Ausstellungseröffnung: „Das rote Brünn“ erinnert an das demokratische Erbe der sudetendeutschen Sozialdemokratie
Mit einer ansprechend gestalteten, zweisprachigen Videoprojektion über die Lebenswege Brünner Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten eröffneten die Seliger-Gemeinde und die Demokratische Masaryk-Akademie im Messezentrum Brünn die Ausstellung „Das rote Brünn“. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Sudetendeutschen Tages statt und zog zahlreiche Gäste aus Deutschland, Tschechien, Österreich und weiteren europäischen Ländern an. Unter den Teilnehmern waren unter anderem der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe Bernd Posselt, der Europaabgeordnete Hannes Heide (SPÖ), der SPD-Bundestagsabgeordnete Ruppert Stüwe, der ehemalige Bundestagsabgeordnete Gerd Weiskirch, der bayerische SPD-Landtagsabgeordnete Volkmar Halbleib, die Generalsekretärin der BayernSPD Kathrin Pollak sowie der frühere Vizepräsident des Europäischen Parlaments, der Sozialdemokrat Libor Rouček.
Für den musikalischen Auftakt sorgten Peter Heidler und Herbert Schmidt, die seit vielen Jahren Veranstaltungen der Seliger-Gemeinde begleiten. Moderatorin Christa Naaß, Vorsitzende der Seliger-Gemeinde, stellte die Ausstellung in den größeren historischen Zusammenhang des diesjährigen Sudetendeutschen Tages. Für die Seliger-Gemeinde sei es wichtig gewesen, die Geschichte Brünns als Zentrum demokratischer und sozialdemokratischer Tradition sichtbar zu machen. Dies geschehe sowohl mit der Ausstellung „Das rote Brünn – Lebensbilder Brünner Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten“ als auch mit der anschließenden Diskussionsveranstaltung „Brünn als Zentrum demokratischen Exils nach 1934“.
Einsatz für Demokratie, Solidarität und ein gleichberechtigtes Miteinander
Naaß erinnerte daran, dass bereits das Brünner Nationalitätenprogramm der österreichischen Sozialdemokratie von 1899 einen demokratischen und gerechten Umbau der Monarchie angestrebt habe und bis heute als Leuchtpunkt sozialdemokratischer Politik gelte. Die in der Ausstellung vorgestellten Persönlichkeiten hätten sich für Demokratie, Solidarität und ein gleichberechtigtes Miteinander eingesetzt und dafür vielfach Verfolgung, Verlust und Exil erfahren. Angesichts des Erstarkens nationalistischer und populistischer Kräfte in vielen europäischen Ländern sei es heute wichtiger denn je, an Menschen zu erinnern, die Haltung gezeigt und Verantwortung für die Demokratie übernommen hätten. Auch heute brauche es Menschen, die diese Werte verteidigten.
In seinem Grußwort hob Ruppert Stüwe, stellvertretender Vorsitzender der deutsch-tschechischen Parlamentariergruppe des Bundestages, die Aktualität der präsentierten Biografien hervor. Stüwe, der selbst während seines Studiums ein Erasmus-Semester in Brünn verbracht hatte, erinnerte an den Botaniker Hugo Iltis, der die nationalsozialistische Rassenideologie bekämpfte, an Elisabeth Czech und ihr Engagement für die Kinderfreunde sowie an den aus Brünn stammenden Friedrich Stampfer, den langjährigen Leiter der sozialdemokratischen Zeitung „Vorwärts“ und späteren Begleiter des Exilblattes „Neuer Vorwärts“ in Prag. Die Lebenswege dieser Persönlichkeiten zeigten eindrucksvoll, wie eng demokratisches Engagement und persönlicher Mut miteinander verbunden seien.
Kathrin Pollak, Generalsekretärin der BayernSPD und selbst Mitglied der Seliger-Gemeinde, gratulierte der Organisation zu ihrem 75-jährigen Bestehen. Die Seliger-Gemeinde sei keineswegs eine Organisation der Vergangenheit, sondern „75 Jahre jung“ und gerade heute mit ihrem Engagement für ein friedliches, solidarisches Europa aktueller denn je.

Die Bundesvorsitzenden der Seliger-Gemeinde Helena Päßler (li.) und Christa Naaß (re.) mit Ruppert Stüwe und Kathrin Pollack

Patrik Eichler, Direktor der MdA und Thomas Oellermann, der dessen Beitrag übersetzte
Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Verfolgung, Emigration und Vertreibung
Der Historiker Dr. Thomas Oellermann erläuterte die historische Einbettung der Ausstellung und verwies auf die besonderen gesellschaftlichen Strukturen Brünns. Anders als in vielen kleineren Industriestandorten sei die sozialdemokratische Bewegung hier stark von Intellektuellen und Akademikern geprägt gewesen. Die vorgestellten Biografien spiegelten demokratische Arbeit, Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Verfolgung, Emigration und Vertreibung wider. Viele derjenigen, die den Nationalsozialismus in Brünn überlebt hätten, seien nach 1945 nur deshalb in der Stadt geblieben, weil sie als Antifaschisten anerkannt worden seien und die tschechische Sprache beherrscht hätten.
Einen besonderen Akzent setzte Patrik Eichler, Direktor der Demokratischen Masaryk-Akademie und langjähriger Kooperationspartner der Seliger-Gemeinde. Eichler warb eindringlich für eine lebendige deutsch-tschechische sozialdemokratische Zusammenarbeit und für eine internationale Orientierung als Antwort auf den zunehmenden Nationalismus in Europa. Er erinnerte daran, dass nach der Vertreibung von rund drei Millionen Deutschen etwa 500.000 Menschen in der Tschechoslowakei geblieben seien, bleiben mussten oder bewusst geblieben seien. Diese Menschen hätten den fast vollständigen Zusammenbruch des deutschen Schul- und Bildungswesens erlebt und damit auch den Verlust kultureller Traditionen und Bindungen erfahren. Eichler mahnte, die Erfahrungen und Schicksale dieser Menschen stärker in den Mittelpunkt der gemeinsamen Erinnerungskultur zu rücken. „Diesen Menschen, die dies durchlebten, sollten wir uns unbedingt noch widmen“, betonte er abschließend.
Die Ausstellung macht deutlich, dass die Geschichte der Brünner Sozialdemokratie weit über regionale Erinnerung hinausweist. Sie erzählt von demokratischem Engagement, europäischer Verantwortung und vom Einsatz für Solidarität und Verständigung – Themen, die auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Die Seliger-Gemeinde präsentierte zur Ausstellung auch ein zweisprachiges Begleitheft, das rege Abnahme fand.