Zwischen Erinnerung und Zukunft: Sebastian Roloff wirbt für deutsch-tschechische Verständigung
„Grenzen können trennen – oder verbinden.“ - Neue Runde der seliger-online-Reihe mit sehr gutem Start
Mit der Vertreibung aus der Tschechoslowakei nach 1945 kam die große Mehrheit der Sudetendeutschen nach Bayern. Hier fanden sie eine neue Heimat, politisch und gesellschaftlich. Bayerns sozialdemokratischer Ministerpräsident Wilhelm Hoegner hat die Sudetendeutschen erstmals als "Vierten Stamm Bayerns" bezeichnet. Diese beteiligten sich am Wiederaufbau Bayerns und leisteten einen wichtigen Beitrag zum Wohlstand des Freistaates. Die sudetendeutsche Geschichte hat auch heute noch eine große Bedeutung für Bayern und die nachfolgenden Generationen und vor allem auch für die Geschichte Europas.
Was können wir aus der Geschichte lernen und welche Lehren können wir für die großen Herausforderungen im heutigen Europa ziehen? Was bedeutet diese gemeinsame Geschichte für die heutigen Beziehungen zum Nachbarn Tschechien? Welche Vorstellungen hat die BayernSPD aber auch die BundesSPD die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Hinblick auf Völkerverständigung und Friedensarbeit zu stärken? Diese Fragen diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem neugewählten Ko-Vorsitzenden der BayernSPD und wirtschaftspolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Sebastian Roloff, MdB. Sebastian Roloff ist nicht nur Mitglied der Seliger-Gemeinde, sondern auch Mitglied im Sudetendeutschen Rat. Das Gespräch wird moderiert von Christa Naaß, Ko-Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde.
Die seliger-online-Reihe 2026 hatte am 3. März einen super Start, knapp 40 Personen nahmen an unserem online-Format teil und damit die bisher höchste Anzahl aller bisherigen Veranstaltungen dieser Art. War es das Thema „Bayern und die Sudetendeutschen“ – oder war es unser Gast Sebastian Roloff, MdB und Co-Vorsitzender der BayernSPD? Auf jeden Fall freute es Christa Naaß, wie sie in ihrer Begrüßung auch zum Ausdruck brachte. Christa Naaß erinnerte an den 4. März 1919, ein Datum, das in der Geschichte der Sudetendeutschen eine besondere Rolle spielt. Damals demonstrierten deutschsprachige Bewohner der böhmischen Länder für politische Mitbestimmung im neuen Staat der Tschechoslowakei. Die Proteste endeten blutig. Naaß verwies dabei auch auf den sozialdemokratischen Politiker Josef Seliger, der sich früh für Demokratie, soziale Rechte und den Ausgleich zwischen den Nationalitäten eingesetzt hatte. Sein politisches Vermächtnis wirkt bis heute in der nach ihm benannten Seliger-Gemeinde fort.
An diese Tradition knüpfte der Gast des Abends an: der SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der BayernSPD, Sebastian Roloff. Naaß stellte ihn zunächst kurz vor und verwies auf seinen politischen Lebensweg. Bemerkenswert sei, dass Roloffs Engagement für sudetendeutsche Themen schon früh begonnen habe – noch vor seiner Zeit bei den Jusos war er in der Sudetendeutschen Jugend aktiv.
Roloff selbst griff diesen Punkt auf. Obwohl er keine familiären Wurzeln im Sudetenland habe, habe ihn die Geschichte der Region und der Vertriebenen früh beschäftigt. Besonders prägend seien für ihn Kontakte zu sudetendeutschen Organisationen gewesen. Er pflege bis heute einen engen Austausch, etwa mit dem langjährigen Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt. Wer über die Beziehungen zwischen Bayern und Tschechien spreche, müsse dabei immer auch Österreich mitdenken, sagte Roloff – schließlich seien die historischen und kulturellen Verflechtungen im ehemaligen Habsburgerraum bis heute spürbar.
Einfluss der Geschichte der Sudetendeutschen auf Bayern und Europa
Im Mittelpunkt des Abends stand jedoch nicht die Vergangenheit, sondern die Frage, was aus ihr für die Gegenwart gelernt werden könne. „Grenzen können trennen – oder verbinden“, betonte Roloff. Ein Beispiel für gelungene Zusammenarbeit sei der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds, der seit den 1990er Jahren Begegnungs- und Kulturprojekte fördert. Nach Roloffs Ansicht müsse diese Arbeit sogar noch ausgebaut werden.
Auf die Frage von Christa Naaß, welchen Einfluss die Geschichte der Sudetendeutschen auf Bayern und Europa habe, würdigte Roloff die Rolle der Vertriebenenorganisationen. Besonders hob er die Seliger-Gemeinde hervor, die aus der Tradition der sudetendeutschen Sozialdemokratie hervorgegangen ist und seit Jahrzehnten für Dialog und Verständigung arbeitet. „Es ist beeindruckend, was hier in den letzten Jahrzehnten erreicht wurde“, sagte Roloff.
Wie weit dieser Weg inzwischen geführt hat, zeigt für ihn ein symbolträchtiges Ereignis: In diesem Jahr soll erstmals ein Sudetendeutscher Tag im tschechischen Brünn stattfinden. Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre eine solche Veranstaltung politisch kaum denkbar gewesen. Trotz vereinzelter Proteste werde das Treffen heute sogar von politischer Seite in Prag begrüßt. Entscheidend sei, dass es nicht um nostalgische Rückblicke gehe, sondern um Verständigung.
Auch der Umgang mit den sogenannten Beneš-Dekreten habe sich verändert, stellte Roloff fest. Während das Thema früher häufig emotional aufgeladen gewesen sei, verlaufe die Diskussion heute deutlich sachlicher als noch vor zwanzig Jahren.
Es braucht Taten statt Worte
Gleichzeitig mahnte der SPD-Politiker, dass Versöhnung allein nicht ausreiche. Sie müsse auch durch konkrete Politik begleitet werden. Roloff kritisierte, dass grenzüberschreitende Projekte oft zu wenig unterstützt würden – etwa beim Bahnverkehr, beim Sprachunterricht oder bei Jugendaustauschprogrammen. Hier bleibe vieles bei wohlklingenden Ankündigungen. „Wenn beim Bahnverkehr mehr passiert wäre, wären wir heute schon weiter“, sagte er mit Blick auf die bayerische Staatsregierung.
Dennoch zog Roloff insgesamt eine positive Bilanz. Sudetendeutsche und Tschechen hätten einen eigenen Weg gefunden, die Teilung Europas zu überwinden und Vertrauen aufzubauen – lange bevor der Eiserne Vorhang endgültig fiel. Diese Entwicklung könne sogar als Beispiel dienen, wie historische Konflikte überwunden werden können.
Als Vorsitzender der BayernSPD verwies Roloff auch auf die Rolle seiner Partei. Der Vertriebenenempfang der SPD-Landtagsfraktion sei bundesweit einmalig. Die Sozialdemokratie sei seit Jahrzehnten ein wichtiger Partner innerhalb der sudetendeutschen Gemeinschaft.
Welche Lehren sich daraus für Europa ziehen lassen, wollte Christa Naaß zum Abschluss wissen. Roloffs Antwort fiel optimistisch aus: Auch tiefe historische Verletzungen könnten überwunden werden, wenn Menschen bereit seien, aufeinander zuzugehen. Als Beispiel nannte er Initiativen wie das Projekt „Meeting Brno“ und den dortigen Versöhnungsmarsch, der an die Vertreibung der Deutschen aus Brünn erinnert und heute von vielen Tschechen und Deutschen gemeinsam begangen wird.
Exkurs: der aktuelle Nahost-Konflikt
Im weiteren Verlauf der Diskussion streifte Christa Naaß auch den aktuellen Konflikt im Nahen Osten und dessen wirtschaftliche Folgen. Kriege und geopolitische Spannungen könnten Lieferketten, Energiepreise und Tourismus stark beeinflussen. Die Auswirkungen hingen jedoch stark von Dauer und Ausmaß solcher Konflikte ab, erklärte Sebastian Roloff. Im Vergleich zu den wirtschaftlichen Erschütterungen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 seien die derzeitigen Entwicklungen noch begrenzt.
Trotz aller Krisen zeigte sich Roloff überzeugt, dass Europa weiter zusammenwächst. Gerade die Erfahrungen aus der deutsch-tschechischen Verständigung zeigten, dass aus einer konfliktreichen Vergangenheit eine gemeinsame Zukunft entstehen könne.
Offene Diskussion mit vielfältigen Themen
Im anschließenden offenen Austausch mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern kamen weitere Aspekte der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit zur Sprache. Reinhold Strobl berichtete von seiner Initiative beim Bayerischen Rundfunk, die Berichterstattung über das Nachbarland zu stärken. Roloff ermutigte dazu, an solchen Ideen dranzubleiben und sie weiter zu unterstützen.
Tilman Schwenke ergänzte, dass im Dreiländereck Bayern–Sachsen–Tschechien dies gut funktioniere, während Herbert Schmid aus Weiden Beispiele aus der regionalen Berichterstattung der Zeitung Der Neue Tag schilderte. Beide betonten, wie wichtig regionale Medien für das gegenseitige Verständnis seien.
Thomas Oellermann wies darauf hin, dass unabhängige Berichterstattung für die Verständigung zwischen den Ländern von großer Bedeutung sei. Umso kritischer sei zu sehen, dass in Tschechien derzeit über Kürzungen für den Auslandssender Radio Prag International diskutiert werde.
Auch der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds wurde weiter thematisiert. Jörg Nürnberger unterstrich, dass sich die demokratischen Parteien grundsätzlich einig seien, dass diese Institution eine Erfolgsgeschichte sei und fortgeführt werden müsse. Allerdings gebe es in der tschechischen Regierung auch skeptische Stimmen. Der dortige Außenminister, politisch zuletzt geschwächt, habe sich eher zurückhaltend geäußert.
Roloff nutzte die Gelegenheit, auf ein strukturelles Problem hinzuweisen: Prag sei politisch und mental oft weiter entfernt, als es geografisch eigentlich sei. „Mit dem Zug braucht man mindestens fünf Stunden von München nach Prag, nach London fliegt man eine Stunde“, sagte er. Die Strecke München–Pilsen–Prag eigne sich derzeit kaum für einen Tagesbesuch. Hier seien politische Prioritäten notwendig. Auch auf höchster Ebene gebe es Nachholbedarf: Weder ein deutscher Bundeskanzler noch ein Bundespräsident seien bisher zu einem offiziellen Besuch in Tschechien gewesen, und auch die bayerischen Ministerpräsidenten hätten sich damit lange schwergetan.
Historische Forschung und Erinnerungskultur spielten ebenfalls eine Rolle in der Diskussion. Karin Hagendorn verwies auf online zugängliche Ministerratsprotokolle aus der Nachkriegszeit, die wichtige Einblicke in die frühe Vertriebenenpolitik der Bundesrepublik ermöglichen.
Herbert Schmid verwies schließlich auf ein aktuelles Projekt der Seliger-Gemeinde Bayern vor. Unter dem Titel „Oma, Opa – erzählt doch mal“ sollen Erinnerungen älterer Generationen gesammelt und mit der Lebenswelt der Enkelgeneration verglichen werden. Das Vorhaben ist zugleich als Zeitzeugenprojekt angelegt, wartet derzeit jedoch noch auf eine Förderzusage.
Am Ende der Diskussion stand eine Erkenntnis, die von vielen Teilnehmern geteilt wurde: Grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist weit mehr als nur regionale Kooperation. Sie ist auch ein Beitrag zur Verständigung in Europa – und damit letztlich Friedensarbeit.
Diese seliger-online-Veranstaltung wird als Video auf unserem YOUTUBE-Kanal zur Verfügung gestellt. Auch die anschließende Abendschule mit Thomas Oellermann über die „Kulturarbeit in der sudetendeutschen Arbeiterbewegung“ kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.
Die seliger-online-Veranstaltungen finden mit großzügiger Unterstützung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages statt.