Kultur- und Begegnungsreise der Seliger Gemeinde - Kreisgruppe München 2017 - Teil 1

Veröffentlicht am 22.05.2017 in Regionalgruppe München-Dachau

Die Seliger Gemeinde-Reisegruppe im Innenhof des Brünner Rathauses

 

Treffpunkt Brünn - Einigkeit in Vielfalt

Die Kultur- und Begegnungsreise der Seliger Gemeinde - Kreisgruppe München führte vom 18.-22. Mai 2017 nach Brünn/Brno

Mit dem Bus über Salzburg, Wien und Nikolausburg/Mikulov führte der Weg die Seliger-Gruppe nach Brünn/Brno. Brünn ist die nach Prag zweitgrößte Stadt Tschechiens. Waldemar Deischl und Peter Wesselowsky organisierten die Reise in bekannt souveräner Weise. Sie konnten den Teilnehmern, neben dem Empfang bei Primator (Oberbürgermeister) Petr Vokřál (ANO) so einiges weitere bieten. Dazu gehörte der Besuch der deutschen Minderheit im Begegnungszentrum Brünn des Deutschen Kulturverbands unter Leitung von Hanna Zakhari, die neben der Organisation kultureller Veranstaltungen vor allem Begegnungen mit der an deutsch-tschechischen Beziehungen  interessierten tschechischen Brünner Öffentlichkeit organisiert.

Die Besuchergruppe vor dem Brünner Rathaus

 

Die Stadt Brünn, seit dem 17. Jahrhundert das historische Zentrum Mährens, ist heute Verwaltungssitz der Südmährischen Region. Brünn besitzt mehrere Universitäten und es studieren hier ca. 70.000 junge Menschen. Die Stadt hat weithin eine bedeutende Stellung als starkes Industrie-, Handels-, Kultur- und Verwaltungszentrum. Zum zweiten Mal findet das Festival MEETING BRNO dieses Jahr statt. Es baute auf das Projekt Rok smíření/Jahr der Versöhnung von 2015 auf, in dessen Rahmen an das Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert und damit auch der Opfer der NS-Schreckensherrschaft und der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung gedacht wurde. Die Veranstaltungsreihe erinnert an die multikulturellen Geschichte Brünns und greift auch aktuelle Themen auf. Nach 2016, als der Schwerpunkt auf dem Thema Migration lag, auf das Verlieren und Finden von Heimat, ist das Thema des aktuellen Festivaljahres die Einigkeit Europas, die von Populismus und gesellschaftlicher Radikalisierung bedroht wird. MEETING BRNO bietet jedes Jahr Ende Mai eine Plattform für die Begegnung von Menschen unterschiedlicher Ansichten, Kulturen und Religionen. Das Programm umfasst Autorenlesungen, Theater- und Musikveranstaltungen, Ausstellungen und vieles mehr.

Unweit des Hotels, auf dem Mährischer Platz (Moravské náměstí) ist der „Treffpunkt Brünn“ im Entstehen, eine einzigartige Installation, die die bewegte Geschichte des Platzes thematisiert. In der Stadt Brünn gab es um 1900 eine überwiegend deutschsprachige Bevölkerung (63 %), während die Vororte außerhalb des Stadtkerns, der bis 1918 allein zum Brünner Stadtgebiet zählte, überwiegend tschechischsprachig waren. Nach dem Ersten Weltkrieg lebten in Brünn knapp 55.000 deutschsprachige Bürger. Zu diesen zählten überwiegend die in der Stadt lebenden etwa 12.000 jüdischen Bürger, unter ihnen mehrere bekannte Persönlichkeiten, die sich wesentlich am Kulturleben der Stadt beteiligten. 1930 bekannten sich etwa 52.000 Bewohner zur deutschen und 200.000 zur tschechischen Nationalität, die jüdischen Bewohner beider Nationalitäten inbegriffen.

Der Mährischer Platz war bis zur Hälfte des 18. Jahrhunderts Teil der Stadtbefestigung mit einer Bastion. Ende des 18. Jahrhunderts verwandelte er sich in einen lebendigen Ort des gesellschaftlichen Treibens. In den Jahren 1890 bis 1891 entstand mitten im Park das Deutsche Haus (Německý dům), ein kulturelles und gesellschaftliches Zentrum der deutschsprachigen Bevölkerung der Stadt Brünn. Das dazugehörige Denkmal wurde im Jahr 1919 entfernt, das Deutsche Haus am Ende des Zweiten Weltkrieges abgerissen. Nach dem Krieg befand sich hier für kurze Zeit ein Grab von Soldaten der Roten Armee, die ihr Leben bei der Befreiung von Brünn verloren hatten. In den weiteren Jahrzehnten wurde der Platz wiederholt im Geiste der damaligen Ideologie gestaltet. Auf welche historische Epoche seit dem 18. Jahrhundert man aber auch blickt, der Mährischer Platz diente immer auch als Ort der Begegnung. Hier dokumentiert sich die dramatischen Veränderungen in der Gesellschaft. Mit etwas Übertreibung lässt sich sagen, dass der v ein heimliches Manifest der tschechischen Geschichte ist. Mit der Installation „Treffpunkt Brünn“ wird die Freude ausgedrückt, dass gegenwärtig Begegnungen ohne ideologisches Diktat, in der Einigkeit der Vielfalt, stattfinden können.

Die von den Architekten Ondřej Chybík und Michal Krištof entworfene Installation entspricht einem Sommerpavillon, der ein Podium, eine Bar, einen Biergarten und eine Außengalerie mit entsprechender Infrastruktur enthält. Die Raumaufteilung folgt dem Grundriss des Deutschen Hauses, der mittels verlegten Gerüstrohren abgebildet wird; die an der Vorderseite und mit Stolz angebrachte Aufschrift bezeichnet das Festivalmotto – Einigkeit in Vielfalt – in den Sprachen aller Nationalitäten, die den Mährischer Platz prägten. Mit der Eröffnung des Festivals MEETING BRNO wurde der Pavillon am Besuchswochenende der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und soll bis zum Oktober 2017 als Begegnungs- und Veranstaltungsort dienen.

„Die Einigkeit Europas wird von Populismus und gesellschaftlicher Radikalisierung bedroht“

Auf Begegnungen ohne ideologisches Diktat setzt auch Primator Petr Vokřál, seit 2014 Oberbürgermeister der Stadt Brünn. Für die „Deklaration der Versöhnung und gemeinsamen Zukunft“ wurde Vokřál letztes Jahr der Wenzel-Jaksch-Preis der Seliger Gemeinde verliehen. Nur zu gerne empfing Petr Vokřál deshalb die Seliger Gemeinde im Ratssaal des Brünner Rathauses. „Uns ist klar, zu welchen menschlichen Tragödien und kulturellen und gesellschaftlichen Verlusten es damals kam“, so Brünns Oberbürgermeister Petr Vokřál. „Die Stadt Brünn bedauert aufrichtig die Ereignisse vom 30. Mai 1945 und der folgenden Tage, als Tausende Menschen auf der Grundlage des Prinzips der Kollektivschuld oder aufgrund ihrer Sprachzugehörigkeit gezwungen wurden, die Stadt zu verlassen“, heißt es in der zitierten Erklärung. Vokřál sieht aber auch die Einigkeit Europas wird von Populismus und gesellschaftlicher Radikalisierung bedroht.

Bundesvorsitzender Dr. Helmut Eikam überreichte in diesem Zusammenhang die Europa-Proklamation der Seliger Gemeinde dem Brünner Stadtoberhaupt.

 

 

 

 

 

 

 

Täter und Folgen

Wohl im selben Ratssaal des Brünner Rathauses wetterte am 12. Mai 1945 Präsidenten Edvard Beneš am Ende seiner zweimonatigen Reise von London über Teheran und Moskau, Kaschau und Mähren zum Prager Altstädter Ring gegen die deutsche Bevölkerung. Nach der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren im März 1939 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs begann auch in Brünn die systematische Verfolgung der Juden. Bis zum Kriegsende wurden aus Brünn 9064 jüdische Stadtbürger in verschiedene Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert, es überlebten nur etwa 700 von ihnen. Während der sechsjährigen Besetzung der „Resttschechei“ wurden im neugeschaffenen Protektorat Böhmen und Mähren bis zu 40.000 Tschechen, ohne Berücksichtigung der jüdischen Opfer, von der Besatzungsmacht ermordet. Zahlreiche Tschechen mussten in Gefängnissen und Lagern schwere Misshandlungen erdulden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde deshalb die Hälfte der deutschsprachige Bevölkerung von Brünn gewaltsam aus der Stadt vertrieben. Der Brünner Todesmarsch war Teil der kollektiven Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus Mähren. Er begann am 31. Mai 1945, dem Fronleichnamstag, in Brünn und führte über die Gemeinde Pohrlitz /Pohořelice über die Grenze ins sowjetisch besetzte Niederösterreich. Die Zahl der Teilnehmer des Marsches kann heute relativ zuverlässig mit rund 27.000 angegeben werden - vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen.

Auf dem Weg der Versöhnung: Brünn gedenkt der Vertriebenen

Im Andenken an die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus Brünn nach dem Zweiten Weltkrieg fand am Samstag, dem 20. Mai, bereits zum elften Mal der Versöhnungsmarsch statt. Die Veranstaltung baute auf den Gedenkmärschen nach Pohořelice (Pohrlitz) auf, die seit 2007 von Jaroslav Ostrčilík begangen wurden. Mit der Umbenennung in Versöhnungsmarsch wurde auch die Richtung geändert und die Route führt seither nach Brünn als eine symbolische der Versöhnung.

Die feierliche Eröffnung des Versöhnungsmarsches am Samstag, beim Gedenkkreuz am Massengrab der Opfer des Pohrlitzer Sammellagers begleitete auch die Seliger-Gruppe aus München. Von hier aus marschierten einige Teilnehmer den knapp 32 Kilometer lange Weg über Ledce, Rajhrad und Modřice nach Brünn und dort zum Mendelsplatz (Mendlovo náměstí), wo im Garten der Augustinerabtei die Abschlussveranstaltung stattfand. Dort warten auf die Teilnehmer des Versöhnungsmarsches Erfrischungen, Musik und Begegnungen mit Zeitzeugen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Hier traf die Seliger-Gruppe wieder zusammen und beging mit dem Brünner Oberbürgermeister Petr Vokřál und einigen Zeitzeugen der Nachkriegsgewalttaten den Festakt.

 

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