Oskar Künzl (1913-2005)
„Oskar Kunzl, geboren am 18. März 1913 in Rothau/Rotava, war von Jugend an Sozialist, Demokrat und Humanist. Die Tatsache, dass der Betrieb, den er von seiner Mutter übernommen hatte, ausgezeichnet lief, dass er ein eigenes Auto besaß, brachte ihn nicht von den Idealen ab, denen er sich verschrieben hatte. Er beteiligte sich an aktiv an den Kämpfen in den Sudeten. Die Republikanische Wehr (RW) brauchte ihn, genauso wie sein Auto. Und er half, auch nachts, unermüdlich. Er reiste mit den Genossen von der RW, diente in diesem alltäglichen und allnächtlichen Guerillakrieg dem Staat und der Demokratie. Siebzig Prozent der Rothauer verhielten sich ähnlich, nein der Idealismus war in den Sudeten wirklich nicht ausgestorben“, schrieb der „Sozialdemokrat“ am 30.10. 1942 über Oskar Künzl.
Doch jeglicher Widerstand war vergeblich. Die standhaften Leute der RW wollten nicht glauben, dass die großen Demokratien sie und ihren Staat kampflos ausgeliefert hatten. Über all scharten sich terroristische Banden zum Angriff auf die Getreuen. Kunz wurde aufgefordert: Verlassen Sie sofort die Stadt! Ziehen Sie augenblicklich auf tschechisches Gebiet!
Künzl ging zu seinen Schwiegereltern nach Lužec/Lauschwitz. Am 5. Oktober hörte er Hitlers Festrede im Sportpalast Berlin, und gleichzeitig erhielt er, der treue Demokrat, die Anordnung, wonach er die Stadt innerhalb von zwölf Stunden zu verlassen habe. Er versuchte nach Prag zu gelangen, doch dicht davor wurde er unter Drohungen zur Umkehr gezwungen. Mit weiteren Sozialdemokraten wurde er in einen Zug gesperrt, und bei Žatec/Saaz überquerten sie die Grenze. Dank einem Zufall konnte er fliehen und gelangte nach Rottau.er konnte sich unbemerkt zwei Tage in seiner Wohnung verstecken. Am dritten Tag ging er hinaus, um sich etwas zu Essen zu kaufen, wurde allerdings sofort von der Gestapo verhaftet.
Als man ihn durch die Stadt führte wurde er von einer Menge Nazifanatiker umringt, die ihm drohten. Im Rathaus traf er auf weitere zwanzig verhaftete Genossen aus Rothau. Sie wurden zuerst gemeinsam verhört, dann jeder für sich, sie wurden grausam geschlagen, und man sagte ihnen, sie seien Untermenschen.
Um elf Uhr in der Nacht wurden sie von Gestapo-Leuten in den Wald zwischen Rothau und Graslitz geführt. In der Tiefe des Waldes befahl man ihnen plötzlich, sie sollten weglaufen, und gleich begann man auf sie zu schießen. Künzl hörte, wie sein Kollege Ehm mit einem Beinschuss zusammenbrach. Ihn selbst gelang es zu fliehen, er wurde jedoch verwundet. Eine Kugel traf ihn zwei Zentimeter über dem Beckenknochen. Am Morgen erreichte er das Haus eines Bekannten unweit von Rothau. Hier bekam er frische Wäsche, und man versorgte seine Wunde. Es gelang ihm sich mit seiner Frau Anna zu treffen, die ihm ein Fahrrad, Verbandszeug und Lebensmittel übergab.
Er machte sich auf den Weg und kam um ein Uhr nachts nach Karlsbad. Überall waren deutsche Soldaten. Er lief weiter, und um vier Uhr nachmittags erreichte er Horosedl/Hořosedly an der neuen Demarkationslinie. Es gelang ihm, die Grenze zu überqueren, und schon auf tschechischer Seite hielt ihn eine Patrouille an und zeigte ihm den Weg zum nächstgelegenen Bahnhof. Am nächsten Tag erreichte er Rokycany, wo ihm dann Freunde halfen.
Monate vergingen. Die Wunde heilte. Der Kreishauptmann Hašek wollte ihn zweimal ausweisen, doch glücklicherweise rettete ihn das Eingreifen der Parteizentrale in Prag. Am 7. März konnte er mit seiner Frau nach England ausreisen. Hier schloss er sich der Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten an, deren Vorsitzender er dann später wurde. Oskar Künzl wurde auf die Sonderfahndungsliste G.B. gesetzt. In der Emigration war er eng mit Volkmar Gabert in der Jugend-Gruppe verbunden und war Leiter des Emigranten-Chors in England.
Beim Freundschaftstreffen in Straubing hat Oskar Künzl als letzter Vertrauensmann aller gedacht, die in der Treuegemeinschaft in Großbritannien zusammengeschlossen waren. Bei der Bundesversammlung 2001 berichtete Oskar Künzel, dass von der ehemals mitgliederstarken Treuegemeinschaft nur noch wenige Mitglieder übriggeblieben sind und es keine Veranstaltungen mehr gibt, sondern lediglich telefonische Kontakte.
Oskar Künzl verstarb vermutlich 2005.