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Grenzen und die sudetendeutsche Sozialdemokratie
In der Abendschule zu den Grundlagen der Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie referierte Dr. Thomas Oellermann am 9.11.2025 über die Rolle der Grenze in der Geschichte der sudetendeutschen Arbeiterbewegung.
Oellermann stellte anfangs eine These auf, in der er erklärte, dass die Hinwendung der sudetendeutschen Sozialdemokratie nach Wien und der österreichischen Sozialdemokratie überbewertet wird. Gerade die Sozialdemokraten in Nord- und Westböhmen hätten den Kontakt zur Deutschen Sozialdemokratie in Sachsen gesucht. Dies sei in der Fach-Literatur bisher viel zu sehr vernachlässigt worden.
Der Historiker Thomas Oellermann stützte seine These mit Berichten zu Begegnungen der Sozialdemokratie in Nord- und Westböhmen nach Sachsen die bereits 1914 durch Austausch, Besuche und alltäglichen Treffen an den freien Wochenenden belegt sind.
Auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 in Deutschland gab es vielfältige Kontakte, die in der illegalen Grenzarbeit, dem Sammeln von Informationen, dem Schmuggeln von verbotenen Schriften und der Hilfe für Flüchtlinge gipfelte. Hier griffen die sudetendeutschen Sozialdemokraten auf Erfahrungen aus den 20er Jahren zurück, wo sie Techniken und Wege bei der Schleusung von gefährdeten Ungarn nach Sachsen erprobt hatten.
Ein bekanntes Beispiel, so Oellermann, war Richard Reitzner aus Bodenbach, der beim Parteitag 1920 erklärt hatte, er wisse wo illegale Waffen im Grenzbereich zu beschaffen wären.
Die Grenzen hatten aber auch schon immer eine politische Dimension. So demonstrierten die Radfahrer des ARuK 1918 in großen Demonstrationen gegen die Grenzschließungen, die ihre Fahrstrecken kappten. Auch Zollfragen spielten immer eine gewichtige Rolle. So stellte sich 1918 überhaupt die Frage, ob es überhaupt Grenzen bräuchte – ein Zustand in Europa, den wir heute faktisch so hätten. Hierzu gab es bereits nach dem 1. Weltkrieg erste Ideen, die u.a. in einer Donauföderation ohne Grenzen und mit freiem Warenverkehr gipfelten.
Über die bereits genannten politischen und illegalen Aktivitäten hinaus, die sich insbesondere im Kontext der deutschen NS-Diktatur manifestierten, gilt es, die tiefgreifenden wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg und der Gründung der Tschechoslowakei hervorzuheben. Für die sudetendeutschen Sozialdemokraten stellte die neue Grenzziehung eine erhebliche Herausforderung dar. Plötzlich waren sie Teil eines Staates, dessen politische und wirtschaftliche Ausrichtung sich von der der österreichisch-ungarischen Monarchie, zu der sie sich zuvor zugehörig fühlten, deutlich unterschied.
Wirtschaftlich bedeutete die neue Grenze zunächst eine Zäsur. Traditionelle Handelsbeziehungen und Arbeitsmärkte, die oft über die nun gezogenen Staatsgrenzen hinweg reichten, wurden abrupt unterbrochen. Dies betraf insbesondere die Industriegebiete im Sudetenland, die eng mit den Märkten im übrigen Böhmen und auch mit Österreich und Deutschland verbunden waren. Die Einführung neuer Zollbestimmungen und die Notwendigkeit, sich an eine neue Währung und Wirtschaftsordnung anzupassen, schufen Unsicherheiten und behinderten den wirtschaftlichen Austausch. Für die Arbeiterschaft bedeutete dies oft Arbeitsplatzunsicherheit und Lohnkürzungen, was die soziale Lage verschärfte.
Sozial gesehen führte die Grenzziehung zu einer neuen Identitätsbildung. Die sudetendeutschen Sozialdemokraten mussten sich in einem mehrheitlich tschechischen Staat positionieren. Dies brachte die Notwendigkeit mit sich, sowohl die eigenen nationalen Interessen als auch die der Arbeiterklasse im gesamtstaatlichen Kontext zu vertreten. Die Beziehungen zu den Sozialdemokraten in Deutschland, wie von Oellermann betont, gewannen an Bedeutung, da sie eine kulturelle und ideologische Brücke darstellten. Gleichzeitig musste aber auch eine konstruktive Beziehung zur tschechischen Sozialdemokratie und zur Regierung der Tschechoslowakei gefunden werden, um soziale Fortschritte zu erzielen und die Interessen der sudetendeutschen Arbeiter zu wahren. Die Frage der Minderheitenrechte und der kulturellen Autonomie wurde zu einem zentralen politischen Thema, das die Arbeit der Sozialdemokraten maßgeblich beeinflusste.
Die Grenze war somit nicht nur eine physische Trennlinie, sondern auch ein Katalysator für politische Neuorientierungen und die Aushandlung von Identitäten in einem veränderten europäischen Kontext.
Grenzen hatten für die sudetendeutsche Sozialdemokratie also immer eine große Rolle gespielt und in vielerlei Hinsicht ihr Leben und die politische Arbeit beeinflusst, so Oellermann abschließend.
Die Abendschule mit Thomas Oellermann zum Thema „Grenzen und die sudetendeutsche Sozialdemokratie“ kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.
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