SPD-Geschichtsforum: „Wir können der SPD Orientierung geben“
Die Arbeit des Gremiums soll in politische Strategien und das politische Handeln der Partei einfließen
Bei der ersten Sitzung des turnusmäßig neu berufenen Geschichtsforums der SPD am 23. Januar 2026 im Willy-Brandt-Haus in Berlin war auch die Seliger-Gemeinde, zusammen mit der AvS, als Gast eingeladen. Dr. Thomas Oellermann, der bereits am 22. Januar an einem Fachgespräch zum SPD-Grundsatzprogramm in der Friedrich-Ebert-Stiftung mit Tim Klüssendorf und Dietmar Nietan dabei war, nahm an der Sitzung persönlich teil und stellte die Seliger-Gemeinde und ihre Arbeit kurz vor. Geschäftsführer Rainer Pasta schaltete sich aus München online dazu.
Die Sitzung begann mit einer Vorstellungsrunde, da fünf neue Mitglieder und auch ein paar neue Gäste dabei waren. Anschließend erfolgten die Neuwahlen zum Team der Sprecher*innen und ihrer Vertreter*innen. Für die Posten der Co-Sprecherin und des Co-Sprechers kandidieren Prof. Dr. Daniela Münkel und Dr. Raphael Utz, für die Posten ihrer Vertreter*innen kandidieren Susanne Kitschun, Felix Lieb und unser Neumitglied Enrico Heitzer. Die Wahl erfolgte nach einer kurzen Aussprache einstimmig. Münkel leitet die Abteilung „Vermittlung und Forschung“ des Stasi-Unterlagen-Archivs beim Bundesarchiv. Utz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden.
Welche Rolle spielt die Geschichte heute für die Partei?
Münkel bedauerte in ihrer Antrittsrede, dass die Geschichte heute für die Partei eine geringe Rolle spiele: „In der Regel hat die SPD in den bald 163 Jahren ihres Bestehens auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden, auf der Seite von Emanzipation, von Demokratie, von Menschen, die benachteiligt waren. Die SPD hat sich immer auch für die eingesetzt, die ihre Lage verbessern wollten. Das ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann, aber leider wird das zu wenig getan“. Die Tatsache, dass die SPD die einzige Partei sei, die mit dem Geschichtsforum ein eigenes Gremium für dieses Thema habe, zeige ja auch, dass sie im Prinzip bereit sei, sich kritisch mit der eigenen Vergangenheit und Geschichte auseinanderzusetzen, ergänzte Raphael Utz.
Beitrag des Geschichtsforums zum neuen SPD-Grundsatzprogramm
Als älteste Partei Deutschlands blickt die SPD auf eine lange Geschichte zurück. Sie zu bewahren und für die Gegenwart nutzbar zu machen, ist Aufgabe des 2019 gegründeten SPD-Geschichtsforums. „Ihre lange Geschichte sollte für sie einerseits identitätsstiftend sein, ihr andererseits aber auch die Möglichkeit geben, aus Erfolgen wie aus Fehlern zu lernen. Insofern ist die Geschichte der SPD nichts Abgeschlossenes, sondern etwas, das ihr auch erlaubt, Schlüsse für ihre die heutige Politik zu ziehen“, so Daniela Münkel. Mit der Expertise des Geschichtsforums könne das auch historisch fundiert geschehen. Raphael Utz: „Wir wollen diejenigen, die politische Verantwortung in der Partei und für unser Land tragen, dabei unterstützen, ein historisch tieferes Bewusstsein für den immensen Epochenumbruch zu entwickeln, den wir gerade erleben. Ich denke, dass das Geschichtsforum hier Orientierung geben kann, in welche Richtung die SPD politische Angebote entwickeln kann bzw. sollte. Geschichte kann hier durchaus eine Inspiration sein.“
Ein zweites wichtiges Thema wird die zunehmende Bedrohung unserer Demokratie durch den politischen Rechtsruck sein. Hier will das Geschichtsforum die Rolle der SPD bei der Verteidigung der Demokratie beleuchten. Raphael Utz: „Wenn wir über die Frage nach der Rolle der SPD im Kampf gegen den rechts sprechen, lohnt sich immer ein Blick darauf, was in der Vergangenheit erfolgreich war und was nicht. Das ist relevant, wenn wir heute etwa über ein Verbotsverfahren gegen die AfD diskutieren“. Utz findet es auch wichtig, sich zu überlegen, wie man als freiheitlich denkender Mensch mit autoritären Bedrohungen umgehen und sich seine innere Freiheit bewahren könne. „Schon jetzt können wir eine sehr besorgniserregende Tendenz zur vorauseilenden Selbstzensur in der Gesellschaft erkennen. Aus Angst vor einer autoritären Machtübernahme der AfD werden bestimmte Dinge schon jetzt nicht mehr öffentlich gesagt, getan oder finanziert. Auch hier hilft aus meiner Sicht ein Blick in die Vergangenheit“, so Raphael Utz.
Berichte aus der Bundestagsfraktion
Holger Mann, SPD-MdB aus Leipzig ist Mitglied des Forums, Historiker und hat als Abgeordneter mit den großen Museen und Gedenkstätten des Bundes zu tun. Er informierte die Teilnehmer der Sitzung zum Stand des Entwurfs des neuen Gedenkstättenkonzepts BKM sowie dessen Konzepte zu Kolonialismus und Demokratiegeschichte. Auch die Zukunft des Zentrums Flucht – Vertreibung – Versöhnung waren sein Thema. Die Arbeit von Kulturstaatsminister Weimer erntete dabei deutliche Kritik.
Aktuelle Gedenktage zur Geschichte der Sozialdemokratie
Darüber hinaus wird sich das Geschichtsforum zu wichtigen Gedenktagen zur Geschichte der Sozialdemokratie und deren Bedeutung für die deutsche und internationale Politik positionieren und in die öffentliche Debatte einbringen. Dazu gehören zum Beispiel die Zwangsvereinigung von SPD und KPD in der SBZ 1946, die Nürnberger Prozesse und in längerer Perspektive auch die Frage des Umgangs mit dem hundertjährigen Jahrestag der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933. Weitere angesprochene Termine waren der 20. Todestag Johannes Raus (27. Januar), der 100. Geburtstag Hans-Jochen Vogels (3. Februar), der 200. Geburtstag Wilhelm Liebknechts (29. März), der 50. Todestag Jeanette Wolffs (19. Mai) und auch der 75 Jahrestag der Gründung der Seliger-Gemeinde, die Tage der Demokratiegeschichte (18.-23. März) und 150 Jahre Vorwärts (1. Oktober).
Kritik an der neuen Dauerausstellung im Haus der Geschichte in Bonn
Die Kritik an der Neukonzeption der Dauerausstellung „Du bist Teil der Geschichte“ im Bonner Haus der Geschichte (ab Dez. 2025) richtete sich insbesondere gegen die inhaltliche Reduzierung. Es wurde bemängelt, dass der Übergang von vertiefenden Video- und Medienelementen zu betont einfachen, knappen Übersichtstafeln erfolgte, was die Ausstellung oberflächlicher wirken ließe. Die Texte wurden als zu simpel empfunden, was den inhaltlichen Anspruch senke und die Darstellung der Bundesrepublik wurde teilweise als zu oberflächlich und interaktiv-spielerisch kritisiert.