Christa Naaß, Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde (2.v.re) dankte den Kirchenlamitzern (v.l.) 2. Bürgermeisterin Esra Özekimci, Stadtarchivar Werner Bergmann, Bürgermeister Jens Büttner und Rudolf Röll (rechts) mit dem neu erschienenen „Gedenkbuch der Sudetendeutschen Sozialdemokratie“. (Foto: Katrin Lyda)
„Böhmen liegt nicht am Meer“
Im „Goldnen Löwen“ in Kirchenlamitz erinnert eine Ausstellung der Seliger-Gemeinde an die Lebensgeschichten vertriebener sudetendeutscher Sozialdemokraten.
„Böhmen liegt nicht am Meer“ - der Titel der aktuellen Ausstellung im Kirchenlamitzer „Goldnen Löwen“ erschließt sich nicht auf Anhieb. Er knüpft die Verbindung zu den weiten Wegen, die Sudetendeutsche nach ihrer Flucht auf sich nehmen mussten. Viele verschlug es weit weg von ihrer ursprünglichen Heimat, bis ans oder auch über das Meer. Und auch nach Kirchenlamitz, berichtet Katrin Lyda in der Frankenpost vom 29. Januar 2026. Bürgermeister Jens Büttner begrüßte am 26. Januar als Hausherr die Gäste der Ausstellungseröffnung in der „guten Stube der Stadt“. Das heutige Wohn- und Kulturhaus, ehemals Gasthof „Goldner Löwe“, ist ein wichtiger und geschätzter Anlaufpunkt für Bürgerinnen und Bürger in Kirchenlamitz. Mit großer Unterstützung des Freistaats Bayern mit Städtebaufördermitteln und Einbeziehung des Denkmalschutzes gelang es, einen langen Leerstand mit neuem Leben zu füllen und ein barrierefrei zugängiges Begegnungszentrum mitten im Herzen von Kirchenlamitz für alle zu schaffen. So bietet das Gebäude heute der Stadtbücherei und auch jetzt der Ausstellung der Seliger-Gemeinde einen sehenswerten Rahmen. Die Ausstellung, so der Bürgermeister weiter, knüpfe an das Gedenkjahr 2025 zu 80 Jahre Kriegsende an, das auch in Kirchenlamitz mit zahlreichen Veranstaltungen gewürdigt worden war.
Rudolf Röll vom SPD-Ortsverein dankte der Seliger-Gemeinde, Zweiter Bürgermeisterin Esra Özekimci und dem Stadtarchivar Werner Bergmann für die Organisation der Ausstellung. Es seien überwiegend einfache Leute nach Kirchen- und nach Niederlamitz gekommen, ergänzte Röll, die in den dortigen Natursteinbetrieben Arbeit gefunden oder auch selbst kleinere Betriebe gegründet hätten.
Für die Gemeinderatswahl Niederlamitz im Jahr 1948 habe sich bereits eine Liste „Neubürger“ formiert, die ab 1954 als „Wählergemeinschaft der körperlich und geistig Schaffenden“ im Verbund mit SPD, Gewerkschaften und Heimatvertriebenen stärkste Kraft in dem damals noch eigenständigen Kirchenlamitzer Ortsteil gewesen sei, erinnerte Röll.
Der Kirchenlamitzer Stadtarchivar Werner Bergmann hat die Wanderausstellung der Seliger-Gemeinde noch mit Dokumenten und Informationen der in Kirchenlamitz ansässig gewordenen Familie Andert ergänzt. Auf sechs teils bebilderten Tafeln sind Auszüge aus den Erinnerungen von Roland Andert (1934 – 2017) über die Geschichte der letzten Kriegswochen, der Vertreibung, Flucht und den Neubeginn seiner Eltern vor 80 Jahren in Kirchenlamitz dargestellt.
Die Ausstellung ist ein Stück Erinnerungskultur
Die Bundesvorsitzende Christa Naaß, die für die Eröffnung der Ausstellung trotz des Winterwetters den Weg aus Mittelfranken ins verschneite Fichtelgebirge auf sich genommen hatte, umriss in ihrem Vortrag die Geschichte der Ausstellung und ging auf einzelne vorgestellte Persönlichkeiten ein. „Die beiden Ausstellungen, die wir heute eröffnen, stehen auch im zeitlichen Zusammenhang mit dem morgigen Gedenktag an die NS-Opfer“, so Naaß und ergänzte: „Dieses Erinnern an die Geschichte, das Wissen um die Zusammenhänge ist gerade in der heutigen Zeit so wichtig, in einer Zeit zunehmender Geschichtsvergessenheit, zunehmendem Nationalismus, Rechtsradikalismus, von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Es ist nicht nur ein Erinnern um des reinen Erinnerns wegen, sondern ein Erinnern, damit wir als Gesellschaft, als Politik die richtigen Schlüsse für die Problemstellungen der Gegenwart und für die Zukunft ziehen“. Naaß erklärte den Anwesenden, dass es bei dieser Ausstellung um Wege gehe, um Lebenswege sudetendeutscher Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten. Am Beispiel von 24 Personen würden die Lebensschicksale und das Wirken von sozial und demokratisch eingestellten Frauen und Männern aus der heutigen Tschechischen Republik vorgestellt. Auf der Flucht vor politischer Verfolgung durch die Nationalsozialisten, in Konzentrationslagern eingesperrt, umgebracht, emigriert oder nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als sudetendeutsche Antifaschisten vertrieben. „Diese Personen stehen dafür, dass es trotz dieser 12jährigen Schreckensherrschaft der Nazis, Menschen gab, die sich dagegen wehrten, die Haltung zeigten, die die Demokratie verteidigt haben unter Einsatz ihres Lebens“, so die Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde.
Diese Personen – und viele, viele mehr – könnten auch heute Beispiel für uns sein, uns nicht wegzuducken, sondern deutlich machen, dass es – nicht nur bei uns, sondern auch in anderen Ländern nationalistische und antieuropäische Parteien gebe, die die demokratischen Möglichkeiten, die ihnen der Staat gibt, nutzten, um die Demokratie zu untergraben.
Exkurs Wilhelm Högner
Christa Naaß erinnerte in ihrer Rede auch an das Jahr 1956. „Genau heute vor 70 Jahren, am 26. Januar 1956, erinnern wir uns aber auch daran, dass der damalige sudetendeutsche bayerische Ministerpräsident Wilhelm Högner den Begriff des Vierten Stammes geprägt hat. Bei einer offiziellen Besprechung des Präsidiums des Sudetendeutschen Rates mit Wilhelm Högner am 26. Januar 1956 hat er diese als die „Vertreter des Vierten Stammes“ begrüßt. Bereits im Jahr 1954 übernahm der Freistaat Bayern die Schirmherrschaft über die Sudetendeutschen“.
Naaß stellte kurz die Person Wilhelm Högners vor und erinnerte daran, dass Wilhelm Hoegner der einzige Abgeordnete war, der sowohl als Mitglied des Deutschen Reichstages am 23. März 1933 sowie als Mitglied des Bayerischen Landtages am 29. April 1933 gegen das Ermächtigungsgesetz der Nazis gestimmt hatte. Am 01. Mai 1933 wurde der wegen seiner „politischen Tätigkeit für der SPD“ aus dem bayerischen Staatsdienst entlassen, floh nach Tirol und 1934 ins Exil in die Schweiz.
Nach dem Terror der Nazis und dem Inferno des Krieges gehörte Wilhelm Hoegner zu den Gründervätern des zweiten „Freistaats Bayern“. Am 28. September 1945 ernannte ihn die amerikanische Besatzungsbehörde zum Bayerischen Ministerpräsidenten, außerdem übernahm er zusätzlich das Amt des Justizministers. Die Besatzungsbehörde beauftragte Hoegner, die Bayerische Verfassung vorzubereiten, an der er schon während des Exils in der Schweiz gearbeitete hatte. Am 01. Dezember 1946 wurde die Bayerische Verfassung von über 70 Prozent der bayerischen Wahlberechtigten angenommen.
„Nicht nur der „Vierte Stamm Bayerns“ – die Sudetendeutschen – sind also eng mit dem Namen des sozialdemokratischen ersten Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner verbunden sind, sondern wie mit keinem anderen Namen auch die Verfassung des Freistaates Bayern. Die Seliger-Gemeinde fordert deshalb die Aufnahme von Dr. Wilhelm Hoegner in die Ruhmeshalle in der Walhalla“, schloss Christa Naaß diesen Exkurs in die Geschichte.
Anschließend stellte sie mit Olga Sippl und Leo Zahel zwei Protagonisten der Ausstellung vor, die bis zu ihrem Lebensende 2025 daran erinnerten, dass die verteidigten Werte auch heute nicht selbstverständlich sind und immer wieder neu erstritten werden müssen. „Und sie mahnten auch heute für Freiheit, Selbstbestimmung, Frieden und Demokratie in Europa zu streiten“, so Naaß.
Die Ausstellung „Böhmen liegt nicht am Meer“ ist noch bis zum 8. Februar im „Goldnen Löwen“ zu den Öffnungszeiten der Stadtbücherei zu sehen. Am Freitag, 30. Januar, berichtet dort um 15 Uhr bei einem „Erzählnachmittag“ Zeitzeuge Peter Andert, der Bruder des verstorbenen Roland Andert, über diese Zeit.