Olga Sippl zum 105. Geburtstag

Veröffentlicht am 19.09.2025 in Allgemein

105 Jahre Leben – 105 Jahre Mut und Hoffnung
Heute, am 19. September, feiern wir einen ganz besonderen Tag: Unsere Ehrenvorsitzende Olga Sippl, geborene Stohwasser aus Altrohlau, wird 105 Jahre alt. Olga ist weit mehr als nur Zeitzeugin eines Jahrhunderts. Sie ist ein lebendes Symbol für Mut, für Standhaftigkeit – und für die unerschütterliche Kraft des Glaubens an Demokratie und Menschlichkeit.

Schon in ihrer Kindheit war ihr Leben geprägt von Solidarität und Gemeinschaft. In einer sozialdemokratischen Familie groß geworden, wuchs in ihr früh der Wunsch, Teil von etwas Größerem zu sein. Ob bei den Kinderfreunden, den Roten Falken oder in der Sozialistischen Jugend. Sie war Mitglied des sozialdemokratischen Allgemeinen Turn- und Sportverbandes (ATUS), der Naturfreunde, der Arbeitersänger, der Bühnenfreunde sowie des Arbeiterbildungsvereins.

1937 fand sie eine Anstellung bei der Zentralsozialversicherung in Prag, bei der auch ihr späterer Ehemann Ernst Sippl arbeitete. Olga war beim letzten DSAP-Parteitag Ende März 1938. Damals gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen den Czech-Anhängern und der Jaksch-Gruppe. Schließlich wurde Wenzel Jaksch zum Parteivorsitzenden gewählt. Dann kam der Herbst 1938.

Olga lebte mit ihrem Mann Ernst in relativer Sicherheit in Prag, während ihr Vater von immer heftigeren Zusammenstößen mit der Sudetendeutschen Partei (SdP) und der immer brutaleren Verfolgung durch die Henlein-Nazis berichtete. Die Familie Stowasser verließ Altrohlau, bevor die Wehrmacht einmarschierte und die Eltern emigrierte Ende 1938 nach England.

Olga und Ernst Sippl hatten rosarote Interimspässe, die zur Ausreise berechtigten, aber nicht zur Wiedereinreise. Sie meldeten sich für eine Immigration nach Norwegen, blieben dann aber doch in Prag.

Olga arbeitete unter dem Schutz eines wohlgesonnenen Vorgesetzten bei der Behörde des Reichsstatthalters am Becherplatz in Karlsbad. Ernst Sippl musste zur Wehrmacht. Im Dezember 1943 kam Sohn Herbert zur Welt, der seinen 1944 gefallenen Vater nie sah.

Nach Kriegsende übernahm sie Büroarbeit im Karlsbader Antifa-Büro, das Listen über verlässliche Sozialdemokraten und Kommunisten anlegen sollte. Mit dem letzten Antifa-Transport aus der Region Karlsbad verließ Olga Sippl die Heimat und landete im oberbayerischen Königsdorf. 1947 wurden dort eine Arbeiterwohlfahrt und 1948 von Olga und anderen Sozialdemokraten der SPD-Ortsverein Königsdorf gegründet. Sie setzte ihre unermüdliche Aufbauarbeit in der Seliger-Gemeinde, deren letztes lebendes Gründungsmitglied (1951) sie ist, fort.

Am 1. Juli 1949 erhielt sie eine Anstellung im SPD-Büro in der Goethestraße 64 in München. Täglich fuhr sie mit Bus und Bahn von Königsdorf nach München. Schließlich wurde sie Redakteurin bei der Zeitung und dem späteren Verlag „DIE BRÜCKE“. Jahrzehntelang war sie mit Emil Werner die Redaktion der „BRÜCKE“, bis diese 2002 aufgegeben wurde.

Auch für das Sudentenjahrbuch, das Emil Werner, Roman Wirkner und Willy Jäger gegründet hatten und das die Fortsetzung der ehemaligen Arbeiter-Jahrbücher die DSAP ist, trug sie Mitverantwortung und sicherte dessen hohes Niveau. Bei der Beerdigung von Volkmar Gabert im Februar 2003 legte sie das letzte Exemplar des von ihm mit besonderem Stolz herausgegeben Sudetenjahrbuchs mit einer Trauerschleife in sein Grab.

Zu ihren zahlreichen Auszeichnungen die Olga in ihrem langen Leben erhalten hat, gehören die Ehrenurkunde des Zentralverbandes Sudetendeutscher Organisationen in Kanada (1969), die Seliger-Plakette (1970), die Georg-von-Vollmar-Medaille des SPD-Landesverbandes (1985) und der Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreis (1985). Und schließlich ernannte die Seliger-Gemeinde sie zu ihrer Ehrenvorsitzenden. Für ihre Bemühungen um eine Aussöhnung zwischen Deutschen und Tschechen und für ihr Engagement in der Seliger-Gemeinde wurde sie 2002 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik ausgezeichnet. 2010 erhielt sie die Bayerische Verfassungsmedaille in Silber und 2016 aus der Hand des tschechischen Premierministers Bohuslav Sobotka die Karel-Kramář-Medaille.

Doch all diese Ehrungen können nur unvollkommen ausdrücken, was sie wirklich geleistet hat: Sie hat Brücken gebaut. Sie hat aus Wunden Wege gemacht. Sie hat uns gelehrt, dass Versöhnung möglich ist, wenn man nie die Hoffnung verliert.

Und sie hat uns einen Satz mitgegeben, der mehr wiegt als jedes Denkmal:
„Nicht einfach spurlos aus der Geschichte verschwinden.“

Wir bewundern die Kraft unserer Ehrenvorsitzenden Olga Sippl, die sich trotz ihres schweren Schicksals das ganze Leben lang für eine Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen eingesetzt hat.

Liebe Olga, alles Liebe und Gute, vor allem aber weiterhin Gesundheit, wünscht Dir Deine Seliger-Gemeinde!

 

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