Wer kennt Kleinaugezd?

Veröffentlicht am 07.09.2024 in Allgemein

In der Abendschule zu den Grundlagen der Geschichte der DSAP vom 11. September 2023 sprach Dr. Thomas Oellermann über die Politik der sudetendeutschen Sozialdemokratie in Städten und Regionen. Die deutschen Sozialdemokraten erhielten nach dem Ersten Weltkrieg und der Entstehung der ČSR fast überall in den Arbeiterhochburgen eine deutliche Mehrheit an Stimmen und Mandaten in den Stadtvertretungen – und stellten damit den Bürgermeister, meist auch seine/n Stellvertreter. Das Gemeinwesen blühte auf. Mit Beginn der Wirtschaftskrise waren Armutsbekämpfung und Maßnahmen gegen die akute Not der Arbeitslosen die prägenden Themen. Die oft mehr als ein Jahrzehnt andauernde sozialdemokratischer Herrschaft bekam mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise zunehmende Probleme. Ein Artikel in der BRÜCKE 8/1955 über den Ort Kleinaugezd beschreibt dies in beispielhafter Weise:

Das kulturelle Leben der sudetendeutschen Arbeiter

Erinnerungen an eine, kleine Gemeinde mit großen Aufgaben

Aus der weltbekannten Kur- und Industriestadt Teplitz-Schönau am Fuße des Erzgebirges führt eine Straße nach Westen über Hundorf nach Dux, Brüx, usw. und eine andere nach Norden über das Erzgebirge nach Sachsen. Sie bilden einen nahezu rechten Winkel, zwischen dessen Schenkeln in einer Senkung, kaum 30 Minuten von Teplitz entfernt, das Dorf Klein-Augezd liegt.

Es war einmal ein kleines Bauerndörfchen. Das zeigen noch die alten Häuser, die vor mehreren hundert Jahren erbaut worden waren. Im Laufe der Zeit wurden einige der alten Häuser von den Besitzern, deren Ahnen schon jahrhundertelang das Anwesen bewirtschafteten, durch neue ersetzt. Der Charakter des Dörfchens änderte sich aber sehr mit der aufstrebenden Industrie um die Wende des letzten Jahrhunderts. Es entstanden Fabriken innerhalb der Grenzen der Gemeinde, und für die Arbeiter mussten Wohnungen beschafft werden. Neue Siedlungen entstanden. Die Ascherlhütte, eine Glasfabrik, die später nach Settenz verlegt wurde, ließ eine kleine Gruppe von Arbeiterhäusern zurück. Auf der Katzenkietze, durch den Saubach vom Orte getrennt, standen auch kleine einfache Häuschen und eine Spinnerei. Auf dem Weg nach Settenz passierte man die Berndtfabrik (eine Maschinenfabrik) und einen Kohletagebau der Firma Dudeck, die später eine chemische Anlage hinzufügte. Das größte Unternehmen war aber die Glasfabrik Fischmann, die eine große Anzahl Arbeiter aus dem Ort und der Umgebung beschäftigte. In der Nähe dieser Fabrik entstand die Fischmannkolonie. Es gab außer den genannten Unternehmungen noch einige kleinere, die hier nicht alle genannt werden können. In den angrenzenden Gemeinden war die Entwicklung ganz ähnlich.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das allgemeine Wahlrecht auch für die Gemeinden beschlossen. Bei den ersten Wahlen erhielt die Sozialdemokratische Partei die absolute Mehrheit. Die Gemeinde war nicht groß, aber sie hatte in ihren Grenzen die Landwirtschaft, die Gewerbetreibenden und die vielfältige Industrie mit einer großen Zahl ihrer Arbeiter und Angestellten. Dies brachte der Gemeinde wohl gute Einnahmen, stellte aber auch viele Aufgaben, die gelöst werden mussten. Es war das nicht leicht. Da die österreichische Sozialdemokratie, und besonders die in Böhmen, aus den Arbeiterbildungsvereinen hervorgegangen war und das Gebiet der Kultur und Fortbildung nie brachliegen ließ, gab es viele aufgeweckte und intelligente Arbeiter, die mit der Meisterung der neuen Aufgaben betraut werden konnten. Kleinaugezd fand in dem Glasbläser Anton Lippert den Mann, der mit großem Geschick und Rücksichtnahme auf alle anderen Parteieinrichtungen in dem Ort den Aufbau des neuen Gemeinwesens durchführte. Es ist natürlich unmöglich, alles chronologisch zu behandeln, dass der Plan der ganzen Arbeit sichtbar wird. Nur einige wichtige Denkmale, wie sie heute wohl noch in Erinnerung eines jeden Kleinaugenzders leben, sollen hervorgehoben werden.

Da gab es gleich hinter der Ortsgrenze ein tiefes vom Kohleabbau verursachtes Loch. Gerade keine Zierde, wenn man die letzten Häuser hinter sich hatte. Der Arbeiter-Turn- und Sportverband, die Arbeiterradfahrer und die Arbeiterfußballer brauchten einen Sportplatz. Lippert vermittelte es, dass einige der Industriefirmen Material, (Huntewagen, Gleise, Schaufeln, Hacken, u.a.) zur Verfügung stellten. Die Arbeit verichteten die Mitglieder der vorgenannten Vereinigungen, nachdem sie von ihrer beruflichen Arbeit nach Hause gekommen waren. Es war keine leichte Arbeit, eine ganze Halde in das Loch zu bringen. Doch es gelang, und ein schöner ebener Platz war geschaffen. Die Gemeinde übernahm nun die Ausgestaltung. Der Platz wurde eingefriedet, eine kleine Anlage mit Bänken, Bäumen, Sträuchern und Blumen wurde geschaffen. Ein Spielplatz für die Kleinkinder wurde angelegt. Alte Leute und die Mütter mit den Kindern hatten die Möglichkeit, sich in schöner Umgebung und freier Luft abseits des Straßenlärms aufzuhalten. Es waren aber auch gedeckte Hallen und permanent gebaute Räume geschaffen worden, welche bei Festveranstaltungen Verwendung fanden. Es war genügend Platz für Veranstaltungen, die mehrere tausend Besucher hatten.

Durch den Ort ging ein großer Teil des Verkehrs von und zu in der Nähe liegenden Kohlenschächten. Die schweren Fuhrwerke ließen ihre Spuren auf den Ortsstraßen zurück. Bei trockenem Wetter gab es viel Staub, bei Regen tiefen Kot.  Dem wurde abgeholfen, indem alle Straßen bis über den Ort hinaus gepflastert wurden. Es wurde auch die elektrische Straßenbeleuchtung eingeführt, und, wo es anging, wurden Baumalleen gepflanzt.

Arbeitslosenhilfe und Wohnungsmangel machten Sorgen. Beiden wurde dadurch Rechnung getragen, dass unter Ausnützung der durch die Gesetze gebotenen Möglichkeiten beim Straßenbau und beim Bau von Gemeindehäusern recht viele Arbeitslose Beschäftigung fanden. Die Wohnungen waren in einfachem, aber modernem Stil gebaut. Für die Ortsarmen wurde Vorsorge getroffen. Ihr Los wurde erleichtert. Doch zum Bau des Hauses mit den geplanten lichten und gesunden Wohnungen und eventueller pflegerischer Fürsorge kam es nicht mehr.

Besondere Fürsorge wurde der Schule gewidmet. Die tschechische Schule war eine staatliche Minoritätsschule, für die der Staat nach dem Gesetz allein aufzukommen hatte. Trotzdem erhielt sie manche Zuwendung, und die Kinder erhielten alles, was den deutschen Kindern geboten wurde. Das Schulhaus, ein großes geräumiges Gebäude, wurde vollständig renoviert. Neue Fußböden wurden gelegt, die Wände neu gemalt, neue Bänke und Tafeln wurden angeschafft. Das Haus war mit seinen Blumenkästen vor den Fenstern und seiner Inneneinrichtung der Stolz der Gemeinde. Die Lehrmittelsammlung wurde stark vermehrt. Es fehlte kein Hilfsmittel für den Unterricht. Neben allem anderen waren alle Apparate für die Verwendung jeder Art von Lichtbildern vorhanden (Bilderstreifen, Diapositive, lebende Bilder und Bilder direkt aus Büchern und Zeitschriften). Jede Klasse hatte einen Lautsprecher und konnte in der Schulkanzlei an das Radio angeschlossen werden. in jeden Unterricht konnten entweder direkte Sendungen oder Schallplatten eingeschaltet werden, was zur Belebung und besserem Verständnis dienste. Der Plan, die Zentralheizung und ein Schulbad einzubauen, konnte nicht mehr ausgeführt werden, doch war im Voranschlag für 1939 schon Vorsorge getroffen. Für den Unterricht in der Haushaltskunde war eine vollständig eingerichtete Küche mit elektrischem Ofen vorhanden, wo junge Mädchen alles bis zur Herrichtung einer Tafel erlernten.

Eine Suppenküche befand sich schon lange im Kellergeschoß, wo von freiwilligen Helferinnen für bedürftige Kinder (weiter Schulweg oder Eltern während des Tages nicht zu Hause, Arbeitslosigkeit der Eltern u.a.) eine kräftige Suppe, mehr ein Eintopfgericht, hergestellt wurde.

In der Schule befand sich auch die öffentliche Gemeindebücherei, die eine gute Auswahl der besten Werke der Vergangenheit und der Gegenwart enthielt. Weiters gab es Abendkurse, Vorträge, Vorlesungen und gemütliche Zusammenkünfte (Strickabende u.a.)

Die Abende des Arbeiter- Turn- und Sportvereins wurden sehr gern besucht. Das Programm zeigte immer den Hochstand de Körperkultur, den die Mitglieder stets zu erhalten trachteten. Der Obmann Karl Kreidl setzte alle seine Kraft daran, die Leistungen nicht absinken zu lassen, und er konnte auf den Erfolg stolz sein. Es wurde der Wunsch laut, auch einen Gesangverein zu gründen. Das hätte aber zu den schon bestehenden Vereinen noch einen neuen hinzugebracht. Neue Funktionäre hätten gefunden werden müssen. Um dies zu vermeiden, wurde dem Turnverein eine Sängerriege angeschlossen. Der Erfolg dieser Maßnahme zeigte sich bald. Der Ruf dieser Sängervereinigung drang in die weitere Umgebung, und bald gab es keine größere Veranstaltung, wo nicht die Kleinaugezder Sängerriege aufgetreten wäre. Der Chormeister Hugo Dittrich (erste Ausbildung als Musikeleve einer Militärkapelle, zuletzt Konservatorium in Dresden) holte aus diesen einfachen Menschen Leistungen heraus, die in Erstaunen setzten. Vom einfachen Volkslied bis zu Beethoven war alles im Repertoire vertreten. Dazu kam, dass die Gruppe immer in der schmucken Uniform der Arbeiterturner auf die Bühne kam. Schon das Bühnenbild erregte Begeisterung.

Ähnlich war das Leben der Arbeiter nahezu in allen sudetendeutschen Gemeinden. Sie schufen es sich selbst. …

 

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