Ein historisches Foto: Der damalige Vizepräsident und spätere Präsident der internationalen Paneuropa-Union, Otto von Habsburg (links), überreicht in Berlin als Vertreter des Präsidenten Richard Coudenhove-Kalergi an den ersten Präsidenten der Paneuropa-Union Deutschland und ehemaligen Reichstagspräsidenten der Weimarer Republik, Paul Löbe (SPD) eine Urkunde, in der dieser am 14. 12. 1965, seinem 90. Geburtstag, zum Ehrenpräsidenten der Paneuropa-Union Deutschland ernannt wird, deren Gründungsvorsitzender er 1925 war. Rechts daneben steht der Regierende Bürgermeister von Berlin und spätere Bundeskanzler Willy Brandt. (Das Bild verdanken wir Gergely Pröhle von der Otto-von-Habsburg-Stiftung in Budapest).
Gedenken zum 150. Geburtstag von Reichstagspräsident Paul Löbe (1875 bis 1967)
Zu seinem 150. Geburtstag haben die Paneuropa-Union Deutschland und die Seliger-Gemeinde am Sonntag, 14. Dezember an Paul Löbe erinnert
Paul Löbe wurde am 14. Dezember 1875 im schlesischen Liegnitz als Sohn eines Tischlers geboren. Schon als Junge trug er als Laufbursche mit dem Austragen von Zeitungen und Brötchen zum Unterhalt der Familie bei. Nach dem Abschluss einer Schriftsetzerlehre trat er 1893 der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands bei. Zwischendurch kam er auf Wanderschaft nach Süddeutschland, Österreich-Ungarn, Italien und in die Schweiz. Er gründete 1898 den SPD-Ortsverein Ilmenau. 1899 wurde er Vorsitzender der SPD in Mittelschlesien und wurde Schriftleiter der sozialdemokratischen Zeitung „Volkswacht“ in Breslau. Als junger Parteiredakteur zog er sich mehrere Geld- und Freiheitsstrafen wegen Majestätsbeleidigung oder „Aufreizung zum Klassenhass“ zu. 1904 wurde er in die Stadtverordnetenversammlung in Breslau gewählt. Am Ersten Weltkrieg nahm Löbe nicht teil, da er wegen einer Lungenkrankheit nicht eingezogen wurde. 1919 war er Mitglied der Verfassunggebenden Nationalversammlung.
Im Jahre 1920 wurde Paul Löbe mit 397 von 420 Stimmen zum Präsidenten des Reichstages gewählt. Er hatte dieses Amt mit nur einer kurzen Unterbrechung zwölf Jahre inne und erwarb sich durch seine maßvolle Amtsführung Achtung und Sympathie seiner politischen Freunde wie Gegner. Nach den Juli-Wahlen 1932, als der Verfall der parlamentarischen Sitten eine fruchtbare Parlamentsarbeit unmöglich gemacht hatte, wurde er von dem Nationalsozialisten Herrmann Göring aus dem Amt verdrängt und arbeitet dann als Redakteur des SPD-Zentralorgans „Vorwärts“. Löbe gehörte zur Zeit der Weimarer Republik dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold an. Am 26. April 1933 wurde Löbe in den Parteivorstand der SPD gewählt. Im Juni 1933 verhafteten die Nationalsozialisten Paul Löbe, der zu den wenigen Mitgliedern des SPD-Parteivorstands gehörte, die noch nicht emigriert waren und 1944 – aufgrund seiner Verbindung zum Widerstand um Goerdeler und Leuschner – ein zweites Mal u.a. im niederschlesischen Konzentrationslager Groß-Rosen bis zum Frühjahr 1945 inhaftiert. Im Sommer 1945 musste Löbe Schlesien verlassen.
Nach Kriegsende nahm Paul Löbe sofort seine Tätigkeit für die SPD wieder auf und wurde Redakteur der sozialistischen Zeitung „Das Volk“. Er wirkte 1948/49 als einer der acht Berliner Abgeordneten im Parlamentarischen Rat an einigen der konstitutiven Artikel des Grundgesetzes mit. Am 7. September 1949 eröffnete er, der letzte demokratische Reichstagspräsident der Weimarer Republik, als Alterspräsident die erste Sitzung des 1. Deutschen Bundestages.
1954 übernahm Paul Löbe den Vorsitz des Kuratoriums „Unteilbares Deutschland“ und setzte sich als aufrichtiger Patriot und überzeugter Europäer mit hohem Engagement für die Einigung Westeuropas und die Wiedervereinigung Deutschlands ein.
Paul Löbe verstarb am 3. August 1967 in Bonn und wurde in Berlin-Zehlendorf in einem Ehrengrab beigesetzt.
Erste Präsident der überparteilichen Paneuropa-Union Deutschland
Paul Löbe war auch der erste Präsident der überparteilichen Paneuropa-Union Deutschland, die 1925, also vor 100 Jahren, gegründet wurde. Der heutige Präsident dieser ältesten europäischen Einigungsbewegung in Deutschland, Bernd Posselt, hob in seiner Würdigung hervor, dass Löbe „schon damals gegen den Zeitgeist sowohl die deutsch-französische als auch die deutsch-polnische Verständigung vorangetrieben hat“.
Im Herbst 1926 habe Löbe gemeinsam mit dem französischen Ministerpräsidenten Aristide Briand zu den Schirmherren des ersten großen Europakongresses der Weltgeschichte gehört, den der Gründer der internationalen Paneuropa-Bewegung, Richard Graf Coudenhove-Kalergi aus Böhmen, mit 2000 Teilnehmern aus zahlreichen europäischen Ländern in Wien veranstaltete.
1949 als Alterspräsident des ersten Deutschen Bundestages habe Löbe schon am Anfang seiner Eröffnungsrede die Wiedervereinigung Deutschlands „als Glied eines vereinten Europa“ gefordert, so Posselt.
Großen Sozialdemokraten und Europäer
Auch die Seliger-Gemeinde erinnerte an den großen Sozialdemokraten und Europäer. Bundesvorsitzende Christa Naaß zitierte den seinerzeitigen Reichstagspräsidenten mit einem Satz, den er anlässlich des ersten Volkstrauertages 1922 vor den Reichstagsabgeordneten geprägt hatte: „Leiden zu lindern, Wunden zu heilen, aber auch Tote zu ehren, Verlorene zu beklagen, bedeutet Abkehr vom Hass, bedeutet Hinkehr zur Liebe, und unsere Welt hat die Liebe not.“
Diese Aussage hat nach Meinung von Christa Naaß heute noch Gültigkeit: „Paul Löbe wurde wie kaum ein anderer zur Symbolfigur des deutschen Parlamentarismus. Sein politisches Wirken begann als Kommunalpolitiker im Kaiserreich und führte ihn schließlich 1919 in die verfassungsgebende Nationalversammlung von Weimar. Dort wurde er vor 105 Jahren als erster Sozialdemokrat zum Präsidenten dieses ersten wirklich demokratischen deutschen Parlamentes gewählt. Seine Fähigkeit zum fairen Kompromiss, sein stetes Bemühen um den Ausgleich und seine hohe Achtung vor den Grundlagen des Parlamentarismus sicherten ihm schon bald die Achtung des gesamten Hauses, auch die seiner politischen Gegner. Paul Löbe profilierte sich auch innerhalb der SPD als Mann des Ausgleichs, und er verstand Demokratie als Ringen um Verständigung.“ Bis an sein Lebensende setzte sich Löbe besonders für die Belange der Heimatvertriebenen ein.