Kultur- und Begegnungsreise der Seliger Gemeinde - Kreisgruppe München 2017 - Teil 2

Veröffentlicht am 23.05.2017 in Regionalgruppe München-Dachau

Heute eine Selbstverständlichkeit: Stadtrundgang in Brünn mit Reiseleiter Peter Wesselowsky (Mitte), Hanna Zakhari (5.v.li), Vertreterin der deutschen Minderheit in Brünn sowie Christoph Krumpholz (li) und die Reisegruppe der Seliger Gemeinde

 

„Ein Brünnlein gibt es voller Blut und jeder trank einmal daraus“

aus: LIED VON DER ALLERNÄCHSTEN SCHULD von Jan Skácel (1922-1989), Dichter aus Brünn. Seine Gedichte wurden von Reiner Kunze ins Deutsche übertragen.

 

Auf dem Weg nach Brünn stimmte Christoph Krumpholz aus Waldkraiburg die Teilnehmer, einfühlsam auf das emotionale Thema „Brünner Versöhnungsmarsch“ ein. Dabei bediente er sich Geschichten aus seiner Familienerinnerung in den Kriegsjahren und dem Schicksal der Vertreibung und Auszügen aus dem Buch „Die Vertreibung der Gerta Schnirch“ von Katerina Tucková, einem Roman über das durch die Geschichte zerbrochene Schicksal, über die Schuld der Tschechen und Deutschen und darüber, ob es möglich ist, zu vergeben und zu verstehen…

Christoph Krumpholz, Neffe des verstorbenen Horst Krumpholz, ehemaliger Vorsitzender der Ortsgruppe Waldkraiburg, befasst sich seit langem intensiv mit der Geschichte seiner Familie, die in Brünn in der Gabelsbergergasse 40 lebte. Hier an der Svitava in Brünn, gab es Anfang April 1945 noch einen letzten gemeinsamen Spaziergang der Familie, berichtete Krumpholz den interessierten Zuhörern. „Nur ein wenig Persönliches konnte gerettet werden. Und das Wenige hat manchmal einen bitteren Beigeschmack…“, so der Referent mit Hinweis auf die politische Einstellung seines Großvaters Reinhold, dem Vater des Sozialdemokraten Horst Krumpholz. Quer durch viele Familien verlief der Graben zwischen Hitlergegnern und Henlein-Anhängern. „Letzte glückliche Stunden in Brünn, bevor die Welle der unfassbaren Gewalt, die wir über Europa gebracht hatten, zurückschwappte und über uns zusammenbrach…“, so die Einsicht des Sozialdemokraten Horst Krumpholz, der auf seiner letzten Fahrt nach Zellerndorf, Brünn und ins Alzvetergebirge 2010 die Heimat noch einmal erlebte. „Onkel Horst verstarb 2013“, so der Neffe. Sein Vater, Werner Krumpholz, erlebte im August 2015 einen tschechisch-polnisch-deutschen Gottesdienst zum achtzigjährigen Bestehen des Kirchleins in Kohlsdorf bei Niklasdorf im Altvater. Die ehemalige deutsche Bevölkerung wurde eingeladen und war willkommen!

„Der Welle der Gewalt in Brünn entkam meine Familie, aber ein Entkommen gab es nicht“, so Krumpholz weiter. Der Großvater brachte die Familie zwar vor der Vertreibung aus Brünn heraus, aber an der Moldaubrücke bei Bernartice ereilte sie das Schicksal doch. „Und gerne würde ich die US-Army fragen, die dort auf der anderen Seite der Brücke stand, stand und wartete: habt ihr denn diese Schreie nicht gehört, diese verzweifelten Schreie der kleinen Mädchen, sie müssen doch selbst auf der anderen Seite der Moldau noch zu hören gewesen sein? Mein Vater und mein Onkel hören sie, ein Leben lang, bis ins Grab, bis ins Grab ...“. Christoph Krumpholz ergänzte seine Familiengeschichte durch Auszüge eines Romans der Schriftstellerin Katerina Tucková.

 

Die Vertreibung der Gerta Schnirch

Für das Schicksal der vertriebenen Deutschen begann sich die Schriftstellerin Katerina Tucková zu interessieren, als sie in Brünn in die Bratislava-Straße umzog und über die dortigen ursprünglich deutschen Stadtviertel und ihre Bewohner erfuhr. Daraus entstand der Roman „Die Vertreibung der Gerta Schnirch“ für den die Autorin den Leserpreis der Magnesia Litera erhielt.

Die Schriftstellerin beschreibt in ihrem Buch das Thema der Brünner Abschiebung im Jahre 1945 aus der Sicht der deutsch sprechender Einwohner der Stadt. Laut Historikern trug sie damit nicht wenig zu der Eröffnung einer Diskussion der Verbrechen der Tschechen an ihren ehemaligen Nachbarn bei.

Ein Roman über das durch die Geschichte zerbrochene Schicksal, über die Schuld der Tschechen und deutschen und darüber, ob es möglich ist, zu vergeben und zu verstehen… Die Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1945 - Gerta Schnirch, die Mutter eines mehrmonatigen Töchterchens, wird, nur mit persönlichen Dingen, gemeinsam mit den übrigen Brünner Deutschen „abgeschoben“ Richtung Wien. Der erschöpfende Marsch endet in Pohrlitz, wo viele der Vertriebenen einer Typhus- und Ruhrepidemie erliegen. Gerta und einige weitere deutsche Frauen retten sich trotz Zwangsarbeit in Südmähren, wo sie bis zur Beendigung der Transporte verbleiben. Nach der Wiedererlangung der tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft kehrt Gerta nach Brünn zurück, wo sie weitere stürmische Ereignisse der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts durchlebt.

Neben der schmerzlichen Frage der Schuld, der Vergeltung und des Verzeihens zwischen Tschechen und Deutschen, die dieser ungewöhnlich plastische und wirkungsvolle Roman darlegt, wird der Leser auch Zeuge einer komplizierten Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die nicht nur deformiert ist durch die eingeschränkte Umwelt, in der sie sich als hinausgebissene tschechische Deutsche bewegen durfte, sondern auch durch das gegenseitige Unverständnis zweier Generationen, durch die schwierige Kommunikation und die Unmöglichkeit, persönliche Erfahrung zu vermitteln.

Den Impuls gab oft das Interesse an der lokalen Geschichte: "Zum Thema führten mich die Begebenheiten der Räumlichkeiten, in die ich eingezogen war", sagt Katerina Tucková, Autorin des preisgekrönten Roman „Die Vertreibung der Gerta Schnirch“. „In der Umgebung der Bratislava-Straße, der sogenannten Bronx, ist bis heute die durch den mehrfachen Wechsel der Bewohner verursachte Entwurzelung zu sehen.“ Die reich verzierten Bürgerhäuser leerten sich erst durch die Vertreibung der jüdischen und später der deutschen Bewohner, woraufhin in sie mährische Roma, die den Holocaust überlebt hatten und weitere aus der Slowakei stammende einquartiert wurden.

Der Brünner Versöhnungsmarsch 2017

Eine ähnliche Aktivität „von unten“ wie der Roman von Katerina Tucková und seine Dramatisierung ist auch der Gedenkmarsch auf den Spuren der Vertreibung. Die Aktion findet alljährlich am Jahrestag der Ereignisse schon seit 2006 statt, als sich drei Studenten der philosophischen Fakultät der Masaryk-Universität auf den Weg begaben. Im Garten des Augustinerklosters in Brünn erinnert seit 1995 ein Gedenkstein an die Opfer des Brünner Todesmarsches. Zum runden Jahrestag 2015 wurde das Projekt zur Inspiration für das Jahr der Versöhnung, dessen Veranstaltungsreihe auch gezielte Aktionen zum Holocaust und Naziterror beinhaltete. Einer der Höhepunkte ist der Versöhnungsmarsch (Pout' smíření) vom Massengrab auf dem Gelände des Pohrlitzer Lagers zum Mendel-Platz wo er unter Teilnahme des Brünner Bürgermeisters Petr Vokřál und weiterer Persönlichkeiten, einschließlich Zeitzeugen, endete.

Vokřál trug bei dieser Gelegenheit die Deklaration zur Versöhnung und gemeinsamen Zukunft vor (angenommen am 19. Mai). Diese erste Erklärung drückt ein trauriges Bedauern über das gewaltsame Ende des Zusammenlebens beider Nationalitäten in Brünn aus, angenommen vom Stadtrat schon im Jahr 2001 als Reaktion auf den bereits erwähnten Aufruf der MIP. Die Deklaration von 2015 freilich verabschiedete nicht nur der Stadtrat, sondern nach harter Diskussion auch die Stadtvertretung. Im Dokument heißt es unter anderem, dass die Ratsherren "die Hoffnung ausdrücken, es sei auf Grundlage der Kenntnisse der historischen Ereignisse und ihrer Folgen nie mehr möglich, dass sich in Brünn ähnliche Ereignisse wiederholen". Dieser Weg zur Versöhnung stieß nicht überall auf Verständnis. Bürgermeisters Petr Vokřál sah sich vielen Anfeindungen ausgesetzt, nicht zuletzt von Vertretern der tschechischen Sozialdemokraten (ČSSD). Die meisten Proteste gab es jedoch von den Nationalisten und den Kommunisten.

Im Andenken an die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus Brünn nach dem Zweiten Weltkrieg fand am Samstag, dem 20. Mai 217, bereits zum elften Mal der Versöhnungsmarsch statt. Einige Mitglieder der Seliger Gemeinde, unter ihnen Christoph Krumpholz gingen den Marsch in Gänze mit. Der Rest der Reisegruppe nahm an der  feierlichen Eröffnung des Versöhnungsmarsches beim Gedenkkreuz am Massengrab der Opfer des Pohrlitzer Sammellagers teil. Alle Teilnehmer trafen sich bei der Abschlussveranstaltung im Klostergarten an der Mendelstraße.

Als Tschechen die Deutschen aus Brünn erschlugen (von Jaroslav Ostrčilík, übersetzt von Christoph Krumpholz)

Mai 1945. Nach dem Krieg. Brünn. Deutsche Frauen und Mädchen werden in der Nacht zum „Kartoffelschälen abgeführt“. Deutsche müssen ein weißes Band mit dem Buchstaben N tragen. Ein Totengräber muss innerhalb ein paar Tagen aus einem Lager 1800 Leichen abtransportieren. Der Höhepunkt der Lösung des „deutschen Problems“ in Brünn aber ist der Todesmarsch. Er begann genau 20 Tage nach dem Krieg.

Die Befreiung Brünns begann am Mittwoch, den 25. April, als seine Stadtgrenzen die Truppen der zweiten ukrainischen Front der Roten Armee erreichten. Ein Großteil der Stadt war am folgenden Tag befreit und schon am 27. April übernahm seine Verwaltung der Nationalausschuss der Landeshauptstadt Brünn. Von Anfang an spielten in ihm die Kommunisten eine führende Rolle, welche 20 von 30 Mandaten besetzten. Das stand nebenbei im Widerspruch zum Kaschauer Regierungsprogramm, welches in den Nationalausschüssen eine gleichmäßige Vertretung der Parteien der Nationalen Front zugrunde legte.

Die neue Führung hatte entschieden an Arbeit keine Not. Seit August 1944 war Brünn mehreren Luftangriffen, zuerst durch die amerikanische und später durch die russische Luftwaffe, ausgesetzt. Die Angriffe forderten an die 700 Opfer und trafen über 2000 Häuser, so dass annähernd 6000 Menschen obdachlos waren. Auch die Versorgung funktionierte nicht, wobei sich zudem in der Stadt neben den Truppen der Roten Armee auch tausende deutscher Kriegsgefangener und sogenannte Displaced Persones, also Flüchtlinge aller Art aufhielten, die über Brünn zum Beispiel von der Zwangsarbeit oder aus den Konzentrationslagern zurückkehrten.

Die Lösung des Wohnungsmangels war naheliegend. Am 11. Mai gab der Kommandant der Brünner Nationalen Sicherheitswacht (NBS), Kapitän Bedřich Pokorný, den Befehl zur Verhaftung aller Deutschen, die älter als 20 Jahre sind. Noch in der Nacht wurden alte Leute, Frauen und Kinder in verschiedene öffentliche Gebäude einquartiert und die Männer größtenteils in Sammellagern untergebracht. So wurden an die 10000 Wohnungen frei, in denen sich augenblicklich tschechische Bewohner anfingen einzurichten.

Dieser Prolog zum Ende des Zusammenlebens beider Nationalitäten hängt zusammen mit dem Besuch des Präsidenten Beneš, einer der letzten Stationen seiner zweimonatigen Reise von London über Teheran und Moskau, Kaschau und Mähren zum Prager Altstädter Ring: „Dieses Volk hat in diesem Krieg aufgehört, überhaupt noch menschlich zu sein, es hat aufgehört menschlich erträglich zu sein und erscheint uns nur noch wie ein einziges großes menschliches Ungeheuer. Dieses Volk muss für das alles eine große und strenge Strafe treffen“, wetterte Benes am 12. Mai im Ratssaal des Brünner Rathauses. „Wir haben uns gesagt, dass wir das deutsche Problem in unserer Republik definitiv liquidieren müssen.“

Die gegen die deutsch sprechende Bevölkerung gerichtete Gewalt begann allerdings schon augenblicklich da, wo sich durch Brünn die Front zu bahnen begann. Die Menschen bekamen die weißen Armbinden mit dem schwarzen N, durften nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren und erhielten keine Lebensmittelkarten, allerhöchstens für Brot. Nacht für Nacht wurden Frauen und kaum jugendliche Mädchen weggeschleppt... gewöhnlich hieß der, Befehl: „Kartoffeln schälen!“, erinnnert sich Edeltraud Wüstner-Schnirch in einer Aussage aus dem Jahr 1997, welche zur Einsichtnahme im Archiv des Verbandes der vertriebenen Brünner, der Bruna, vorliegt. „In der Nähe von uns war ein Weinkeller, den die Russen ausgeplündert hatten. In seiner Umgebung war die Gefahr einer Vergewaltigung besonders groß.“

In dem halben Dutzend Arbeitslager herrschten erschütternde Bedingungen, vor allem in den Kaunitzer Studentenwohnheimen, wo während des Krieges ein Gefängnis und eine Hinrichtungsstätte der Gestapo war. „Viele der Wachen, in der Mehrheit junge Leute, gingen mit den Internierten sehr grausam um“, schreibt man in einem Brief eines Delegierten des Internationalen Ausschusses des Roten Kreuzes an den Innenminister Nosek am 4. September 1945. „Tägliche Prügel, oft auch für Frauen und Kinder; es existieren auch Fälle von Verbrennungen und Folter.“

Die Zahl der Opfer dieser Gewalt und dieses Hungerleidens im Nachkriegs-Brünn kann man heute höchstens schätzen. „Der Totengräber in den Kaunitzer Wohnheimen gab an, dass er während seines Wirkens etwa 1800 Leichen abtransportierte,“ bestätigt der Bericht über den Prozess gegen den dortigen Schrecken Jan Kouřil, dem späteren Stellvertreter des Lagerkommandanten im Stadtteil Klajdovka. Der Prozess fand 1951 in Karlsruhe statt, wohin Kouřil nach dem Februarumsturz geflohen war. Angeblich hatte ihn ein aus Brünn stammender Zahnarzt erkannt, dem er herausgebrochene Goldzähne und Brücken verkaufen wollte.

All die guten Patrioten

Der Höhepunkt der damaligen Exzesse war ein Akt, für den sich unter den Vertriebenen und auch im tschechischen Umfeld der Begriff Brünner Todesmarsch einbürgerte. Am 29. Mai ordnete der Landesnationalausschuss die „Hinausführung“ jener deutschsprachigen Einwohnerschaft aus der Stadt an, die man nicht für die Zwangsarbeit einsetzen konnte, also Frauen und Mädchen, Jungen unter 14 Jahren und Männer älter als 60. Mit der Organisation der Aktion wurde der Pokorný - NBS beauftragt, der kurz nach der Befreiung aus den Korps der Gendarmerie, der Staatspolizei und weiteren Sicherheitsabteilungen entstand. Viele der Männer dienten im Polizeiapparat der ersten Republik und auch des Protektorates, so dass sie in einer Zeit der Kollaborantenjagd ihre Pflicht umso eifriger erfüllten.

Am Folgetag wandte sich eine Delegation des Betriebsrates der Brünner Zbrojovka-Werke (Waffenfabrik) mit der Forderung an den kommunistischen Leiter des Nationalausschusses, gegen die Deutschen entschiedener vorzugehen, weil sonst die Arbeiter selbst die Initiative ergreifen würden. Dabei produzierten diese Waffen für Hitler bis zu den letzten Tagen, und dafür bekamen sie überdurchschnittliche Löhne, die die Okkupanten den Beschäftigten in der Rüstungsindustrie gewährten. Angst regierte deshalb, dass sie als Kollaborateure bezeichnet würden, so dass es notwendig war, die patriotische Gesinnung umso eindeutiger zu zeigen.

Vertreter der KSČ und der Zbrojovka-Arbeiter kamen so überein, noch am gleichen Abend eine Aktion zu beginnen. Gegen 22 Uhr holte man aus 13 Sammelplätzen um die 25000 Menschen heraus, führte sie über Alt-Brünn auf die Wiener Straße in Richtung österreichischer Grenze. Neben der NBS führten den Zug auch die „Revolutionsgarden“, die mehrheitlich aus kaum zwanzigjährigen Arbeitern der Zbrojovka bestanden. Gerade an diese haben die Überlebenden des Marsches die allerschlimmsten Erinnerungen.

Der Weg nach Wien

Auf der Staatsstraße nach Wien, wo heute die Schnellstraße I/52 verläuft gelangte der Zug nach Rajhrad, eine Wein-Gemeinde etwa 20 Kilometer südlich von Brünn. Auf dem Weg schlossen sich ihm die deutschen Bewohner von Horní Heršpice, Modřice und weiteren Gemeinden aus der Umgebung der Stadt an. Ein Großteil der Vertriebenen nächtigte nach einer Weile in der Sokol-Turnhalle in Wirtshaussälen oder auf dem Fußballplatz.

Am Fronleichnamstag reihten sich in den Auftritt des Kommunismus traditionelle Prozessionen ein. Dieser Festzug war aber entschieden keine christliche Feierlichkeit. „Die Sonne brannte unbarmherzig, nirgends gab es Wasser, es gab keinen Augenblick zum Ausruhen“, erinnerte sich Maria Stanka, deren Aussage im Archiv des Verbandes der vertriebenen Brünner, der Bruna, vorliegt. „Erschrockene Kinder weinten und schrien, viele von ihnen brachen zusammen, aber ein Schlag mit dem Gewehrkolben half ihnen wieder auf die Beine, oder sie blieben liegen und wurden später verscharrt.“

Die Spitze des mehrere Kilometer langen Festzuges erreichte schon in den frühen Morgenstunden des 31. Mai Pohrlitz, ein Städtchen etwa 30 Kilometer von Brünn entfernt. Die Menschenmenge wurde provisorisch in einem Barackenlager am Stadtrand einquartiert, wo während des Krieges Zwangsarbeiter untergebracht waren, und auch im verlassenen örtlichen Getreidespeicher, in der Schule oder in der Sokol-Turnhalle. Die örtlichen Behörden, der Brünner Nationalausschuss und auch der NBS drängten dazu, dass der Marsch weiterging. Allerdings kehrten am selben Abend noch die Revolutionsgarden aus den Zbrojovka-Werken nach Hause zurück. Man löste sich ab. Schnell wurde aus Znaim eine Ausbildungseinheit der tschechoslowakischen Armee gerufen.

Annähernd zwei Drittel der Vertriebenen zogen im Verlauf des letzter Maitages und des ersten Juni weiter zur österreichischen Grenze, sowohl schon auf eigene Faust, als auch unter Überwachung getrieben. Gewalt gab es auch auf diesem Abschnitt des Weges und selbst hinter der österreichischen Grenze. „Als wir schon dachten, dass wir vor den Tschechen in Sicherheit sind, erschienen wieder die Russen“, erinnert sich Annemarie Heidinger in einer weiteren Zeugenaussage aus dem Archiv der Bruna. „Ringsherum war es voll von weinenden jungen Frauen und Mädchen.“

Über 1000 Brünner verstarben so in der Umgebung von Drasenhofen an Erschöpfung oder an den Folgen von Verletzungen, die sie unterwegs erlitten hatten. Die österreichischen Behörden waren nicht in der Lage, sich um den verarmten Menschenhaufen zu kümmern, die Vertriebenen waren auf die Hilfe der ortsansässigen Bevölkerung angewiesen, von denen sich aber manche feindlich verhielten. Unorganisiert und um Essen bettelnd gelangten sie schließlich nach Wien, wo sie im Zentrum der zerbombten Stadt in einem Internierungslager untergebracht wurden.

Die Rache ist blind

Von den Brünnern, denen es nicht gelang mit der ersten Welle nach Österreich zu kommen, wurden an die 1000 auf südmährische Dörfer verteilt, um den Sommer über bei Saisonarbeiten zu helfen. Weitere einige tausend Menschen verblieben im überfüllten Sammellager hinter Pohrlitz. Mehr als einen Monat vegetierten sie unter erschütternden Bedingungen dahin, es fehlte an Betten und hygienischen Einrichtungen, man erhielt weder Nahrung noch Medikamente. Sehr schnell kam es zu einer Ruhr - und Typhusepidemie, die zusammen mit der Gewalt seitens der Aufseher täglich auch 70 Leben forderte.

Bald aber begann es klar zu werden, dass sich unter den Vertriebenen nicht nur viele Gegner des Naziregimes oder auch Juden befanden, denen es gerade gelungen war aus dem Konzentrationslager zurückzukehren, sondern auch Brünner tschechischer Nationalität. "Meine tschechische Oma ging mit uns und in Pohrlitz gestattete man ihr zurückzukehren", erinnert sich Maria Schrimpel, die damals 7 Jahre alt war. „Mami musste nach Österreich weiterziehen, aber sie gab uns Kinder zur Oma mit einem Brief, dass sich um uns die Tante kümmern würde, die einen tschechischen Mann hatte.“ Zurück nach Brünn wurden im Lauf des Juni annähernd 4500 Menschen geschickt. Und auch nicht diejenigen, welche aus Pohrlitz nach Hause zurückkehren durften, hatten gewonnen. „Die Tante hatte uns adoptiert, damit wir keine Probleme hätten, aber sie verbot mir deutsch zu sprechen“, erzählt Frau Schrimpel. „Später durfte ich, weil national unzuverlässig, nicht studieren und konnte keine Arbeit finden. Nicht einmal eine Wohnung mit meinem Mann erhielt ich, weil es ja im Grenzgebiet freie Häuser genug gäbe“.

Der Weg aus Brünn jedenfalls endete nicht in Wien. Trotz starker kultureller und oft auch familiärer Bindungen durften die Vertriebenen auf Beschluss der Okkupationsmächte nicht in Österreich bleiben. Mit Ausnahme derer, die während der Monate des Wartens einen österreichischen Staatsangehörigen heirateten, zogen schließlich alle weiter nach Bayern und Baden-Württemberg, besonders in das Städtchen Schwäbisch-Gmünd bei Stuttgart.

Der lange Schatten der Vergangenheit

Bei dem Umbruch im Mai und Juni 1945 kam Brünn, ohne Übertreibung, um seine Seele. Die Vertreibung der deutsch sprechenden Einwohner der Stadt vollendete das, was die Nazis mit der Deportation von 12000 Brünner Juden begonnen hatten. Während der sechsjährigen Besetzung der „Resttschechei“ wurden im neugeschaffenen Protektorat Böhmen und Mähren bis zu 40.000 Tschechen, ohne Berücksichtigung der jüdischen Opfer, von der Besatzungsmacht ermordet. Zahlreiche Tschechen mussten in Gefängnissen und Lagern schwere Misshandlungen erdulden. Die Stadt verlor ihre Eigenart, die über Jahrhunderte das nicht immer idyllische, aber trotzdem fruchtbare Zusammenleben beider Nationalitäten und Religionen bestimmte.

Über die Vertreibung und ihr Brünner Kapitel durfte man in der Zeit einer Regierung, die sich wohl aber um diese sehr verdient gemacht hat, nicht reden. Ihre Reflexion war in den neunziger und Anfang der nuller Jahre nicht wünschenswert - mit dem Generationenwandel und der Öffnung zu Europa aber, musste man zu einer Reflexion kommen, so wie es in Brünn gelang, die reiche Kaffeehauskultur wiederzubeleben, für welche die mährische Metropole einmal bekannt war, begann man auch über die verschwundenen jüdischen und deutschen Bewohner zu sprechen.

Aufgrund des „Amnestie-Gesetzes“ Nr. 115 vom 8. Mai 1946 blieben die begangenen Straftaten bisher jedoch ungesühnt, demnach ist es im eigentlichen Sinne kein Amnestie-, sondern ein Straffreiheits-Gesetz. Die Position der Seliger Gemeinde dazu ist eindeitig: Unrecht kann nicht einfach zu Recht erklärt werden. Das Straffreiheitsgesetz, dass bei Verbrechen gegen Deutsche Straffreiheit garantiert, ist mit europäischen Werten nicht vereinbar und muss von der Tschechischen Republik zurückgenommen werden.

 

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