Dora Müller (1920–2009)
Dora Müller, geborene Schuster, wurde 1920 in der mährischen Metropole Brünn/Brno geboren. Sie wuchs in der demokratischen Atmosphäre der Ersten Tschechoslowakischen Republik auf, in einer Stadt, in der tschechische, deutsche und jüdische Kultur das öffentliche Leben gleichermaßen prägten. Ihr Elternhaus war tief in der deutschen sozialdemokratischen Bewegung verwurzelt. Ihr Vater Karl Schuster gehörte zu den führenden Persönlichkeiten der Brünner Deutschen Sozialdemokratie und arbeitete eng mit dem langjährigen DSAP-Vorsitzenden und tschechoslowakischen Minister Ludwig Czech zusammen. Dadurch kam Dora bereits früh mit den Idealen von Demokratie, sozialer Gerechtigkeit und konsequentem Antifaschismus in Berührung, die ihr gesamtes weiteres Leben bestimmen sollten.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland im Jahr 1933 entwickelte sich Brünn zu einem wichtigen Zufluchtsort für politische Flüchtlinge aus Deutschland und nach 1934 auch aus Österreich. Sozialdemokratische Netzwerke, Gewerkschafter und demokratische Organisationen unterstützten zahlreiche Emigranten, die Brünn als Zwischenstation auf ihrem Weg in sichere Exilländer nutzten. Die Familie Schuster war in diese Hilfsarbeit eingebunden und leistete im Rahmen ihrer Möglichkeiten Unterstützung für politisch Verfolgte.
Mit dem Münchner Abkommen im Herbst 1938 und der zunehmenden Bedrohung der Rest-Tschechoslowakei verschärfte sich die Lage dramatisch. Gemeinsam mit ihrer Schwester beteiligte sich die damals erst achtzehnjährige Dora Schuster an Hilfsaktionen für gefährdete Menschen, insbesondere für jüdische Familien. Sie unterstützte die Organisation von Fluchtmöglichkeiten und half dabei, Kinder auf die Ausreise vorzubereiten, die im Rahmen der Kindertransporte in Sicherheit gebracht werden konnten. Diese Hilfe erfolgte unter den Bedingungen wachsender nationalsozialistischer Repression und erforderte großen persönlichen Mut.
Nach der deutschen Besetzung Böhmens und Mährens im März 1939 geriet auch die deutsche Sozialdemokratie in Brünn endgültig unter Verfolgung. Viele Weggefährten der Familie mussten emigrieren oder wurden Opfer des NS-Regimes. Der langjährige Familienfreund Ludwig Czech wurde 1942 im Ghetto Theresienstadt ermordet.
Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb das Leben für die Familie schwierig. Während die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung Brünns vertrieben wurde, durfte die Familie Schuster aufgrund ihrer nachgewiesenen antifaschistischen Haltung in der Tschechoslowakei bleiben. Dennoch bedeuteten die folgenden Jahrzehnte des kommunistischen Regimes eine Zeit, in der die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie und des deutsch-jüdischen Brünn kaum öffentlich thematisiert werden konnte. Dora Müller bewahrte die Erinnerungen an diese Epoche und hielt Kontakte zu ehemaligen Weggefährten im In- und Ausland aufrecht.
Erst nach der Samtenen Revolution von 1989 konnte sie sich uneingeschränkt der historischen Erinnerungsarbeit widmen. Am 19. Juli 1991 gehörte sie zu den Mitbegründern des Deutschen Kulturverbandes in Brünn und prägte dessen Entwicklung über viele Jahre entscheidend. Unter ihrer Leitung entwickelte sich das Begegnungszentrum in der Jana-Uhra-Straße zu einem wichtigen Ort des deutsch-tschechischen Dialogs. Dora Müller setzte sich für Versöhnung, historische Aufarbeitung und die Pflege des kulturellen Erbes der deutschen Minderheit in Mähren ein. Als langjährige Vertreterin des Kulturverbandes arbeitete sie eng mit der Seliger-Gemeinde zusammen und nahm regelmäßig an deren Bundesversammlungen und Veranstaltungen teil. Darüber hinaus engagierte sie sich mit Vorträgen und Zeitzeugengesprächen, insbesondere an der Masaryk-Universität in Brünn, wo sie Generationen junger Historikerinnen und Historiker die Geschichte des deutschen Brünn näherbrachte.
Ein besonderes Anliegen war ihr die Dokumentation der Flucht- und Exilgeschichte. Gemeinsam mit weiteren Zeitzeugen veröffentlichte sie 1997 das zweisprachige Buch Drehscheibe Brünn 1933–1939. Deutsche und österreichische Emigranten, das die Rolle Brünns als bedeutenden Zufluchtsort für Verfolgte des Nationalsozialismus dokumentiert und bis heute eine wichtige Quelle zur regionalen Exilgeschichte darstellt.
Mit großer Beharrlichkeit setzte sich Dora Müller außerdem für die Wiederentdeckung des Wirkens von Ludwig Czech ein. Ihrem langjährigen Engagement ist es wesentlich zu verdanken, dass am 25. April 2005 an dessen ehemaligem Wirkungsort in Brünn eine Gedenktafel enthüllt wurde. Damit erhielt einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Sozialdemokratie in der Tschechoslowakei erstmals wieder einen sichtbaren Platz im öffentlichen Gedächtnis der Stadt.
Dora Müller verstarb am 1. April 2009 im Alter von 89 Jahren in ihrer Heimatstadt Brünn.