Studienfahrt 2026

Veröffentlicht am 27.08.2026 in Allgemein

Pflege übernehmen – Erinnerung bewahren: Mitglieder der Seliger-Gemeinde legen nach jüdischer Tradition Steine am Familiengrab Strauß nieder und beteiligen sich symbolisch an Pflegearbeiten. Im Zentrum die Übergabe der Pflegevereinbarung durch Jáchym Pešata von Matana a.s. an die Präsidiumsmitglieder der Seliger-Gemeinde.

 

Aus historischer Spurensuche wird konkrete Erinnerungsarbeit

Seliger-Gemeinde übernimmt die Pflege des Familiengrabes Strauß auf dem Neuen Jüdischen Friedhof

Der zweite Programmpunkt der Studienreise 2026 führte die Seliger-Gemeinde auf den Neuen Jüdischen Friedhof in Prag. Bereits bei der Studienfahrt 2024 hatte die Gruppe das Familiengrab Strauß besucht. Damals entstand erstmals der Gedanke, die Pflege der Grabstätte zu übernehmen. Zwei Jahre später wurde aus dieser Idee konkrete Verantwortung.

Am Eingang des Friedhofs wurde die Reisegruppe von Jáchym Pešata* von Matana a.s. empfangen. Die Gesellschaft der Jüdischen Gemeinde Prag ist heute unter anderem für die technische Betreuung und Erhaltung jüdischer Friedhöfe und Grabstätten zuständig. Von dort führte Pešata die Gruppe direkt zum Familiengrab Strauß.

Ein Grab mit vielen Geschichten

Für die Seliger-Gemeinde führt der Name zunächst zu Emil Strauß (1889–1942). Der Prager Historiker, Journalist und Politiker gehörte zu den bedeutenden Persönlichkeiten der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik. Er war enger Mitarbeiter Josef Seligers, heiratete dessen Tochter Anny und leitete von 1935 bis 1938 als Chefredakteur den Prager „Sozialdemokrat“. Nach der deutschen Besetzung Prags wurde Strauß verhaftet und 1942 in Auschwitz ermordet.

Doch das Familiengrab erzählt weit mehr als die Geschichte Emil Strauß’.

Eine besondere Rolle spielt seine Mutter Maria, auch Miriam Strauß. Nach Auskunft von Jáchym Pešata war sie selbst in der damaligen Verwaltung des jüdischen Friedhofs tätig. Auch ihre hebräische Grabinschrift würdigt ihr Engagement für die jüdische Gemeinschaft. Damit entsteht eine bemerkenswerte Verbindung zur Gegenwart: Maria Strauß arbeitete einst in jenem Aufgabenfeld, dessen technische Betreuung heute Matana wahrnimmt.

Ein Familiengrab, das zum Erinnerungsort wurde

Am Grab erläuterte Pešata auch die Inschriften und Ergänzungen des Grabmals. Die vorhandene Grabtafel wurde im Laufe der Zeit um weitere Namen ergänzt** und damit zu einem Erinnerungsort für jene Angehörigen der Familie, die während der nationalsozialistischen Verfolgung ermordet wurden.

Genannt werden unter anderem Josef Strauß*, Emil Strauß, Mariana Kuhnová* sowie die Familien Alfred Kussy* und Ludwig Strauß*. Sie stehen für eine Familiengeschichte, die durch Deportation, Konzentrationslager und Holocaust auseinandergerissen wurde.

Gerade die Verbindung zur Familie Alfred Kussy gibt noch Rätsel auf. Eigene Recherchen haben ergeben, dass Alfred Kussy zuletzt in der Rybná 17 in Prag lebte – in jenem Haus, das zum Familienbesitz der Strauß gehörte. Zusammen mit der ausdrücklichen Erwähnung der Familie Kussy auf dem Strauß-Gedenkstein spricht dies für eine enge familiäre oder verwandtschaftliche Verbindung. Wie genau diese verlief, ist derzeit noch Gegenstand weiterer Nachforschungen. Eine weitere Spur kam bei Pflegearbeiten am Grab zum Vorschein: eine kleine, kaum noch lesbare Gedenktafel zur Familie Kussy. Sie soll nun restauriert werden. Auch ein Teil des Beitrags der Seliger-Gemeinde zur Grabpflege wird dafür eingesetzt. Erst nach der Restaurierung wird sich zeigen, ob die Tafel weitere Namen oder Hinweise enthält und möglicherweise hilft, die Verbindung zwischen Strauß und Kussy genauer zu klären.

Aus einer Idee wird eine Vereinbarung

Am Familiengrab übergab Jáchym Pešata schließlich die Pflegevereinbarung an die Präsidiumsmitglieder der Seliger-Gemeinde Rita Hagl-Kehl, Ulrich Miksch und Thomas Oellermann.

Damit wurde ein Gedanke, der 2024 bei der ersten gemeinsamen Beschäftigung mit dem Grab entstanden war, nun Wirklichkeit. Die Seliger-Gemeinde übernimmt künftig dauerhaft Verantwortung für die Pflege dieser Grabstätte.

Die Vereinbarung ist zugleich der Beginn einer neuen Zusammenarbeit mit Matana. Die Pflege des Grabes, die Restaurierung der Kussy-Gedenktafel und die weitere Erforschung der dort genannten Familien sollen künftig miteinander verbunden werden.

Abschluss in der Zeremonienhalle

Im Anschluss an den Aufenthalt am Grab führte Jáchym Pešata die Reisegruppe in die historische Zeremonienhalle des Neuen Jüdischen Friedhofs. Die Besichtigung gab einen zusätzlichen Einblick in die jüdische Begräbniskultur und in die Geschichte dieses besonderen Erinnerungsortes.

 

*Zur Person Jáchym Pešata:

Jáchym Pešata ist Mitarbeiter von Matana a.s., der von der Jüdischen Gemeinde Prag gegründeten Gesellschaft, die unter anderem für die technische Betreuung und Erhaltung jüdischer Friedhöfe zuständig ist.

Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Dokumentation und Wiedergewinnung vergessener Grabstätten. Auf dem Neuen Jüdischen Friedhof befinden sich noch mehr als tausend nicht gekennzeichnete Gräber. Seit 2013 versucht Matana, anhand von Bestattungsbüchern, Matrikeln, Archivunterlagen und Quellen aus Theresienstadt wieder Namen und Grabstellen zusammenzuführen. Bis zum Frühjahr 2026 konnten auf diese Weise bereits mehr als 120 Grabstätten wieder gekennzeichnet werden.

 

**Die weiteren auf der Grabtafel genannten Personen

Maria (Miriam) Strauß (1863–1913)
Maria, auch Miriam Strauß, war die Mutter Emil Strauß’ und Ehefrau von Josef Strauß. Die Grabinschrift nennt als Lebensdaten 31. Oktober 1863 bis 12. Januar 1913. Sie starb damit lange vor der nationalsozialistischen Verfolgung. Ihre hebräische Inschrift würdigt ihr Wirken für die jüdische Gemeinschaft. Nach Auskunft von Matana war sie im damaligen jüdischen Friedhofs- beziehungsweise Bestattungswesen tätig.

Josef Strauß (1857–1942)
Josef Strauß war der Vater von Emil und Ludwig Strauß und Ehemann von Maria/Miriam. Die ergänzte Gedenkinschrift am Familiengrab nennt die Lebensdaten 1857–1942 und zählt ihn zu jenen Angehörigen der Familie, die während des Krieges in Konzentrationslagern ums Leben kamen. Eine zweifelsfreie Zuordnung zu einem konkreten Deportationseintrag ist bislang nicht gelungen. Sicher belegt ist dagegen, dass Josef Strauß einen 6/10-Anteil am Haus Rybná 17 in Prag besaß.

Ludwig (Ludvik) Strauß († 6. August 1945)
Ludvik Strauß war ein Bruder Emil Strauß’. Er besaß 3/10 des Hauses Rybná 17, das während der deutschen Besatzung beschlagnahmt und deutschen Interessen übertragen wurde. Die amerikanischen Nachkriegsakten nennen als seinen Todestag den 6. August 1945. Er hinterließ sein Vermögen testamentarisch seiner Ehefrau. Die Grabtafel erinnert ausdrücklich auch an die Familie Ludvik Strauß’ unter den während des Krieges in Konzentrationslagern umgekommenen.

Alfred Kussy (1895–1942) und Růžena Kussyová (1896–1942?)
Alfred Kussy wurde am 9. Januar 1895 geboren und lebte zuletzt in Prag I, Rybná 17/683. Er wurde im September 1942 von Prag nach Theresienstadt deportiert und wenige Tage später weiter nach Malý Trostinec bei Minsk, wo er ermordet wurde. Seine Ehefrau war Růžena Kussyová, geboren am 18. Oktober 1896. Sie wurde bereits im Januar 1942 von Pilsen nach Theresienstadt und im April 1942 weiter nach Zamość deportiert; auch sie überlebte die Shoah nicht.

Die genaue verwandtschaftliche Verbindung zur Familie Strauß ist noch ungeklärt. Auffällig ist jedoch, dass Alfred Kussy gerade im Haus Rybná 17 wohnte, das zu neun Zehnteln Josef und Ludvik Strauß gehörte. Zusammen mit der Nennung der „Familie Alfred Kussy“ auf dem Strauß-Gedenkstein spricht dies für eine enge familiäre oder verschwägerte Beziehung.

Mariana Kuhnová (1920–1945)
Mariana Kuhnová wurde am 14. April 1920 geboren und lebte vor ihrer Deportation in Prag I. Am 12. September 1942 wurde sie gemeinsam mit ihrem wenige Wochen alten Sohn Petr Kuhn nach Theresienstadt deportiert. Am 1. Oktober 1944 folgte die Deportation nach Auschwitz. Sie überlebte die Verfolgung nicht.

Ihr Sohn Petr Kuhn, geboren am 28. Juni 1942, war bei der Deportation nicht einmal drei Monate alt. Er starb bereits am 8. Oktober 1942 im Ghetto Theresienstadt.

Die Grabinschrift nennt Mariana mit den Lebensdaten 1920–1945. Das weicht insofern von der Opferdatenbank ab, als diese keinen konkreten Todestag nennt, sondern lediglich dokumentiert, dass sie nach Auschwitz deportiert wurde und ums Leben kam. Die genaue familiäre Verbindung zur Familie Strauß ist noch offen.

 

 

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