Heinrich Müller jun. (1904 - 1977)
Heinrich Müller jun. wurde 1904 als Sohn des späteren DSAP-Politikers, Senators und Vorsitzenden des Arbeiter-Turn- und Sportverbandes (ATUS) Heinrich Müller und dessen Ehefrau Henriette geboren. Er wuchs in Aussig (Ústí nad Labem) in einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus auf, in dem Politik, Arbeiterbildung und demokratisches Engagement den Alltag bestimmten. Früh schloss er sich der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) an und übernahm die politischen Überzeugungen seiner Eltern. Beruflich erlernte er das Bau- und Möbeltischlerhandwerk und entwickelte sich zu einem vielseitig begabten Handwerker.
In den 1920er Jahren unternahm er gemeinsam mit Freunden mehrere Rucksack- und Wanderreisen, unter anderem nach Italien. Seine Eindrücke hielt er in einem Reisetagebuch fest, aus dem später Auszüge unter dem Titel „Aus einem Tippeltagebuch“ veröffentlicht wurden. Die Reisen spiegeln seine Offenheit gegenüber anderen Menschen und Kulturen wider und zeigen bereits jene Neugier und Anpassungsfähigkeit, die sein späteres Leben prägen sollten.
Mit der politischen Zuspitzung der Sudetenkrise geriet auch die Familie Müller zunehmend unter Druck. Nach dem Münchner Abkommen im September 1938 gehörte Heinrich Müller jun. zu den zahlreichen sudetendeutschen Sozialdemokraten, die vor der nationalsozialistischen Verfolgung fliehen mussten. Am 23. Oktober 1938 überschritt er gemeinsam mit vierzehn weiteren Genossen bei Suchá Hora die tschechoslowakisch-polnische Grenze. Die Flucht erfolgte unter dem Schutz des britischen Labour-Abgeordneten David Grenfell, der sich für sudetendeutsche Sozialdemokraten einsetzte. Von Polen gelangte die Gruppe nach Großbritannien. Seine Ehefrau Else konnte ihm fünf Wochen später nach England folgen.
Ursprünglich war für Heinrich und Else Müller eine Auswanderung nach Neuseeland vorgesehen, da das Land einer größeren Gruppe sudetendeutscher Flüchtlinge die Einreise zugesagt hatte. Zwischenzeitlich schien sich jedoch die Möglichkeit einer Ansiedlung in Kanada zu eröffnen. Auf Bitten des Vorsitzenden der DSAP im Exil, Wenzel Jaksch, erklärte sich Heinrich Müller bereit, dort beim Aufbau neuer Siedlungen als Bau- und Möbeltischler mitzuwirken. Diese Pläne zerschlugen sich jedoch, nachdem Else Müller wegen eines leichten Kropfes von den kanadischen Einwanderungsbehörden zurückgewiesen worden war. Für das Ehepaar bedeutete dies eine große Enttäuschung. Sie kehrten in ein Flüchtlingslager bei Cleobury Mortimer zurück, wo sie Ende 1939 schließlich die Nachricht erhielten, dass ihnen die Einreise nach Neuseeland bewilligt worden war.
Vor der Abreise hielt sich Heinrich Müller noch einige Zeit in London auf. Dort nahm er an der für die sudetendeutsche Sozialdemokratie bedeutenden Konferenz in Loughton teil und stand in engem Kontakt zu Wenzel Jaksch, der unweit seiner Unterkunft lebte. Kurz vor der Abreise verabschiedete sich das Ehepaar Müller bei einem gemeinsamen Nachmittagskaffee von Jaksch und anderen Weggefährten.
Am 4. Mai 1940 begann die Überfahrt nach Neuseeland. Die Reise fiel in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und war von der allgegenwärtigen Bedrohung durch den deutschen Luft- und Seekrieg überschattet. In seinem Tagebuch schilderte Heinrich Müller eindrucksvoll die Atmosphäre beim Auslaufen des Schiffes. Entlang der Themse sah er die silbernen Sperrballons der britischen Luftabwehr, versenkte Schiffe, deren Schornsteine aus dem Wasser ragten, und die sichtbaren Folgen des Minenkrieges. Die Schwimmwesten an Bord erinnerten die Passagiere ständig an die Gefahr eines Angriffs. Das Schiff erreichte Neuseeland zwar unversehrt, wurde jedoch auf seiner Rückfahrt nach England von einem deutschen Kriegsschiff versenkt.
Die Entscheidung für Neuseeland begründete Heinrich Müller später mit dem Wunsch, Europa und den Krieg hinter sich zu lassen und in einem friedlichen Land ein neues Leben beginnen zu können. Dennoch war die erste Zeit in der neuen Heimat von starkem Heimweh geprägt. Schon einen Tag nach der Ankunft fand er Arbeit als Bau- und Möbeltischler. Gemeinsam mit seiner Frau verzichtete er bewusst darauf, weitere Flüchtlingshilfe in Anspruch zu nehmen. Beide wollten sich ihre neue Existenz aus eigener Kraft aufbauen. Die Unterstützung des Czech Refugee Trust Fund, der die Überfahrt finanzierte und zusätzlich 200 Pfund für den Neuanfang zur Verfügung stellte, erleichterte ihnen jedoch den Start erheblich.
Die ersten Jahre lebte das Ehepaar in bescheidenen Verhältnissen in einer Einzimmerwohnung. Durch harte Arbeit gelang es ihnen schließlich, ein eigenes Haus zu erwerben. An ihrem zehnten Hochzeitstag konnten sie in das neue Heim einziehen. Im Juli 1945 wurde ihre Tochter Helen geboren, die das einzige Kind der Familie blieb. Sie absolvierte später eine Ausbildung zur Krankenschwester, heiratete einen Niederländer und gründete eine eigene Familie.
Wie viele Emigranten musste Heinrich Müller den Verlust seiner Heimat und seines bisherigen Lebens verkraften. Gleichzeitig gelang ihm eine bemerkenswerte Integration in die neuseeländische Gesellschaft. Er betonte später, dass er sich überall dort anpasste, wo dies mit seinen demokratischen Überzeugungen vereinbar war. Politische oder gesellschaftliche Kompromisse gegen sein Gewissen lehnte er jedoch grundsätzlich ab.
Sein politisches Engagement setzte Heinrich Müller unmittelbar nach Kriegsende fort. Er trat der New Zealand Labour Party bei und engagierte sich über viele Jahre in verschiedenen Parteifunktionen. Von 1960 bis 1968 war er Vorsitzender der Labour-Parteiorganisation seines Wohnortes Island Bay bei Wellington. Bereits zuvor gehörte er mehrere Jahre dem Exekutivkomitee seines Wahlkreises an und nahm wiederholt als Delegierter an den Parteitagen teil. Darüber hinaus arbeitete er in Elternvertretungen, Kindergartenausschüssen und anderen kommunalen Gremien mit. Während des Zweiten Weltkriegs leistete er freiwilligen Dienst in der neuseeländischen Landesverteidigung.
Neben seinem politischen Engagement pflegte Heinrich Müller vielfältige kulturelle Interessen. Er war Mitglied der Goethe-Gesellschaft in Neuseeland und sprach neben Deutsch und Englisch auch Italienisch. Dadurch engagierte er sich zeitweise im italienischen Kulturverein „Dante Alighieri“. Seine sprachlichen Fähigkeiten und seine internationale Offenheit machten ihn zu einem wichtigen Vermittler zwischen verschiedenen Kulturen.
Innerhalb der kleinen Gemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten in Neuseeland spielte Heinrich Müller eine zentrale Rolle. Gemeinsam mit Genossen wie Franz Thum und Franz Schusser hielt er die Verbindung zur alten politischen Bewegung aufrecht. Er blieb Mitglied der Seliger-Gemeinde und stand über Jahrzehnte in engem Kontakt mit ihren führenden Persönlichkeiten. An mehreren Großveranstaltungen der Seliger-Gemeinde nahm er persönlich teil und berichtete dort über das Leben der Emigranten in Neuseeland.
1965 reiste Heinrich Müller erstmals wieder nach Europa. Besonders die demokratische Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland beeindruckte ihn nachhaltig. Nach seiner Rückkehr hielt er rund dreißig Vorträge und Diskussionsveranstaltungen, in denen er seine Eindrücke schilderte und für ein differenziertes Bild des Nachkriegsdeutschlands warb. Gleichzeitig bekannte er offen, dass Neuseeland inzwischen zu seiner eigentlichen Heimat geworden war. Rückblickend schrieb er, er habe es nie bereut, Europa verlassen zu haben; bereits nach wenigen Wochen seiner Europareise habe er Heimweh nach Neuseeland verspürt.
Heinrich Müller starb 1977 bei einem Deutschlandbesuch in Darmstadt.