Herbstseminar 2026

Veröffentlicht am 22.10.2026 in Allgemein

75 Jahre Seliger-Gemeinde – Erinnern, Forschen und Brücken bauen

Jahresseminar vom 16. bis 18. Oktober 2026 in Bad Alexandersbad

75 Jahre Seliger-Gemeinde – ein Jubiläum, das weit mehr Anlass zum Rückblick als zum Feiern bot. Beim Jahresseminar vom 16. bis 18. Oktober 2026 in Bad Alexandersbad standen die Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie, persönliche Schicksale, neue historische Forschungsergebnisse und die Zukunft der deutsch-tschechischen Verständigung im Mittelpunkt. Drei Tage lang verbanden sich politische Diskussionen, Zeitzeugnisse und persönliche Begegnungen zu einem vielfältigen Programm.

Den Auftakt bildete am Freitagabend eine filmische Reise durch 75 Jahre Seliger-Gemeinde. Dr. Thomas Oellermann präsentierte historische Filmaufnahmen, die von frühen Veranstaltungen der sudetendeutschen Sozialdemokratie über die Nachkriegsjahrzehnte bis zur jüngeren Geschichte der Gemeinschaft reichten. Dr. Filip Bláha ordnete die Filme in ihre jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge ein. Dabei wurde deutlich, wie sehr sich die Seliger-Gemeinde im Laufe der Jahrzehnte verändert hat, ohne ihre historischen Wurzeln aus dem Blick zu verlieren.

Bundesversammlung zwischen Rückblick und Zukunft

Der Samstag stand zunächst im Zeichen der Bundesversammlung. Einen besonderen Höhepunkt bildete der Festvortrag von Markus Rinderspacher, Vizepräsident des Bayerischen Landtags, der den Bogen von der Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie zu den Herausforderungen für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Gegenwart spannte. Auch Jörg Nürnberger, deutscher Vorsitzender des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums, und David Macek, neuer Leiter des Sudetendeutschen Büros in Prag, begleiteten die Versammlung.

Neben den verbandspolitischen Entscheidungen setzte die Bundesversammlung ein deutliches politisches Zeichen: Mit einer einstimmig verabschiedeten Resolution forderte sie eine verlässliche Förderung der Demokratiebildung und europäischen Erinnerungskultur. Insbesondere wandte sich die Seliger-Gemeinde gegen Kürzungen bei der Förderung historischer und kultureller Arbeit nach § 96 des Bundesvertriebenengesetzes.

Für 2027 wurde das Motto „80 Jahre Brücke(n) bauen“ vorgestellt – in Erinnerung an das 80-jährige Bestehen der Zeitschrift Die Brücke.

Menschen, die Geschichte geprägt haben

Wie sehr die Geschichte der Seliger-Gemeinde von persönlichen Erfahrungen und ehrenamtlichem Engagement getragen wird, zeigte das Gespräch „Viele Jahre, viel Arbeit“. Der frühere Bundesvorsitzende Dr. Peter Becher blickte gemeinsam mit Ulrich Miksch auf seine Familiengeschichte, seinen Weg zur Seliger-Gemeinde und die Zeit seiner gemeinsamen Vorsitzendentätigkeit mit Martin Bachstein zurück. Beiträge aus dem Publikum ergänzten die Erinnerungen und eröffneten zugleich den Blick auf die künftigen Aufgaben der Gemeinschaft.

Einen besonderen Eindruck hinterließ die Präsentation junger Forschender aus dem tschechischen Mimoň. Sie berichteten über ihre Recherchen zur antifaschistischen Widerstandsgruppe Waltro und stellten neue Erkenntnisse über Menschen vor, die sich der nationalsozialistischen Herrschaft widersetzten. Die Seliger-Gemeinde unterstützt die geplante zweisprachige Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse. Gerade dieser Beitrag zeigte, wie erfolgreich historische Erinnerungsarbeit sein kann, wenn sie junge Menschen für die Geschichte ihrer Heimat begeistert.

Der Samstagabend führte mit dem tschechischen Fernsehfilm „Eine Kugel für Heydrich“ zurück in die politischen Auseinandersetzungen des Londoner Exils. Im Mittelpunkt standen weniger das Attentat auf Reinhard Heydrich als die Konflikte zwischen Edvard Beneš und Wenzel Jaksch über die Zukunft der Tschechoslowakei. Thomas Oellermann und Filip Bláha erläuterten dabei auch die stilistischen Mittel des Films und die Unterschiede zwischen historischer Wirklichkeit und künstlerischer Interpretation.

Familiengeschichten als Spiegel der großen Geschichte

Der Sonntagvormittag widmete sich besonders den Menschen hinter den historischen Ereignissen. Jan Mühlstein stellte im Gespräch mit Ulrich Miksch sein Buch „Die Mühlsteins". Eine jüdisch-böhmische Geschichte“ vor. Über mehrere Generationen verfolgte er die Lebenswege seiner Familie, deren Geschichte eng mit der deutschen Sozialdemokratie in Böhmen verbunden war. Besonders bewegend waren die Erinnerungen an seine Eltern, die Theresienstadt, Auschwitz und weitere Lager überlebten, während zahlreiche Angehörige ermordet wurden.

Dass selbst in der eigenen Verbandsgeschichte noch Entdeckungen möglich sind, zeigte Erika Kalkofen-Frahne. Sie stellte ihre Forschungen zu Henriette Müller vor, die 1951 zu den Unterzeichnerinnen der Gründungsurkunde der Seliger-Gemeinde gehörte, deren Lebensgeschichte jedoch lange kaum bekannt war. Der Beitrag machte deutlich, wie wichtig die weitere Erforschung der Biografien jener Frauen ist, die an der Entstehung und Entwicklung der Gemeinschaft beteiligt waren.

Einen ebenso persönlichen wie musikalischen Abschluss gestaltete Ralf Pasch. Mit zwei selbst komponierten Liedern am Klavier rahmte er seinen Vortrag über die jüdische Malerin Malva Schalek, deren künstlerisches Schaffen und Schicksal ihn seit vielen Jahren beschäftigen. Er präsentierte neue Forschungsergebnisse, wiederentdeckte Kunstwerke und sein laufendes Buchprojekt. Für seine biografische Arbeit über Alice Schalek war Pasch erst kürzlich mit dem Molden-Sachbuchstipendium ausgezeichnet worden.

Erinnern und versöhnen – auch über Grenzen hinweg

Begleitet wurde das Seminar von der Ausstellung „Aussiedlung – Vysídlení“, die bereits beim Festival Meeting Brno gezeigt worden war. Sie dokumentiert anhand persönlicher Zeitzeugenberichte die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit Jaroslav Ostrčilík, dem Initiator des Brünner Versöhnungsmarsches, war auch einer der wichtigen Wegbereiter der deutsch-tschechischen Erinnerungsarbeit zu Gast. Die Seliger-Gemeinde ist deutscher Projektpartner der vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds unterstützten Ausstellung.

Im Anschluss an das Seminar fand die Verleihung des Olga-Sippl-Preises statt, mit dem das Engagement für Verständigung und den Brückenschlag zwischen Deutschen und Tschechen gewürdigt wird. Die Preisverleihung setzte einen weiteren Akzent zum Abschluss des Jubiläumswochenendes.

75 Jahre – und die Geschichte geht weiter

Das Jahresseminar zeigte eindrucksvoll, wie vielfältig die Arbeit der Seliger-Gemeinde inzwischen geworden ist. Sie bewahrt die Erinnerung an die sudetendeutsche Sozialdemokratie und ihre Verfolgungsgeschichte, unterstützt neue Forschungsprojekte, fördert den Austausch zwischen den Generationen und setzt sich für die deutsch-tschechische Verständigung ein.

Dabei wurde auch deutlich, dass historische Erinnerungsarbeit nicht allein vom Rückblick lebt. Neue Quellen, bislang unbekannte Lebensgeschichten und die Perspektiven junger Forschender eröffnen immer wieder andere Zugänge zur Vergangenheit.

75 Jahre Seliger-Gemeinde sind deshalb nicht nur ein Anlass, auf das Erreichte zurückzuschauen. Sie sind vor allem ein Auftrag, die Geschichte weiterzuerzählen, Demokratie zu stärken und auch künftig Brücken zwischen Menschen und Ländern zu bauen.

Ausführliche Berichte zu den einzelnen Vorträgen, Forschungsprojekten und Veranstaltungen veröffentlichen wir nach und nach auf unserer Homepage.

 

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