Neues Buch zu Wenzel Jaksch - leider bisher nur in Tschechisch

Veröffentlicht am 22.08.2017 in

„Verlorene Dörfer, verlassene Menschen …“

Berichte aus den tschechischen Grenzregionen 1924 - 1928

Das Buch bietet eine umfassende Sammlung von sozialen Reportagen geschrieben von Wenzel Jaksch (1896-1966), die zwischen den Jahren 1924-1928 – noch vor der großen Wirtschaftskrise - im Zentralorgan der DSAP, dem „Sozialdemokraten“ veröffentlicht wurden. Jaksch, später die führende Persönlichkeit der deutschen Sozialdemokratie in der Tschechoslowakei, unternahm als junger Journalisten eine lange Tour durch das deutschsprachige tschechische Grenzland. Jaksch befasst sich in den Reportagen mit dem sozialen Aspekt der Koexistenz von Tschechen und Deutschen im Sudetenland.

Inspiriert vom neuen Genre der Sozialreportage, reiste Jaksch in den 20er Jahren, von einer Fotografin begleitet, durch das böhmische Land. Er besucht Weber, Holzfäller und böhmische Glasmacher, Instrumentenbauer im Erzgebirge oder schreibt über die proletarische Wohnungsnot in Teplitz: feuchte, dunkle, übervölkerte Wohnungen, die ein Hort aller nur denkbaren Krankheiten sind. Die beschriebene Armut ist wirklich groß: leere Mägen und keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Jaksch beschreibt die traurige Geschichte von Dörfern im Adlergebirge oder im Böhmerwald und von Arbeiter-Siedlungen in den Industriegebieten.

Seine Sozialreportagen bieten vor allem einen einzigartigen Einblick in die sozialen, politischen und sozialen Bedingungen, das Überleben und Vegetieren im Grenzland der Zwischenkriegszeit. Er beschreibt all das Elend der Sudetendeutschen und gibt ein brillantes und alarmierendes Zeugnis für die entsetzlichen Lebensbedingungen in dieser Zeit. Er benennt die drängenden sozialen Probleme und zeigt die unfaire nationale Politik auf, die die dunkele Seite der Ersten Republik enthüllt.

Jaksch identifizierte zwei Hauptbedrohungen: den Nazismus und den Kommunismus. Er fürchtete eine Verschärfung der Klassengesellschaft und ethnische Spannungen.

Die Berichte sind nicht brillanter Journalismus, seine Texte sind beschreibend und oft vorhersehbar, weil sich die Lebenssituationen in den einzelnen Regionen doch gleichen. Ein erfahrenerer Journalist hätte vielleicht mehr hinter die Geschichten geschaut und Mitgefühl oder Wut auf all die Ungerechtigkeiten der Welt erzeugt.

Als junger Politiker greift er die Probleme auf und denkt Lösungen an: den Bau von Sozialwohnungen, Errichtung von Konsumgenossenschaften mit niedrigeren Margen, die Begrenzung der Macht der Bourgeoisie ....

Jaksch: Für die wirtschaftlichen Probleme des Landes gibt es keine nationale Lösung, das Proletariat als Ganzes muss entweder für seinen Lebensraum kämpfen oder es wird zermahlen.

Jaksch wiederholt mehrmals, dass diese Probleme noch aus der Zeit der noch eine Monarchie herrührten und nicht von Tschechoslowakei geschaffen wurden. Doch bevor er zu einer Lösung kommen könnte, war die soziale Schere so groß, dass die Spannungen zur Tragödie 1938 beigetragen mussten.

Dazu muss man wissen: Die Arbeiter-Armut im Sudetenland ist zuerst einmal eine Folge der industriellen Revolution. Die deutschsprachigen Grenzgebiete waren industrialisierter als das tschechische Kernland. Entweder fand sich hier Großindustrie (Schichtwerke in Aussig) oder kleine Fabriken (typisch ist das Industriedorf: eine Fabrik in einem Dorf). In den tschechisch-sprachigen Gebieten gab es eher weniger Industrie (mit Ausnahme der Zentren natürlich: Prag, Pilsen, Kladno vor allem). Ansonsten war das tschechische Kernland eher landwirtschaftlich geprägt. Solche Regionen kommen immer besser durch eine Krise als Industriezonen.

Nach 1918 brach den kleinen Fabriken in den Grenzgebieten aber der riesige deutsch-österreich-ungarische Absatzmarkt weg.

Eine weiteres Problem: diese Kleinindustrie im Sudetenland wurde nicht modernisiert und wurde dadurch später durch Konkurrenten weltweit geschlagen – wenn man so will eine erste Phase der Globalisierung. Deswegen gab es dann auch dieses große Elend während und nach der Weltwirtschaftskrise, das noch größer war, als Jakschs´ Beschreibung der 20er Jahre.

Gerade diese Armut trug dazu bei, dass die meisten Einwohner den Forderungen Konrad Henleins so positiv gegenüberstanden.

Wenzel Jaksch war eine faszinierende und tragische Figur. In den späten dreißiger Jahren wurde er Vorsitzender der DSAP. Diese Funktion, die er im März 1938 angenommen hat, war sein Schicksal. Jaksch war einer der tschechischen Deutschen, die es bis zum letzten Moment widerstanden.

Leider fehlt dem Buch ein grundlegender Inhalt. Es finden sich keine Analysen, die zeigen, warum die deutsche Sozialdemokratie – in den frühen zwanziger Jahren drittstärkste Partei in der Tschechoslowakei - nach und nach an Unterstützung verloren hat und welche Einflüsse hinter der Radikalisierung des Sudetenlandes standen.

Die Berichte aus den tschechischen Grenzregionen sind trotz dieses Handicaps unverzichtbar. Das Buch beschreibt mehr als einen Mosaikstein zur Geschichte der Ersten Republik. Ergänzt werden die Berichte von Zeichnungen und Fotografien, die die Armut im Sudetenland illustrieren und konkretisieren.

Thomas Oellermann redigierte die Übersetzung von Zuzana Schwarzová. Das Buch mit seinen 288 Seiten ist mit Unterstützung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds im Academia Verlag veröffentlicht worden und ein großer Erfolg. Es ist für rund 300 CZK im tschechischen Buchhandel erhältlich.

Auf Deutsch gibt es die Sozialreportagen von Wenzel Jaksch bisher nur in den alten Zeitungen der 20er Jahre. Daraus stammen die Vorlagen für die tschechische Übersetzung. Mit Geldern der Ernst-Paul-Stiftung wird jetzt die Digitalisierung für eine deutsche Ausgabe erstellt. Erscheinungsdatum wird wohl Sommer 2018 sein.

 

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