Erika Kalkofen-Frahne bei Ihrem Vortrag zu Henriette Müller
Die bisher unbekannte Mitbegründerin der Seliger-Gemeinde
Erika Kalkofen-Frahne präsentierte beim Herbstseminar neue Forschungsergebnisse über Henriette Müller – Sally Bywater, die Enkelin von Alois Ullmann, half, eine vergessene Lebensgeschichte und schwierige Familienverhältnisse aufzuklären.
Henriette Müller - Ihr Name steht seit dem 4. Juni 1951 auf der Gründungsurkunde der Seliger-Gemeinde. Doch wer sie war, blieb über Jahrzehnte nahezu unbekannt. Selbst in der historischen Forschung war ihre Person zunächst falsch zugeordnet worden. Erst die umfangreiche Spurensuche von Erika Kalkofen-Frahne brachte Licht in die Biografie einer Frau, die nicht nur zu den Mitbegründerinnen der Seliger-Gemeinde gehörte, sondern bereits in der sudetendeutschen Arbeiterbewegung eine bemerkenswerte Rolle gespielt hatte. Beim Herbstseminar in Bad Alexandersbad stellte die Referentin ihre Forschungsergebnisse nun vor.
Henriette Müller wurde am 26. Juli 1896 als Henriette Salis in Čáslav (Tschaslau) geboren und wuchs in Aussig auf. Schon ihre Mutter Marie Salis war Sozialdemokratin und wurde 1919 in die Gemeindevertretung gewählt. Henriette engagierte sich insbesondere im Arbeiter-Turn- und Sportverband ATUS. Dort übernahm sie 1928 als erste Frau eine Funktion im Erziehungsbeirat. Bei der tschechoslowakischen Parlamentswahl 1935 kandidierte sie für die Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei (DSAP).
1919 heiratete sie den sozialdemokratischen Kommunalpolitiker Rudolf Müller, der später stellvertretender Bürgermeister von Aussig wurde. Der als „Krankenkassen-Müller“ bekannte Funktionär war einer von mehreren gleichnamigen Politikern der sudetendeutschen Sozialdemokratie. Die Ehe wurde 1935 geschieden, Rudolf Müller heiratete erneut, starb aber im folgenden Jahr.
Besonders spannend wurde die Spurensuche bei Henriettes Verbindung zu Alois Ullmann, einem führenden Funktionär der sudetendeutschen Arbeiterbewegung und späteren geschäftsführenden Vorsitzenden der Seliger-Gemeinde. Beide kannten sich seit Langem aus der gemeinsamen Arbeit im ATUS. Nachdem Ullmanns seine Ehefrau Emma mit ihrem jüngsten Sohn nach Großbritannien in Sicherheit brachte, kehrte er 1939 nach Prag zurück, wo Henriette lebte. Nach seiner Verhaftung durch die Nationalsozialisten blieb der briefliche Kontakt zwischen beiden auch während seiner Haft im Konzentrationslager Dachau bestehen.
Den entscheidenden Durchbruch brachte die Zusammenarbeit mit Sally Bywater, einer Enkelin von Alois Ullmann. Bereits beim Frühjahrsseminar 2025 hatte sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Edward und ihrem Halbbruder Chris Ullmann über die Geschichte ihrer Familie berichtet. Aus dieser Begegnung entwickelte sich eine gemeinsame Spurensuche. Sally Bywater reiste erneut aus Großbritannien an, um zusammen mit Erika Kalkofen-Frahne in München und Dachau zu recherchieren. Persönliche Briefe, Familienunterlagen und historische Dokumente ermöglichten erstmals einen genaueren Einblick in die komplizierten Familienverhältnisse und die Beziehung zwischen Henriette Müller und Alois Ullmann.
Dabei kamen auch schmerzhafte Erinnerungen zur Sprache. Zwischen Alois Ullmann und seinem in Großbritannien zurückgebliebenen Sohn Louis bestanden erhebliche Spannungen. Der Sohn hatte seinem Vater das Verlassen der Familie lange nicht verziehen. Erst in Ullmanns letzten Lebensjahren kam es zu einer Annäherung. Nach den Recherchen von Erika Kalkofen-Frahne ließ sich Ullmann nie von seiner Ehefrau Emma scheiden, um deren finanzielle Versorgung nicht zu gefährden.
Nach Kriegsende lebten Henriette Müller und Alois Ullmann gemeinsam in Dachau. Beide gehörten am 4. Juni 1951 zu den Gründungsmitgliedern der Seliger-Gemeinde. Henriette betreute Ullmann auch während seiner schweren Erkrankung bis zu seinem Tod am 6. Mai 1957.
Besonders bemerkenswert war ihr Verhalten nach seinem Tod. Obwohl Ullmann sie testamentarisch als Alleinerbin eingesetzt hatte, unterstützte Henriette seine in Großbritannien lebende Ehefrau Emma bei der Durchsetzung ihrer finanziellen Ansprüche. Auch Ullmanns Enkelkinder wurden bedacht. Die persönlichen Dokumente zeigen damit nicht nur schwierige familiäre Beziehungen, sondern auch Henriettes Bemühen, gegenüber den Angehörigen ihres verstorbenen Lebensgefährten Verantwortung zu übernehmen.
Dass diese sehr privaten Zusammenhänge heute öffentlich dargestellt werden können, ist auch Sally Bywater zu verdanken. Sie beteiligte sich aus familiärem Interesse an der Spurensuche, stellte persönliche Unterlagen zur Verfügung und autorisierte ausdrücklich die Veröffentlichung der gewonnenen Erkenntnisse. Damit wurde aus einer historischen Recherche zugleich ein bemerkenswertes Beispiel generationenübergreifender Erinnerungsarbeit.
Henriette Müller blieb der Seliger-Gemeinde auch nach Ullmanns Tod verbunden. 1967 wurde sie bei ihrem Wegzug nach Gießen von der Ortsgruppe Dachau verabschiedet. Noch 1971 gratulierte ihr die Mitgliederzeitschrift Die Brücke zum 75. Geburtstag. Ihr genaues Sterbedatum konnte bislang nicht ermittelt werden.
Mit ihrer Forschungsarbeit hat Erika Kalkofen-Frahne weit mehr als eine persönliche Lebensgeschichte rekonstruiert. Sie hat eine Mitbegründerin der Seliger-Gemeinde aus der Vergessenheit geholt und zugleich neue Einblicke in das Leben von Alois Ullmann und seiner Familie eröffnet. Eine Frau, deren Unterschrift seit 75 Jahren auf der Gründungsurkunde steht, hat damit wieder ein Gesicht und eine eigene Geschichte bekommen.