Herbstseminar 2026

Veröffentlicht am 05.11.2026 in Allgemein

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Jan Mühlstein (re.) im Gespräch mit Ulrich Miksch (li.)

 

 

Die Mühlsteins – eine jüdisch-böhmische Geschichte zwischen Hoffnung, Verfolgung und Neubeginn

Jan Mühlstein stellte beim Herbstseminar der Seliger-Gemeinde seine Familiengeschichte vor. Im Gespräch mit Ulrich Miksch entstand ein eindrucksvoller Streifzug durch mehr als zwei Jahrhunderte jüdischen Lebens in Böhmen – mit bemerkenswerten Verbindungen zur sudetendeutschen Sozialdemokratie.

Ausgangspunkt war der Wunsch, die Erinnerungen seiner Eltern für kommende Generationen zu bewahren. Beide hatten Theresienstadt, Auschwitz und weitere nationalsozialistische Lager überlebt. Daraus entwickelte Jan Mühlstein eine umfangreiche Forschungsarbeit, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht und schließlich in seinem Buch „Die Mühlsteins. Eine jüdisch-böhmische Geschichte“ ihren Niederschlag fand. Beim Herbstseminar der Seliger-Gemeinde in Bad Alexandersbad stellte er es im Gespräch mit Ulrich Miksch vor.

Am Beispiel seiner Vorfahren zeichnete Mühlstein den langen Weg der jüdischen Bevölkerung Böhmens von gesellschaftlicher Ausgrenzung und wirtschaftlichen Beschränkungen hin zur Emanzipation nach. Aus Hausierern und kleinen Händlern wurden im Laufe der Generationen erfolgreiche Kaufleute und Angehörige des städtischen Bürgertums. Die Familien Mühlstein und Lederer fanden in Brüx und Teplitz-Schönau ihre Heimat und waren fest im gesellschaftlichen Leben der Ersten Tschechoslowakischen Republik verwurzelt.

Besonders aufschlussreich waren die vielfältigen Verbindungen zur sudetendeutschen Sozialdemokratie. Mühlsteins mütterlicher Großvater Arthur Lederer gehörte der sozialdemokratischen Bewegung an, möglicherweise schon vor der Gründung der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) 1919 in Teplitz-Schönau. Auch Heinrich Mühlstein, ein Onkel seines Vaters, war Sozialdemokrat. Für zahlreiche jüdische Bürger war neben dem Einsatz für soziale Gerechtigkeit insbesondere die klare Haltung der Sozialdemokratie gegen Antisemitismus und nationalistische Ausgrenzung von Bedeutung.

Mit dem Münchner Abkommen 1938 zerbrach diese Lebenswelt. Wie zahlreiche sudetendeutsche Sozialdemokraten und andere Verfolgte flohen auch die Familien Mühlstein und Lederer aus dem Sudetengebiet nach Prag. Robert und Gretel Mühlstein heirateten dort im Januar 1939 und bemühten sich verzweifelt um eine Ausreisemöglichkeit. Sogar der Plan einer landwirtschaftlichen Siedlungsgründung in Bolivien wurde verfolgt, scheiterte jedoch. Nur einzelnen Familienangehörigen gelang die Emigration.

Besonders tragisch war das Schicksal des sozialdemokratischen Großvaters Arthur Lederer. Als ehemaliger DSAP-Angehöriger war er zusätzlich gefährdet. Bei einer Hausdurchsuchung entdeckte ein Gestapobeamter seinen Parteiausweis, ließ ihn jedoch offenbar bewusst unbeachtet. Den weiteren Verhören und Schikanen war Lederer dennoch ausgesetzt. Er starb am 20. September 1941 im Alter von 55 Jahren und wurde auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Prag beigesetzt.

Im Dezember 1941 wurden auch Robert und Gretel Mühlstein nach Theresienstadt deportiert. Robert gehörte zu einem der ersten Aufbaukommandos, Gretel folgte wenige Tage später. Im Herbst 1944 wurden die Eltern schließlich nach Auschwitz verschleppt. Dort erlebten sie die unmenschlichen Bedingungen der Lagerhaft, während zahlreiche Angehörige ermordet wurden. Zu den Opfern gehörten auch der jüngste Bruder Roberts und der Ehemann seiner Schwester Anna.

Besonders bewegend waren die Passagen aus zwei Briefen, die Gretel Mühlstein unmittelbar nach der Befreiung verfasst hatte. Darin schilderte sie die Deportation nach Auschwitz, die entwürdigende Behandlung, Hunger, Kälte und die ständige Angst um das eigene Leben. Zugleich berichtete sie davon, wie sie unter schwierigsten Bedingungen versuchte, ihre menschliche Würde zu bewahren und die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrem Mann nicht aufzugeben. Diese unmittelbaren Zeugnisse verliehen der Buchvorstellung eine besondere persönliche Eindringlichkeit.

Doch mit dem Ende des Krieges waren die Schwierigkeiten keineswegs überwunden. Die jüdischen Überlebenden fanden in der veränderten Tschechoslowakei eine Gesellschaft vor, in der ihre frühere deutschsprachige Lebenswelt weitgehend verschwunden war. Robert Mühlstein trat nach dem Krieg der Sozialdemokratie bei, deren Widerstand gegen den Nationalsozialismus er besonders schätzte. Nach der Vereinigung mit der Kommunistischen Partei 1948 erneuerte er seine Mitgliedschaft nicht.

Auch Jan Mühlstein selbst erlebte antisemitische Anfeindungen während seiner Schulzeit. Nach dem Prager Frühling und der Niederschlagung der Reformbewegung verließ er 1969 die Tschechoslowakei und setzte sein Physikstudium in München fort.

Zum Abschluss schlug das Gespräch einen nachdenklichen Bogen in die Gegenwart. Mühlstein äußerte seine Sorge über den wieder zunehmenden Antisemitismus und berichtete von jüdischen Familien, deren Kinder ihre Herkunft aus Angst vor Ausgrenzung verschweigen. Ebenso beunruhigend sei für ihn, wie schnell historische Erfahrungen mit Diktatur, Verfolgung und Unfreiheit aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein verschwinden könnten.

Ulrich Miksch griff diesen Gedanken auf und würdigte Jan Mühlstein als „Zweitzeugen“, der die Erfahrungen der Erlebnisgeneration bewahrt und weitergibt. Gerade weil die unmittelbaren Zeitzeugen des Holocaust immer weniger werden, komme ihren Kindern und Enkeln eine besondere Verantwortung zu – nicht zuletzt in der Bildungsarbeit mit jungen Menschen.

Die Buchvorstellung bot damit weit mehr als einen Einblick in eine außergewöhnliche Familiengeschichte. Sie erinnerte auch an die bislang wenig beachteten jüdischen Wurzeln und Verbindungen innerhalb der sudetendeutschen Sozialdemokratie. Zugleich machte sie deutlich, wie wichtig persönliche Erinnerungen und historische Forschung für das Verständnis der Vergangenheit und die Verteidigung demokratischer Werte in der Gegenwart sind.

BUCHTIPP

Die Mühlsteins. Eine jüdisch-böhmische Geschichte

Jan Mühlstein · Hentrich & Hentrich · 2025

330 Seiten · 28,00 €

ISBN 978-3-95565-738-3

 

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