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Veröffentlicht am 01.09.2026 in Allgemein

1848: Die Bauern wurden frei – die Zinsgründler nicht

Eigentlich müsste 1848 die große Befreiung bringen. Die Revolution erschüttert die alte Ordnung, die Leibeigenschaft wird aufgehoben, die Bauern werden von der Robot befreit. Auch Franz Kuplent beginnt den zweiten Teil seiner 1930 erschienenen Bildergeschichte genau mit diesem Einschnitt. Doch für die Holzhauer im Böhmerwald, die sogenannten Zinsgründler, gilt diese Befreiung offenbar nur eingeschränkt.

Das zeigt bereits die Formulierung auf Seite 25: „Frei sind die Bauern vom Robott.“ Kuplent schreibt eben nicht, dass auch die Zinsgründler frei seien. Genau darin liegt die Pointe des Kapitels. Während die allgemeine Bauernbefreiung voranschreitet, bleiben die Holzhauer in besonderen Ansiedlungs-, Pacht- und Arbeitsverhältnissen an die großen Herrschaften gebunden. Robot- beziehungsweise robotähnliche Verpflichtungen bestanden in einzelnen Siedlungen noch Jahrzehnte fort.

Kuplent erzählt diesen Übergang drastisch. Die Zinsgründler werden zur Herrschaftsdirektion gebracht. Dort, so seine Darstellung, werden ihnen die alten Ansiedlungsurkunden abgenommen und neue Kontrakte ausgehändigt. Wer sich weigert, werde sogar geprügelt. Als später die Grundeinlösungskommissionen tätig werden, finden sie deshalb nach Kuplents Darstellung kaum noch alte Rechte vor, die hätten abgelöst oder in Eigentum überführt werden können.

Damit verändert sich die Form der Abhängigkeit, aber sie verschwindet nicht. Ein Holzhauer verdient nach Kuplents Angaben nur 30 bis 70 Kreuzer am Tag. Die Grundstücke werden regelmäßig neu verpachtet; wer die Gunst der Herrschaft verliert, kann gutes Land verlieren und schlechteres erhalten. Pachtzinsen steigen, Viehweide im Wald wird verboten, ebenso das Streurechen. Selbst das Beerensammeln, für arme Familien ein wichtiger Beitrag zum Lebensunterhalt, wird eingeschränkt.

Kuplent zeigt dabei nicht nur Rechts- und Arbeitsverhältnisse, sondern den Alltag ganzer Familien. Der Sonntag des Zinsgründlers besteht aus Kirchgang am Vormittag, Arbeit am Nachmittag und etwas Ruhe am Abend. Kinder müssen arbeiten, statt die Schule zu besuchen. Der Jagdaufseher erscheint als nahezu unumschränkter Herrscher in der Gemeinde. Ein besonders eindringliches Bild zeigt nur ein Kreuz im Wald neben einem Baumstumpf. Darunter steht: „Das ist die Unfallversicherung des Forstarbeiters.“

Mit zunehmender Not wächst auch der Widerstand. Eine Petition wird verfasst und dem Bezirkshauptmann übergeben – er zerreißt sie. Die Zinsgründler suchen Hilfe beim Kaiser – ohne Erfolg. Sie gehen vor Gericht – doch auch dort neige sich das „Recht“ zum Großgrundbesitzer.

Erst mit dem allgemeinen gleichen Wahlrecht kommt für Kuplent ein wirklicher Wendepunkt. „Die Leute horchen auf.“ Aus Bittstellern werden politische Bürger. Nicht mehr Gnade, sondern politische Rechte eröffnen einen neuen Weg. Genau hier führt Kuplents Erzählung zur Arbeiterbewegung und zur Sozialdemokratie.

Dann beendet der Erste Weltkrieg das Kapitel. Der Mann liegt im Schützengraben, Frau und Kinder leben zu Hause von Kartoffeln. Die politische Emanzipation hat begonnen, die soziale Befreiung aber noch lange nicht.

 

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