeitslosigkeit stieg. 1935 stellte auch die Glasfabrik „Adolf“ ihre Tätigkeit ein. Dazu kam der stetig anwachsende Nationalismus mit gegenseitigen Repressalien, die Deutsche und Tschechen einander entfremdete. 

Im Rahmen des Münchner Abkommens vom 29. September 1938 befand sich Winterberg/Vimperk in der deutsch besetzten Grenzzone. Die tschechoslowakische Militärbesatzung verließ das Land, und einen Tag später kamen die deutschen Truppen.

 

Das Gesicht der Stadt veränderte sich

 

Die Gestapo (Geheime Staatspolizei) etablierte sich im Hotel ´Zentral´, in dem vorher die tschechische Staatspolizei residiert hatte. Von hier aus entfaltete sie ihre unheilvolle Tätigkeit. Der größte Teil der jüdischen und tschechischen Bevölkerung konnte ins Landesinnere entkommen. Führende Sozialdemokraten und Kommunisten kamen bereits 1938 für einige Monate zur »Umerziehung« in das Konzentrationslager Dachau. Bei den Festnahmen und Verhören kam es wiederholt zu Gewalttätigkeiten, von denen die Bevölkerung nur gelegentlich durch Zufall erfuhr. Die verbliebenen deutschen Juden wurden 1942 deportiert.

Insbesondere in den ersten Wochen nach der Besetzung des Sudetenlandes wurde der Druck auf die noch anwesenden jüdischen Eigentümer immer weiter erhöht, damit deutsche Käufer vor der Vertreibung des Eigentümers noch formal-rechtlich gültige Verträge erhielten (Arisierung). So ging die Wäschefabrik „Joss & Löwenstein“ in den Besitz der Firma Seidensticker, Bielefeld über. Seidensticker ist heute Europas größter Hemdenhersteller. Über die Details der Übergabe und den Verbleib der Vorbesitzer ist nichts bekannt.

 

Das von der Firma Steinbrener errichtete Exerzitien- und Erholungsheim »St. Rafael« wurde in einer Nacht- und Nebelaktion entschädigungslos enteignet und wurde zur Kreisschule der NSDAP.

 

Die Konsumgenossenschaft »Konsumverein« wurde aufgelöst. Bettler und geistig Behinderte verschwanden aus dem Ort. Sie wurden in ein Sammelasyl nach Prachatitz abgeschoben. Nur wenige sollen das Kriegsende überlebt haben.

 

Dann kamen die Besetzung der Rest-Tschechei und der Zweite Weltkrieg.

 

 

Unser Begleiter bei der Spurensuche: Mgr. Roman Hajník,

geboren am 29. März 1968 in Vimperk. Zwischen 1986-1991 absolvierte er an der Fakultät für Pädagogik in České Budějovice, sein Studium in den Fächern Tschechisch und Deutsch. Seit 1992 ist er Lehrer am Gymnasium und der Berufsfachschule für Wirtschaft in Vimperk. Er interessiert sich für Sprachen, Literatur und Regionalgeschichte und ist auch Vorsitzender des Stifter-Böhmerwald-Eisenbahnvereins. Er ist nicht wegzudenken aus der seit 1990 bestehenden Schulpartnerschaft zwischen den Gymnasien Waldkirchen und Vimperk/Winterberg. So ist es nicht verwunderlich, dass er das erste Buch in der Geschichte der Stadt Winterberg geschrieben hat, dessen Texte jeweils zweisprachig geschrieben sind – auf Deutsch und auf Tschechisch.

Als Lokalhistoriker, der ausgezeichnet deutsch spricht und sich auch intensiv mit der deutschen Geschichte in Winterberg/Vimperk beschäftigt, ist er der ideale Partner für unser Projekt.

 

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