Studienfahrt der Seliger-Gemeinde 2022

Veröffentlicht am 01.09.2022 in Allgemein

Die Seliger-Gemeinde-Gruppe vor der Prager Getreidebörse in der Senovážné náměstí 866/30. Hier fand 1938 der letzte Parteitag der DSAP statt und hier wurde Wenzel Jaksch zum letzten Vorsitzenden der DSAP gewählt.

 

Sozialdemokratischer Spaziergang durch Prag

Thomas Oellermann führte zu historischen Stätten der Sozialdemokratie in Prag

Es gehört langsam zur Tradition, dass die Seliger-Gemeinde mit einem „Sozialdemokratischen Spaziergang“ die historischen Begebenheiten eines Ortes erkundet. Beim Themenspaziergang zum sozialdemokratischen Prag stellte Thomas Oellermann Erinnerungsorte der DSAP, der SPD und der ČSSD vor. Bereits beim Themenspaziergang „Migration“ mit Zuzana Schreiberová wurden einzelne Themen und Erinnerungsorte im Zusammenhang Flucht, Migration und Exil besucht.

Die Exkursion startete in der Senovážné náměstí 866/30. Hier befindet sich die Prager Getreidebörse, ein Neorenaissance-Gebäude, das von der Tschechischen Nationalbank (ČNB) verwaltet und genutzt wird. Wenige Tage nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland fand am 26./27. März 1938 der Parteitag der DSAP hier statt. Die Delegierten der DSAP sollten ursprünglich zwischen dem 18. und 21. März in Reichenberg zusammentreten, der Parteitag wurde aber schließlich kurzfristig nach Prag zusammenberufen, denn im deutschen Gebiet ließe sich eine derartige Veranstaltung bereits nicht mehr mit Sicherheit durchführen, so die Parteiführung. Im großen Saal der Prager Produktenbörse, der bis auf das letzte Plätzchen gefüllt war, wurde der Parteitag der DSAP eröffnet. Der stellvertretende Parteivorsitzende Eugen de Witte in seiner Eröffnungsrede: „Unser Parteitag, in den Wirrnissen dieser Zeit dringend einberufen, hat lediglich zwei Aufgaben zu erfüllen: Die Wahl und Neukonstituierung des Parteivorstandes und die Stellungnahme zur politischen Situation.“

Wenige Tage vor dem Parteitag entschied sich Dr. Ludwig Czech als Parteivorsitzender zurückzutreten. Und so wurde am 27. März 1938 Wenzel Jaksch einstimmig zum neuen Parteivorsitzenden gewählt. „Und ich war dabei“, kann Olga Sippl stolz über ihre Teilnahme am letzten DSAP-Parteitag erzählen. Jaksch war es dann, der die Partei bzw. die Nachfolgeorganisation Treuegemeinschaft nach dem Münchener Abkommen im September 1938 und der Errichtung des Protektorats im März 1939 ins Exil führte und 1951 in Brannenburg auch zum ersten Vorsitzenden der Seliger-Gemeinde gewählt wurde, was er blieb bis zu seinem Unfalltod 1966.

Das Verlagsgebäude des Prager Sozialdemokrat in der Nekázanka 888/20

 

Schräg gegenüber in der Nekázanka 888/20, befand sich das Verlagsgebäude des Prager Sozialdemokrat. Seit 1921 erschien in Prag die Tageszeitung „Sozialdemokrat“, das Zentralorgan der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Die Zeitung berichtete bis zum November 1938 tagesaktuell über das Geschehen in der Tschechoslowakei und in der Welt. Zu den bekanntesten Journalisten, die für den „Sozialdemokrat“ schrieben, gehörten Wenzel Jaksch, Josef Hofbauer und Emil Strauss. Neben dem „Sozialdemokrat“ erschienen unter der Prager Adresse hier auch die sozialdemokratischen Zeitschriften „Tribüne“, „Freundschaft“, „Gleichheit“ und „Die freie Gemeinde“.

Wenzel Jaksch war Redakteur des „Sozialdemokrat“, ebenso wie Edgar Hahnewald und Ernst Paul, das basierte auf den deutschböhmischen Netzwerken, denn das Parteiorgan „Sozialdemokrat“ in Prag und der „Volkswille“ in Karlsbad schufen Stellen für Redakteure und Journalisten, die aus Deutschland geflüchtet waren.

Im November 1938 wird der „Sozialdemokrat“ verboten: In der letzten Ausgabe der Parteizeitung Sozialdemokrat am 9. November 1938 schrieb Jaksch: "Es ist das Recht des Besiegten, den Kopf hoch zu tragen, wenn er für eine gute Sache gestritten hat und durch fremde Schuld gefällt worden ist. Ein gewaltiges Schicksal hat uns auf verlorenen Posten gestellt."

 

Die Auswanderungsstelle der DSAP in der Ve Smečkách 599/29

Im Haus war auch der tschechische Arbeiterturnverband beheimatet. Erbaut wurde das Haus im Jahr 1894/95 für den Verband der Drucker und Typographen in Böhmen.

Olga Sippl, die Ehrenvorsitzende der Seliger-Gemeinde, war damals 18 Jahre alt und arbeitete seit Mai 1938 schon in Prag bei der Zentralen Sozialversicherung als Stenotypistin. Nach Büroschluss halft Olga in der Auswanderungsstelle der DSAP in der Ve Smečkách 599/29 bei der Registrierung und Organisation der Ausreisewilligen. Ziel der Flucht war für sie zunächst das noch freie Rest-Gebiet der Tschechoslowakei, die sudetendeutschen Sozialdemokraten sind dort in teils improvisierten Flüchtlingslagern untergebracht. Die wohl am stärksten gefährdeten Sozialdemokraten, etwa 70 Personen, wurden gleich außer Landes gebracht – und das größtenteils nach Großbritannien, wo die DSAP vorher schon sehr gute Kontakte zur Labour Party hatte. Eine zweite Auswanderungswelle startete im November 1938. Es ist eine geplante Emigration, die Zielländer sind über die ganze Welt verteilt: Kanada, Schweden, Südamerika oder Israel und bis zur Besetzung auch Belgien. Man begann einerseits Visa zu besorgen und Geld. Dafür wurden die ganzen Parteigelder flüssig gemacht, die in der Genossenschaft und anderswo angelegt worden waren. Es wurde Tag und Nacht gearbeitet, um die Listen der Emigranten zu erstellen und die notwendigen Pässe und Unterlagen zu besorgen, so ein Bericht Olga Sippls. Doch längst nicht alle gefährdeten Sozialdemokraten werden ins Ausland gebracht. Dazu kommt die Besetzung der restlichen Tschechoslowakei zu früh. Die Menschen wurden versteckt, es waren vor allem Frauen mit Kindern, die Familienangehörigen der Funktionäre. Dafür verantwortlich war u.a. Doreen Warriner. Sie hat in Gasthäusern im Umkreis von Prag viele Frauen mit Kindern versteckt. Und sie hat die Mittel dafür aufgebracht, um diese noch mit dem letzten Transport über Polen hinausschaffen zu können. Doch viele Menschen bleiben zurück. 1938 hatte die DSAP insgesamt 80.000 Mitglieder. Über 10.000 werden von den Nazis verhaftet und landen im KZ oder in Gefängnissen.

 

Im Innenhof des Volkshauses der tschechischen Sozialdemokratie in der Hybernská 7

 

Eine weitere Station auf dem Weg war das Lidovy dum/ Volkshaus, der Prager Parteizentrale der Sozialdemokraten (ČSSD), ein Häuserblock, der von den Straßen Hybernská, Havlíčková und V Celnici begrenzt wird. Die Sozialdemokratie kaufte das Gebäude des heutigen Volkshauses im Jahr 1907 als Sitz der Partei und einiger ihrer Organisationen, eröffnet wurde es 1908. Ab 1911 waren hier auch Redaktion und Druckerei der sozialdemokratischen Zeitung „Právo lidu“ (Volksrecht) untergebracht. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde ein Wettbewerb zur Umgestaltung des gesamten Komplexes in einen „Palác práce“ (Arbeitspalast) vorbereitet, was der Kriegsausbruch jedoch vereitelte. Teil des heute nicht mehr existierenden Gebäudes zur Straße V Celnici hin war ein Kino sowie ein Vortragssaal mit 1300 Plätzen. Außer der politischen Parteiführung residierten in dem Objekt die Arbeiterakademie (heute Demokratische Masaryk-Akademie), der Verband der Arbeitersportvereine, die Zentrale Arbeiterbuchhandlung und -verlag sowie weitere mit der Partei verbundene Organisationen.

Am Gebäude Křižíkova 26 im Stadtteil Karlín wurde 1990 noch unter Willy Brandt eine Gedenktafel angebracht.

 

Der letzte Erinnerungsort der Sozialdemokratie, den die Seliger-Gruppe besuchte, war die ehemalige Zentrale der SOPADE, im Gebäude Křižíkova 26 im Stadtteil Karlín. SOPADE nannte sich der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) von 1933 bis zum Frühjahr 1938 im Prager, danach bis 1940 im Pariser Exil während der Zeit des Nationalsozialismus.

Nach der Besetzung der Gewerkschaftshäuser im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltung am 2. Mai 1933 beschloss der Parteivorstand, dass sich einige besonders gefährdete Vorstandsmitglieder dem möglichen Zugriff der Nazis sofort entziehen müssten. Otto wels, Paul Hertz, Friedrich Stampfer, Erich Ollenhauer, Siegmund Crummenerl und andere wurden mit dem Aufbau des Prager Auslandszentrums beauftragt. Die Partei sammelte von Prag aus Informationen aus dem Dritten Reich und gab die „Deutschland-Berichte“ heraus und informierte international so über die Situation im nationalsozialistischen Deutschland. Außerdem organisierte die SOPADE den Schmuggel von in Prag gedruckten Propagandaschriften ins Reich. Nach der sogenannten Zerschlagung der Rest-Tschechei musste die Exilführung 1939 zunächst nach Paris umziehen. Nach der Niederlage Frankreichs im folgenden Jahr wich man bis zum Kriegsende nach London aus. Ab 1940 gab es keine direkte Widerstandstätigkeit der SOPADE mehr.

 

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