Kommunalpolitik der DSAP – Teil II
Sudetendeutsche Sozialdemokraten setzten auf kommunale Gestaltung
In der Abendschule zur Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie sprach Dr. Thomas Oellermann über die Kommunalpolitik der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakei (DSAP). Sein Vortrag zeigte, dass die Partei vor allem auf kommunaler Ebene wichtige politische Gestaltungsmöglichkeiten hatte.
Auf staatlicher Ebene befand sich die DSAP lange Zeit in der Opposition und beteiligte sich erst 1929 an einer Regierungskoalition. In Städten und Gemeinden konnten sozialdemokratische Politiker jedoch bereits zuvor konkrete Politik umsetzen. Gerade dort, so Oellermann, zeigte sich die praktische Stärke der sudetendeutschen Sozialdemokratie.
Ein zentrales Thema war der Wohnungsbau. In den Industriegebieten Nordböhmens herrschte nach dem Ersten Weltkrieg große Wohnungsnot. Sozialdemokratische Kommunalpolitiker versuchten daher, mit kommunalen Bauprogrammen und Wohnungsgenossenschaften die Lebensbedingungen der arbeitenden Bevölkerung zu verbessern.
Zu den bekannten Persönlichkeiten dieser kommunalen Politik gehörten etwa Bürgermeister Leopold Pölzl in Aussig sowie Adolf Reitzner und Fritz Kessler in Tetschen-Bodenbach. Auch in den Arbeiter- und Industrievororten von Karlsbad spielte die DSAP eine wichtige Rolle. Darüber hinaus stellten Sozialdemokraten in vielen kleineren Gemeinden Gemeindevorsteher oder engagierten sich in Gemeinderäten.
Organisatorisch war die Partei auch auf diesem Feld gut aufgestellt. Beim Parteivorstand bestand ein eigener Beratungsausschuss für Kommunalpolitik. Zudem gab die Partei die Fachzeitschrift Freie Gemeinde heraus, die erstmals am 2. Juli 1919 erschien und bis 1938 veröffentlicht wurde. Sie diente dem Erfahrungsaustausch und der politischen Weiterbildung kommunaler Mandatsträger.
Für Oellermann ist diese intensive kommunalpolitische Arbeit ein Ausdruck des sogenannten „Aktivismus“ der sudetendeutschen Sozialdemokratie. Obwohl die Deutschen in der Tschechoslowakei eine Minderheit bildeten, wollten die Sozialdemokraten die demokratischen Möglichkeiten des Staates nutzen, um konkrete Verbesserungen für die Bevölkerung zu erreichen.
Gerade in den turbulenten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg mit Hunger, politischen Unruhen und revolutionären Erwartungen wirkten die Sozialdemokraten häufig als stabilisierender Faktor. Sie setzten auf Reformpolitik und wollten die junge Tschechoslowakei durch demokratische und soziale Maßnahmen weiterentwickeln.
Nach der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei nach 1945 engagierten sich viele ehemalige DSAP-Mitglieder erneut politisch – nun vor allem in Bayern. Neben der Kommunalpolitik spielte dabei auch das Genossenschaftswesen eine wichtige Rolle, etwa beim Aufbau von Wohnungsbaugenossenschaften. Damit setzten sie eine Tradition fort, die bereits in der Zwischenkriegszeit begonnen hatte: soziale Verbesserungen durch praktische kommunalpolitische Arbeit.
Den Bericht zur Abendschule mit dem ersten Teil zur Kommunalpolitik der DSAP vom 12.9.2023 findet ihr hier!
Die Abendschule mit Thomas Oellermann zum Thema „Kulturarbeit in der sudetendeutschen Arbeiterbewegung“ kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.
Die seliger-online-Veranstaltungen finden mit großzügiger Unterstützung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages statt.