Das Schmuckstück hat die KI nach den Vorgaben des Textes von Martin Grill generiert!
Siebzehn rote Steine
Manchmal genügt ein Gegenstand, und eine längst vergangene Zeit ist plötzlich wieder da. So beginnt Martin Grills Erzählung „Siebzehn rote Steine …“, die 1959 in der Brücke erschien. Auf dem Weg zum Bahnhof bleibt der Erzähler vor dem Schaufenster eines alten Kaufmannshauses stehen. Zwischen allerlei Schmuck fällt ihm ein ungewöhnliches Halsband auf: siebzehn in Gold gefasste dunkelrote Almandine, in der Mitte ein besonders großer Stein, umgeben von kleineren Pyropen. Die Verkäuferin meint, dieses alte Schmuckstück könne wohl manches erzählen – und genau das geschieht.
Der Anblick der roten Steine führt Grill zunächst zurück in die Landschaft ihrer Herkunft, ins böhmische Mittelgebirge. Dort erinnert er sich an ein altes Landhaus, in dem Ulrike von Levetzow lebte. Sie wurde berühmt, weil sich der bereits hochbetagte Johann Wolfgang von Goethe 1823 während eines Aufenthalts in Marienbad in sie verliebte. Aus dieser unerwiderten Liebe entstand die später berühmt gewordene „Marienbader Elegie“. Für Grill verbindet sich damit eine erste Ebene der Erinnerung: Landschaft, Granatsteine und eine längst vergangene Welt.
Doch die Gedanken bleiben nicht dort. Sie springen weiter in die Kriegsjahre. Grill erinnert sich an Gefangene, die unter Bewachung schwere Arbeiten verrichten mussten, und an eine junge Frau, der Menschen heimlich mit Brot, Zucker oder anderen Kleinigkeiten halfen.
Eines Tages erreicht ihn ein kleines Päckchen mit der Bitte um ein Taschenmesser, eine Schere oder wenigstens eine Rasierklinge. Aus dem Päckchen gleitet eine Kette aus gelbem Metall – wiederum mit siebzehn dunkelroten Steinen. Jetzt wird klar, warum ihn das Halsband im Schaufenster so getroffen hat. Es ist nicht dasselbe Schmuckstück, aber es gleicht jenem aus der Kriegszeit so sehr, dass die Erinnerung mit aller Macht zurückkehrt.
Eine Nacht lang behält Grill die Kette. Dann legt er sie zusammen mit einem kleinen geschärften Federmesser zurück. Ob das Päckchen sein Ziel erreichte, erfährt er nie; auch die junge Gefangene sieht er niemals wieder. Erst die Stimme der Verkäuferin holt ihn zurück in den Laden.
Später nahm Martin Grill die Erzählung in seinen Band So waren unsere Tage auf. Dort heißt sie nur noch „Die roten Steine“ und ist deutlich ausführlicher. Auffällig ist vor allem eine Veränderung: Aus den siebzehn roten Steinen der Brücke-Fassung werden in der Buchfassung sieben große rote Steine. Warum Grill diese Zahl änderte, wissen wir nicht. Sicher ist nur, dass die Brücke die frühere Fassung der Geschichte bewahrt.
Und vielleicht liegt genau darin ihr besonderer Reiz. Alte Zeitungen bewahren nicht nur Nachrichten, sondern manchmal auch frühere Fassungen von Erinnerungen und Geschichten. Am Ende ist jedoch gar nicht entscheidend, ob es siebzehn oder sieben Steine waren. Entscheidend ist Grills Gedanke, dass auch scheinbar tote Dinge ein Schicksal haben können – und zu erzählen beginnen, wenn jemand bereit ist, ihnen zuzuhören.
Hier geht es zum Originaltext von Martin Grill aus der Brücke 1959