Die AWO bot, wie die SPD, für die vertriebenen sudetendeutschen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten eine neue Heimat. Als Teil der klassischen Arbeiterbewegung gab es im Sudetenland die „Arbeiterfürsorge“, das Äquivalent zur AWO in Deutschland, und somit gute Anknüpfungspunkte. Sozialwerk „Arbeiterfürsorge“ würde über Spenden und Mitgliederbeiträge finanziert, aber auch der Streichholzverkauf („Volkszünder“) brachte Geld in die Kassen.
Aktiv in der Arbeiterfürsorge…
Der aus Hermesdorf bei Mähr. Schönberg stammende Rudolf Ludwig, mit 16 Jahren zur Arbeiterbewegung gekommen, wuchs über die Jugendgruppe in die Organisation und war in den 50 Jahren seiner Parteizugehörigkeit Obmann und Schriftführer, Leiter der Kinderfreunde-Gruppe, war im ATUS und in der Textil-Union – und in der Arbeiterfürsorge. Wegen seiner politischen Überzeugung verlor er seinen Arbeitsplatz und blieb ihr dennoch treu, ebenso wie seine Frau und sein Sohn. In der neuen Heimat schloss er sich sofort der SPD in Rosenheim an.
Gerade die Frauengruppen waren Pate gestanden bei der Schaffung der Arbeiterfürsorge, der „Helferin der Armen“. (Marie Günzl)
Barbara Sacher, die Ehefrau des bekannten Bürgermeisters Anton Sacher von Fischern bei Karlsbad, war seit 1920 führend in der DSAP tätig, leitete die stärkste Frauenorganisation Westböhmens und war Gründerin der ersten Falkengruppe in der ČSR. Ihre Ausstellungen der „Arbeiterfürsorge“ und der „Kinderfreunde“ in Fischern waren immer ein Anziehungspunkt des Bezirks Karlsbad. Die „Sacherin“ der westböhmischen Arbeiterschaft wird stets als sehr wertvoller Mensch in Erinnerung bleiben. Nach der Vertreibung lebte sie in Landshut.
Es gab fast keine Organisation, der Klara Schober, eine bekannte Sozialistin Nordmährens, nicht hilfreich beiseite stand. Die Partei, deren Vorsitzende sie durch Jahrzehnte war, die Textilarbeitergewerkschaft, die Konsumgenossenschaft, die Arbeiterfürsorge, sie alle nahmen ihre Zeit voll und ganz in Anspruch. Aber nicht genug damit, auch als Stadträtin in Bärn, die sich durch mehrere Wahlperioden hindurch war, leistete sie hervorragende Arbeit. Nach der Vertreibung lebte sie in Schwäbisch-Gmünd.
Maria Wundrak aus Karlsbad war nicht nur die Frau des einstigen Kreissekretärs des Karlsbader Gebietes, sie selbst war seit 1912 Mitglied der österreichischen Arbeiterjugend und seit 1916 Parteimitglied. Später war sie aktiv bei der Drahowitzer Frauengruppe, den Kinderfreunden, der Arbeiterfürsorge tätig und füllte dann die Funktion der Kassiererin bei der Karlsbader Frauengruppe aus. Zusammen mit ihrem Mann und den beiden Söhnen stand sie in der Bewegung, und nach der Rückkehr aus der Emigration in England fand sie in Marktoberdorf ein neues Betätigungsfeld. Auch hier erwarb sie sich in der Partei, der AWO und der Frauengilde des Konsums wieder viele neue Freunde.
Schon 1906 kam Karl Jilg mit der Sozialdemokratie in Berührung und wird deren Mitglied, denn der berufliche Werdegang ist für ihn voller Schwierigkeiten und Hindernisse. Nach dem erlernten Schlosserberuf wird er Textilarbeiter, schult sich besonders im Sozialversicherungswesen, das nun sein uneingeschränktes Arbeitsgebiet wird und eine Parallele zu seiner politischen Tätigkeit darstellt. Er wird im Laufe der Zeit führender Funktionär der Sozialdemokraten in der Orts- und Bezirksorganisation in Mährisch-Schönberg, ist Gründer und langjähriger Obmann des Gau- und Ortsvereins der Kinderfreunde von 1925 bis 1938 und acht Jahre lang Vorsitzender der Stadtratsfraktion im Schönberger Rathaus. Von 1929 bis zum Zusammenbruch ist er Obmann der Arbeiterfürsorge, lange Zeit Funktionär im Orts- und Kreisausschuss der Gewerkschaft der öffentlichen Angestellten und seit Ende des Ersten Weltkriegs Vorstandsmitglied des Konsumvereins.
Seit 1946 ist auch das Wirken Jilgs in Rosenheim sichtbar und wirksam geworden. Vorerst galt es, die in Lagern untergebrachten Vertriebenen möglichst schnell in Wohnungen zu bringen, eine Aufgabe, der nicht immer Anerkennung entgegengebracht worden ist. Neben der Tätigkeit im Rosenheimer SPD-Parteivorstand sucht und findet er geeignetes Gelände und gründet einen Kleingartenverein, der 1958 sehr stark war. Mit seinen Freunden gründete er die Seliger-Gemeinde und wurde deren Vorsitzender. Er ist Initiator bei der Gründung der Volksbücherei, die heute zu den angesehensten in ganz Bayern zählt. In den letzten Jahren aber widmete er seine Zeit im Ruhestand voll und ganz der AWO. Leuchtende Denkmäler setzte er seiner Tätigkeit: Die Schaffung des Freizeitheims, die Stadtranderholungsstätte „Sonnenland“ und die Mitgestaltung beim Bau des Jugendwohnheims.
…und der AWO
Wie Thomas Oellermann berichtete, spielen die sudetendeutschen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in der bayerischen Arbeiterwohlfahrt eine wichtige Rolle:
Inge Gabert (Frau von Volkmar Gabert) saß im Bundesvorstand der AWO sowie im Vorstand der bayerischen AWO. Das Seniorenzentrum der AWO Oberbayern in Miesbach sowie das Seniorenzentrum in Ortenburg sind nach ihr als "Inge-Gabert-Haus" benannt.
Christine Haschek (geb. 1928) war SPD-Stadträtin und von 1973 bis 1984 Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Dachau. In dieser Rolle gründete sie unter anderem die Sozialstation der AWO und rief den "Tag des Kindes" ins Leben. Später war sie von 1989 bis 2015 Geschäftsführerin des Sozialwerk der Seliger Gemeinde.
Raimund Böhm, Dreher aus Bielau bei Wagstadt, mit Antifa-Transport ausgesiedelt, später SPD Gemeinderat in Öslau, Mitbegründer der AWO in Öslau, Verdienstmedaille der Gemeinde Rödental (1979) für seine jahrzehntelange, selbstlose und treue Mitarbeit in den Organisationen der Arbeiterwohlfahrt.
Josef Bösel, 1920 in Schatzlar geboren, Mitglied im Bundesvorstand der Seliger-Gemeinde, SPD-Stadtrat in Geislingen, gründete zusammen mit Hans Glöckle die AWO in Geislingen, er war lange Jahre ihr Vorsitzender und gründete schließlich 1976 den AWO-Seniorenclub (damals: Altenclub). „Diese beiden Männer haben schon damals die Zeichen der Zeit erkannt: die Menschen werden älter und sind auch noch im Alter sehr aktiv. Dieses Potential zu nutzen ist für alle ein Segen, denn wer im Alter noch aktiv ist, wer noch Freude am Leben hat, der bleibt noch länger jung im Geiste“ (Festschrift AWO Geislingen).
Hugo Dittrich, 1900 geb. in Mariaschein/Bohosudov, Mitglied der DSAP, RW, 1938 verhaftet, zur Wehrmacht eingezogen, sowjet. Kriegsgefangenschaft, Neuanfang in Neustadt an der Aisch, Vorsitzender der SPD und Mitbegründer der AWO.
Albert Jarschke, 1901 geb. in Wunstorf bei Römerstadt, kam nach dem 2. Weltkrieg nach Weißenhorn und war dort 1952-1971 Vorsitzender der AWO. In den ersten Jahren der Arbeiterwohlfahrt Weißenhorn wurde insbesondere Hilfe für Spätheimkehrer, Kranke und andere Notleidende geleistet, dazu Geld- und auch Sachspenden z.T. von amerikanischen Spenden und von eigenen Sammlungen ausgegeben. Der Ortsverein organisierte Weihnachtsfeiern und Kinderfeste. Im Jahre 1953 wurde erstmals eine Kinderferienerholung organisiert. 1956 wurde im Rahmen des Kreisverbandes ein Bauausschuss gegründet, der die Aufgabe übernahm, erneut Vorbereitungen für den Bau eines Altenheimes in Weißenhorn zu treffen. Diesem Ausschuss gehörte u.a. Ortsvorsitzender Albert Jaschke an.
Jarschke, ehemalige Schuhmachermeister, stand 50 Jahre in der sozialistischen Bewegung. Er war u.a. Vorsitzender des ostböhmischen Arbeitergesangvereins. In Geislingen/Steige nahm er in der Partei und der AWO manchen verantwortungsvollen Posten ein.
Alfred „Alfi“ Liebreich, geb. 1902 Brünn, Mitglied der Falken und des ATUS, kam mit einem Antifa-Transport nach Bayern, war später SPD-Stadtrat in Regensburg und Vorsitzender der Regensburger AWO. Er wurde 1972 mit der Marie-Juchacz-Plakette ausgezeichnet.
Rudolf Posselt, geb. 1904 in Deutsch Gabel/Jablonne, er war Mitglied in der DSAP, im ATUS, und im allgemeinen Angestelltenverband (Gewerkschaft), später wurde er Mitglied der SPD Geißenhofen, war 1954 Mitbegründer der Seliger-Gemeinde in München und lange Jahre Geschäftsführer der AWO Oberbayern.
Anna Pucher aus gehört zu den alten Mitarbeiterinnen der Arbeiterbewegung. Jahrzehntelang hat sie an der Seite ihres Gatten überall dort mitgeholfen, wo es gerade an tätigen Menschen fehlte. Sie war Leiterin der Kinderfreundegruppe Neudek, Mitarbeiterin der genossenschaftlichen Frauengruppe, Leiterin der Frauengruppe der Partei in Neudek und später in Maierhöfen bei Karlsbad. Später gehörte sie dem Dachauer Stadtrat an und leitet die Nähstube der AWO in Dachau.
Walter Richter, geb. 1920 in Rudelsdorf,Nach Wehrmacht und Kriegsgefangenschaft kam er über Gesseltshausen bei Freising nach Lohhof b. München.Er war Mitglied im Bundesvorstand der Seliger-Gemeinde und Landesgeschäftsführer der AWO Bayern.1969 wurde er Vorsitzender des BdV in Bayern, gleichzeitig engagierte er sich in der SPD-Kommunalpolitik und konnte sich somit für die Belange der Vertriebenen im Zuge der neuen Ostpolitik des damaligen Bundeskanzlers Willi Brandt einsetzen. Walter Richter hat im Verlauf seiner Tätigkeit im Bereich der Vertriebenen-Arbeit viele Akzente gesetzt und durch Beharrlichkeit, Verhandlungsgeschick und Einfühlungsvermögen vielfältige Projekte angestoßen und verwirklicht. Richter starb 1997 in Lohhof.
Richard Schönfelder, geb. 1893 in Teichstadt, wurde dann einer der großen Prager Sozialdemokraten, war Prager RW-Leiter, dann Emigration 1938 über Großbritannien nach Bolivien. Richard Schönfelder handelte in Bolivien ein Einwanderungsabkommen aus, das letztlich nicht umgesetzt wurde, weil die Führung es vorzog, nach Kanada auszuwandern. Schönfelder kam nach dem 2. Weltkrieg zurück nach Europa und siedelte sich in Waldkraiburg an. Hier war er von 1964 bis 1975 Vorsitzender der AWO und übernahm dort den Vorsitz der Seliger-Gemeinde. Schönfelder starb 1977.
Schließlich verwies Thomas Oellermann noch auf die Tätigkeit als AWo-Heimleiter, die einige Genossen inne haten:
Max Blaschke, Leiter des AWO Jugendwohnheims in Kempten - 92 Jugendliche konnten im Heim untergebracht und verpflegt werden. Daneben bot das Haus Räume für Jugendgruppen und die Nähstube des Ortsvereins. Über viele Jahre hinweg diente das Heim auch als Veranstaltungsort der Arbeiterwohlfahrt. Mitte der 1960er Jahre diente das Jugendwohnheim als Unterkunft für junge Menschen, die sich im Rahmen des Internationalen Jugendgemeinschaftsdienstes (IJGD) für mehrere Wochen zur unentgeltlichen Mitarbeit im Kemptener Stadtkrankenhaus verpflichtet haben. 1967 reisten sie beispielsweise aus Dänemark, Frankreich, Spanien und der Tschechoslowakei an.
und
Friedrich Hegenbach, Leiter des Russland-Heimkehrer-Heims der AWO in Planegg
Weiter gab es in der Recherche folgende Treffer:
Franz Endisch, ehemalige Bürgermeister von Dreihunken engagierte sich in der in AWO Bündingen und der Seliger-Gemeinde.
Josef Breycha aus Klein-Cernosek b. Leitmeritz stammend, waron 1924 bis 1933 war Vorsteher der Gemeinde Stürbitz. Nach der Aussiedlung war er in Töging, besonders in der AWO tätig.
Der aus Reichenberg stammende Franz Leimer war langjähriges Mitglied der DSAP und gehörte der Gewerkschaft und den verschiedenen Kulturorganisationen als Mitglied an. Nach der Austreibung nahm er wiederum verschiedenste Funktionen in Illertissen in Partei, Gewerkschaft oder der AWO an.
Franz Wanek aus Winterberg im Böhmerwald kam nach der Vertreibung nach München und war in der Partei nach wie vor aktiv, auch die AWO und SG haben es dem langjährigen Flüchtlingsvertrauensmann angetan.
u.v.m.
Ein besonderer Hinweis gilt der Zusammenarbeit der Seliger-Gemeinde Berlin mit der dortigen AWO: Anfang bis Mitte der 1950er Jahren wurden immer wieder Geschenkpaketaktion mit Lebensmitteln für Landsleute in der Sowjetzone zur Verfügung gestellt. Dieser Hilfsmaßnahme der Seliger-Gemeinde erfolgte mit Unterstützung der AWO. Ihnen kam in Hinblick auf die akute Lebensmittelversorgungskrise in der Sowjetzone besondere Bedeutung zu.
Die Abendschule mit Thomas Oellermann zum Thema „Sudetendeutsche Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten die halfen die bayerische Arbeiterwohlfahrt (AWO) mitaufzubauen“ kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.
Die seliger-online-Veranstaltungen finden mit großzügiger Unterstützung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages statt.
*Marie Juchacz wurde als Tochter des Zimmermanns Theodor Gohlke und seiner Frau Henriette am 15. März 1879 in Landsberg an der Warthe (heute: Gorzów Wielkopolski in Polen) geboren. Nach dem Besuch der Volksschule in Landsberg an der Warthe arbeitete Juchacz ab 1893 zunächst als Dienstmädchen und kurzzeitig als Fabrikarbeiterin. Von 1896 bis 1898 war sie in der Krankenpflege tätig. Anschließend absolvierte sie eine Lehre zur Schneiderin. In diesem Beruf war sie bis 1913 tätig. Nachdem sie sich 1906 von ihrem Mann, dem Schneidermeister Bernhard Juchacz, getrennt hatte, übersiedelte sie mit den beiden Kindern nach Berlin.
Juchacz trat 1908 der SPD bei, mit deren Programm sie ihr älterer Bruder vertraut gemacht hatte. In kurzer Zeit entwickelte Juchacz sich zur gefragten Versammlungsrednerin. Im Jahr 1913 wurde sie in Köln Frauensekretärin für den Parteibezirk Obere Rheinprovinz, wo sie sich vor allem um die Organisation der Textilarbeiterinnen im Aachener Raum kümmerte. Als es 1917 zur Spaltung der Sozialdemokraten und zur Gründung der USPD kam, erhielt Marie Juchacz, die bei den Mehrheitssozialdemokraten blieb, von Friedrich Ebert die Stelle als Frauensekretärin im Zentralen Parteivorstand, die zuvor Clara Zetkin innegehabt hatte. Sie übernahm außerdem die Redaktionsleitung der Frauenzeitung Die Gleichheit. Marie Juchacz gehörte am 13. Dezember 1919 zu den Gründern der Arbeiterwohlfahrt (AWO) (Eintragung ins Berliner Vereinsregister am 3. April 1925) und war bis 1933 ihre erste Vorsitzende.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigrierte Juchacz im März 1933 ins Saargebiet, dann ins Elsass und weiter über Paris, Marseille und Martinique nach New York, wo sie bis 1949 lebte. In New York gründete sie 1945 die Arbeiterwohlfahrt USA – Hilfe für die Opfer des Nationalsozialismus, die nach Ende des Krieges mit Paketsendungen Unterstützung im zerstörten Deutschland leistete.
1949 kehrte sie aus ihrem Exil nach Deutschland zurück und wurde Ehrenvorsitzende der AWO. Sie starb am 28.1.1956 in Düsseldorf.