Ein kleines Heft – und eine große Überraschung
Die wiederentdeckte Kuplent-Broschüre erzählt die Geschichte der Böhmerwälder Holzhauer als Bildergeschichte
Seit Jahren suchten wir nach einer kleinen Broschüre von Franz Kuplent. Roman Wirkner hatte auf die 1930 erschienene Schrift hingewiesen und ihr den vielversprechenden Titel „Von der Ansiedlungsurkunde (1780) bis zum Kollektivvertrag (1920)“ überliefert. Vieles sprach dafür, dass sich dahinter eine kompakte Sozialgeschichte der Böhmerwälder Waldarbeiter verbarg. Kuplent kannte diese Welt aus eigener Anschauung. Seit den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg war er als sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Funktionär im südlichen Böhmerwald tätig, 1919 wurde er Kreisgewerkschaftssekretär für Südböhmen, später wirkte er als Funktionär der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der DSAP, im Raum Pilsen–Budweis.
Entsprechend groß waren die Erwartungen an die verschollene Schrift. Vielleicht, so unsere Hoffnung, würde Kuplent erklären, wie aus den im 18. und 19. Jahrhundert angesiedelten Holzhauern eine organisierte Arbeiterschaft wurde. Doch zunächst musste das Heft überhaupt gefunden werden. Nach langer Suche verdichteten sich Hinweise auf ein Exemplar in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig. Digitale Recherchemöglichkeiten halfen, diese Spur zu konkretisieren. Entscheidend war am Ende aber wieder ein Mensch: Unser neues Mitglied Nyke Lou Aßhauer, die in Leipzig lebt, machte sich vor Ort auf die Suche – und fand die Broschüre tatsächlich.
Nach vielen Jahrzehnten lag Franz Kuplents kleines Heft wieder vor. Die Überraschung folgte sofort: Es war gar keine historische Abhandlung, sondern eine Bildergeschichte. Fast jede Seite besteht aus einer Zeichnung und wenigen erklärenden Sätzen. Kuplent erzählt rund 150 Jahre Sozialgeschichte in drei Abschnitten: 1780–1848, 1848–1918 und die Zeit seit 1918.
Gerade diese Form scheint ein Schlüssel zum Verständnis der Broschüre zu sein. Kuplent wollte 1930 offenbar keine wissenschaftliche Studie schreiben, sondern Geschichte so erzählen, dass sie unmittelbar verstanden werden konnte. Die Bilder zeigen, wie die Waldarbeiter lebten, welchen Pflichten sie unterlagen und wie sich ihre Stellung veränderte.
Inzwischen konnten wir den ersten Teil, der die Zeit bis zur Revolution von 1848 behandelt, vollständig rekonstruieren und auswerten. Kuplent beginnt nicht mit den Holzhauern, sondern mit dem Wald. Das erste Bild zeigt einen kaum erschlossenen Böhmerwald. Darunter steht: „Eine Wildnis war der Böhmerwald, seine Besitzer hatten von ihm keinen Nutzen.“ Damit setzt Kuplent den Ausgangspunkt aus der Sicht der Grundherren. Die großen Waldgebiete waren vorhanden, aber wirtschaftlich nur schwer nutzbar. Wer den Wald erschließen und Holz gewinnen wollte, brauchte Menschen, die dauerhaft vor Ort lebten.
Das nächste Bild zeigt eine Gruppe Neuankömmlinge. Ihnen wird erklärt: „Wir wollen Euch unter folgenden Bedingungen hier ansiedeln.“ Zunächst sieht das Angebot attraktiv aus. Die Familien dürfen ein Häuschen bauen, erhalten Feld und Wiesen, Weiderechte für zwei Kühe und dürfen Klaubholz aus dem Wald holen. Für Menschen ohne Besitz konnte dies die Chance auf eine dauerhafte Existenz bedeuten. Aus solchen Ansiedlungen entstanden jene Holzhauerdörfer, aus denen später viele Familien der Region hervorgingen.
Doch das Häuschen hatte seinen Preis. Für Haus und Grund waren jährlich 1 Gulden 20 Kreuzer zu entrichten, hinzu kamen 26 Handrobot-Tage. Die Bewohner mussten außerdem jährlich mindestens 100 niederösterreichische Klafter Holz schlagen. Weitere Arbeiten waren „wann und wo immer“ zu übernehmen, bei Waldbränden sogar unentgeltlich. Das scheinbar großzügige Angebot war also Teil eines umfassenden Systems von Arbeit, Abgaben und Verpflichtungen.
Besonders spannend ist, dass Kuplents Angaben offenbar nicht frei erfunden sind. Mehrere auffällige Zahlen und Bestimmungen lassen sich mit historischen Schwarzenbergischen Regelungen vergleichen. Dort finden sich dieselben oder sehr ähnliche Bedingungen: Haus- und Grundzins, 26 Robot-Tage, 100 Klafter Holz, begrenzte Viehhaltung und ein herrschaftliches Einlösungsrecht am Haus. Kuplent scheint reale Ansiedlungs- und Arbeitsbedingungen der Böhmerwälder Holzhauer in Bilder übersetzt zu haben. Seine Broschüre ist damit nicht nur politische Agitation, sondern zugleich populäre historische Quellenvermittlung.
Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass es nicht allein um wirtschaftliche Abhängigkeit geht. Kuplent schreibt: „Der Grundobrigkeit müsst Ihr den schuldigen Gehorsam und Treue bezeugen.“ Der Holzhauer vor 1848 ist also nicht nur Arbeiter und Pächter, sondern Untertan. Die Herrschaft greift tief in den Alltag ein. Jagd und Fischerei sind verboten, „Raubschützen“ wird untersagt, unerwünschten Personen darf kein Unterschlupf gewährt werden. Wer mehr Vieh hält als erlaubt, muss mit Konfiskation und Strafe rechnen. Besonders überraschend ist die Vorschrift, nur herrschaftliches Bier, Wein, Schnaps und Salz zu beziehen. Das Herrschaftsverhältnis reicht bis in den täglichen Konsum.
Am Ende des ersten Kapitels steigert Kuplent seine Erzählung noch einmal. Wer sich gegen die Obrigkeit etwas zuschulden kommen lässt, muss zur Herrschaftsdirektion – und erhält dort, so die Bildunterschrift, Stockhiebe. Die Dramaturgie ist eindeutig: Häuschen – Land – Arbeit – Gehorsam – Kontrolle – Strafe.
Gerade hier wird Kuplents politische Absicht sichtbar. Er ist 1930 kein neutraler Heimatkundler, sondern Gewerkschafter und DSAP-Funktionär. Auffällig ist deshalb seine direkte Sprache. Kuplent schreibt nicht: „Die Holzhauer mussten …“, sondern „Ihr müsst …“, „Ihr dürft …“, „Ihr könnt …“. Damit versetzt er seine Leser in die Lage ihrer Vorfahren. Seine Botschaft lautet sinngemäß: So lebten eure Familien, das waren ihre Rechte und Pflichten – und aus dieser Welt stammt eure soziale Geschichte.
Noch ist nicht jedes Rätsel gelöst. Vor allem die im Titel genannte „Ansiedlungsurkunde (1780)“ haben wir bislang nicht als konkretes Original identifizieren können. Die auffälligen Vertragsbedingungen weisen jedoch deutlich in das Schwarzenbergische Holzhauermilieu.
Aus der erhofften kleinen Sozialgeschichte wurde eine Bildergeschichte. Aus der Bildergeschichte wird bei genauer Analyse eine erstaunlich dichte Darstellung realer Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Und aus einer vermeintlich einfachen Agitationsschrift entsteht ein Dokument darüber, wie die DSAP 1930 den Böhmerwälder Waldarbeitern ihre eigene Geschichte erzählte.
Doch Kuplents Geschichte endet 1848 nicht. Die Revolution beseitigte Grunduntertänigkeit und Robot. Aber bedeutete das bereits soziale Freiheit? Genau dort setzt der zweite Teil der ungewöhnlichen Bildergeschichte an.