Bei der Preisverleihung: (v.l.) Christa Naaß, Co-Vorsitzende der Seliger-Gemeinde, Markéta Vaňková, Preisträgerin und Oberbürgermeisterin der Stadt Brno/Brünn, Petra Ernstberger MdB.a.D., Laudatorin und Vorsitzende des Verwaltungsrats des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, Birgit Unfug, Bundesfrauenreferentin der Sudetendeutschen Landsmannschaft und Helena Päßler, Ko-Vorsitzende der Seliger-Gemeinde (Foto: Ulrich Miksch)
Ein Preis, der selbst schon ein Zeichen der Versöhnung ist
Erster Olga-Sippl-Preis an Brünns Oberbürgermeisterin Markéta Vaňková verliehen
Bad Alexandersbad. Eine Frau, die ihr Leben der deutsch-tschechischen Verständigung widmete, und eine Oberbürgermeisterin, die mit politischem Mut neue Wege der Versöhnung eröffnete: Am 18. Oktober 2026 wurde in Bad Alexandersbad erstmals der Olga-Sippl-Preis verliehen. Die Auszeichnung ging an die Brünner Oberbürgermeisterin Dr. Markéta Vaňková, die maßgeblich dazu beigetragen hatte, dass der Sudetendeutsche Tag 2026 erstmals in der Tschechischen Republik stattfinden konnte.
Mit dem neuen Preis schließen die Seliger-Gemeinde und die Frauen der Sudetendeutschen Landsmannschaft eine bisherige Lücke: Bislang gab es innerhalb der Landsmannschaft keine eigene Auszeichnung für das besondere Engagement von Frauen. Auf Initiative der Bundesfrauenreferentin Birgit Unfug entstand deshalb ein gemeinsamer Preis für Verdienste um Freiheit, Demokratie und deutsch-tschechische Verständigung. Die paritätisch besetzte Jury entschied sich einstimmig für Vaňková als erste Preisträgerin.
Eine Namensgeberin mit besonderer Symbolkraft
Die Wahl Olga Sippls zur Namensgeberin ist keineswegs selbstverständlich. Als überzeugte sudetendeutsche Sozialdemokratin hatte sie sich gegenüber der Sudetendeutschen Landsmannschaft politisch durchaus abgegrenzt. Dass heute beide Organisationen gemeinsam einen Preis in ihrem Namen vergeben, steht auch für den Wandel innerhalb der Landsmannschaft und die Bereitschaft, historische Gegensätze zu überwinden.
In ihrer Begrüßung erinnerte die Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde, Christa Naaß, an das außergewöhnliche Leben der 1920 in Altrohlau bei Karlsbad geborenen Sozialdemokratin. Trotz Nationalsozialismus, Krieg und Vertreibung setzte sich Olga Sippl unermüdlich für Demokratie und Verständigung ein. Als Gründungsmitglied und spätere Ehrenvorsitzende prägte sie die Seliger-Gemeinde über Jahrzehnte. Noch an ihrem 105. Geburtstag hatte sie Naaß einen Satz mit auf den Weg gegeben, der nun wie ein Vermächtnis klingt: „Echte Freundschaft sollte nicht ins Wanken geraten.“ Genau ein Jahr nach ihrem Tod wurde nun erstmals der nach ihr benannte Preis verliehen.
Dass Geschichte häufig von Männern geschrieben, aber nicht selten von Frauen gestaltet werde, betonte auch Bad Alexandersbads Erster Bürgermeister Ronald Ledermüller. Olga Sippl habe abseits der großen Schlagzeilen viel bewirkt.
Von Meeting Brno zum Sudetendeutschen Tag
Den besonderen Einsatz der Preisträgerin stellte die ehemalige Bundestagsabgeordnete Petra Ernstberger, Vorsitzende des Verwaltungsrats des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, in den Mittelpunkt ihrer Laudatio. Sie erinnerte an die wechselvolle Geschichte Brünns und die schmerzhaften Erfahrungen von Nationalsozialismus und Vertreibung.
Dass sich Brünn zu einem wichtigen Ort der deutsch-tschechischen Verständigung entwickelte, ist auch der Initiative „Meeting Brno“ zu verdanken. Mit ihrem Erinnerungsfestival und dem Versöhnungsmarsch schuf sie Räume für Begegnung und die gemeinsame Auseinandersetzung mit der Geschichte. Vaňková unterstützte diese Arbeit während ihrer Amtszeit. Im Juni 2026 hatte die Seliger-Gemeinde bereits „Meeting Brno“ für sein Engagement mit dem Wenzel-Jaksch-Preis ausgezeichnet.
Politischer Mut in einer entscheidenden Stunde
Besonders eindrucksvoll schilderte Ernstberger die entscheidende Sitzung des Brünner Stadtrates über die Bereitstellung des Messegeländes für den Sudetendeutschen Tag. Die Widerstände waren erheblich, die Debatte aufgeheizt. Obwohl gesundheitlich angeschlagen, nahm Vaňková persönlich teil und ergriff nach zahlreichen kontroversen Wortmeldungen als Letzte das Wort.
Sie verschwieg die politischen Risiken nicht, wandte sich aber entschieden gegen pauschale Schuldzuweisungen. Unter Bezugnahme auf den Roman „Gerta. Das deutsche Mädchen“ von Kateřina Tučková betonte sie, dass es keine Kollektivschuld geben könne und jedes menschliche Schicksal einzeln betrachtet werden müsse. Der Stadtrat stimmte schließlich mehrheitlich für die Bereitstellung des Messegeländes. Damit war der Weg für den historischen Sudetendeutschen Tag in Brünn frei.
Ernstberger zitierte aus Vaňkovás Rede beim Sudetendeutschen Tag: „Die einzige Möglichkeit, die Zukunft zu eröffnen, ist Versöhnung.“ Ihre Würdigung brachte die Laudatorin schließlich auf einen einfachen Satz: „Markéta Vaňková měla odvahu“ – Markéta Vaňková hatte Mut.
Eine besondere Würdigung zum Ende ihrer Amtszeit
Sichtlich erfreut nahm die Brünner Oberbürgermeisterin die Auszeichnung aus den Händen von Christa Naaß, Helena Päßler und Birgit Unfug entgegen. In ihrer Dankesrede erinnerte sie daran, dass die Verletzungen des Zweiten Weltkriegs auch nach acht Jahrzehnten nicht vollständig überwunden seien. Hass könne immer wieder aufflammen. Nur Vergebung, Bildung und vor allem der Dialog könnten ihm Einhalt gebieten. Ihr Wunsch sei es, dass Deutsche und Tschechen als gute Freunde und verlässliche Partner gemeinsam ihre Zukunft gestalteten.
Die Auszeichnung erhielt durch ihren Zeitpunkt eine zusätzliche Bedeutung: Seit November 2018 steht Vaňková an der Spitze Brünns. Bei den Kommunalwahlen Anfang Oktober trat sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr an und wird in Kürze ihr Amt nach acht Jahren abgeben. Der erste Olga-Sippl-Preis wurde damit auch zu einer besonderen Würdigung ihres politischen Wirkens.
Als persönliche Erinnerung überreichte Christa Naaß der Preisträgerin einen fränkischen Bocksbeutel, Honig aus der Region, das Gedenkbuch der sudetendeutschen Sozialdemokratie sowie „Abendrot“, den Gedichtband Olga Sippls.
Die Verleihung fand im Anschluss an das Herbstseminar der Seliger-Gemeinde statt, deren Mitglieder zahlreich vertreten waren. Unter den Gästen befanden sich auch David Macek, Mitbegründer von „Meeting Brno“, und Steffen Hörtler, Landesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Bayern.
Im Schlusswort dankte die zweite Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde, Helena Päßler, der Oberbürgermeisterin für ihren unermüdlichen Einsatz und äußerte die Hoffnung, dass auch die künftige Stadtspitze Brünns den Weg der Versöhnung fortsetzen werde.
Mit dem ersten Olga-Sippl-Preis fanden zwei bemerkenswerte Entwicklungen zusammen: Eine Sozialdemokratin, die sich einst bewusst von der Sudetendeutschen Landsmannschaft abgrenzte, wird heute gemeinsam von beiden Organisationen gewürdigt. Und mit Markéta Vaňková erhält eine tschechische Politikerin die erste Auszeichnung, die gegen erhebliche Widerstände den Sudetendeutschen Tag nach Brünn geholt hat.
Beides zeigt: Versöhnung bedeutet nicht nur, nationale Grenzen zu überwinden, sondern auch, alte politische Gegensätze hinter sich zu lassen.