Das Themen-Plakat der Seliger-Gemeinde am Infostand zum Sudetendeutschen Tag in Brünn
Begegnung. Verständigung. Zukunft. – In demokratischer Tradition
Schon als wir nach Brünn kamen – einige mit dem Auto, andere mit dem Bus und wieder andere mit der Bahn – spürten wir sofort, dass dieses Wochenende etwas Besonderes werden würde. Die Stadt zeigte sich lebendig, offen und zugleich nachdenklich. Überall begegneten sich Menschen aus Deutschland und Tschechien: viele junge Besucher, Familien, Studenten, Geistliche, Politiker, aber auch ganz normale Brünner, die neugierig auf die Veranstaltungen waren. Trotz aller Diskussionen im Vorfeld lag über der Stadt keine feindselige Stimmung, sondern eher gespannte Erwartung – als ob viele ahnten, dass hier etwas Neues entstehen könnte.
In diesem Zusammenhang empfinden wir große Dankbarkeit, dass wir an diesem Ereignis teilnehmen und diese besonderen Tage miterleben durften. Begegnungen dieser Art sind keine Selbstverständlichkeit, und genau deshalb haben wir sie als besonders wertvoll empfunden.
Am Bahnsteig 5
Besonders bewegend war für die, die dabei sein konnten, der Nachmittag am Brünner Hauptbahnhof. Am Bahnsteig 5, von dem einst jüdische Transporte abfuhren, standen wir gemeinsam mit vielen anderen Menschen still und gedachten der Opfer des Holocaust. Dass der Sudetendeutsche Tag genau mit diesem Gedenken begann, empfanden wir als starkes und ehrliches Zeichen. Als Bernd Posselt den Nationalsozialismus als „das größte Verbrechen der Geschichte“ bezeichnete, sich entschuldigte und sich vor den Opfern verneigte, wurde es vollkommen ruhig. In diesem Moment hatten wir das Gefühl: Hier geht es nicht um alte Forderungen oder politische Rechnungen, sondern um Verantwortung und Menschlichkeit.
Auch die sogenannten „Winton-Kinder“ beeindruckten uns sehr. Menschen, die einst vor dem Holocaust gerettet wurden, erinnerten in Brünn gemeinsam mit Sudetendeutschen an die Opfer. Das hatte große Symbolkraft. Es gab auch Proteste und Störungen. Doch viel stärker waren die vielen offenen Gespräche und die Bereitschaft zuzuhören.
Besonders in Erinnerung blieben die vielen kleinen Begegnungen am Rand der Veranstaltungen. Menschen kamen ins Gespräch, obwohl ihre Familiengeschichten oft von Schmerz geprägt waren. Manche erzählten von Vertreibung, andere vom Krieg oder vom Kommunismus. Trotzdem wurde kaum gestritten. Viele hörten einfach zu.
Am „langen Tisch“
Am nächsten Tag wurde die Stimmung fast feierlich. Auf dem Mährischen Platz wurde musiziert, getanzt, gegessen und gelacht. Deutsch und Tschechisch mischten sich selbstverständlich. Besonders eindrucksvoll waren die langen Tische, an denen Sudetendeutsche und Tschechen zusammen saßen, Bier tranken und diskutierten. Das wirkte nicht künstlich, sondern natürlich gewachsen.
Auch die Offenheit vieler tschechischer Politiker berührte uns. Die Brünner Oberbürgermeisterin sagte: „Das Böse kann man nicht mit anderem Böse vergelten.“ Das wurde stark applaudiert. Als der südmährische Hauptmann Jan Grolich die Gäste mit „Liebe Landsleute“ begrüßte, war die Stimmung sehr emotional. Viele ältere Teilnehmer hatten Tränen in den Augen.
Versöhnungsmarsch
Der Versöhnungsmarsch von Pohrlitz nach Brünn hinterließ ebenfalls großen Eindruck. Es gab zwar Demonstranten und Provokationen, aber viel stärker war das Gefühl des gemeinsamen Unterwegsseins – rund 2000 Deutsche und Tschechen nebeneinander, ohne Vorwürfe, aber mit dem Wunsch, die Vergangenheit gemeinsam zu tragen. Als Miloš Vystrčil über ein vereintes Europa sprach, klang das nicht formal, sondern ernst und zugleich hoffnungsvoll.
Brünn wirkte in diesen Tagen wie ein europäischer Ort. Nicht als Ort des Vergessens, sondern als Ort des gemeinsamen Erinnerns. Besonders auffällig war die Offenheit vieler junger Tschechen. Für sie war das Treffen keine Bedrohung mehr, sondern etwas Selbstverständliches.
Ein sichtbares Zeichen dieser europäischen Dimension war auch die Teilnahme einer gemeinsamen Delegation von SPD und SPÖ am Sudetendeutschen Tag in Brünn. Mit dabei waren unter anderem Hannes Heide (SPÖ, Europäisches Parlament), Ruppert Stüwe (Deutscher Bundestag), Volkmar Halbleib (Bayerischer Landtag), Ronja Endres und Kathrin Pollack (BayernSPD).
Begleitet wurde die Delegation von Libor Rouček, Christa Naaß, Helena Päßler, Volkmar Harwanegg, Rita Hagl-Kehl, Jörg Nürnberger und Gudrun Peters.
Ausstellung auf dem Messegelände
Die zentrale Veranstaltung fand auf dem Messegelände Brünn (BVV / Výstaviště Brno) statt. Dort konzentrierte sich das Hauptprogramm in der großen Halle und auf den Ausstellungsflächen. Es entstand ein Raum zwischen Messe, Kulturfestival und politisch-historischem Forum.
Die Ausstellung umfasste Kultur- und Geschichtsausstellungen, Zeitzeugenprojekte, Bücherstände, Verlage sowie Beiträge zu Mundart, Literatur und regionaler Kultur. Dazu kamen Musik- und Tanzgruppen in Trachten aus Böhmen, Mähren und dem Sudetenland. Auch Diskussionsforen, Workshops und Informationsstände verschiedener Organisationen waren Teil des Programms. Das Sudetendeutsche Museum war ebenfalls vertreten.
Die Besucherzahlen wurden bisher nicht veröffentlicht. Es ist von mehreren tausend Besuchern am Haupttag die Rede. Viele tschechische Besucher wurden als Zeichen der Offenheit wahrgenommen.
Die Aussteller waren sehr vielfältig: Landsmannschaften, Kulturvereine, Heimatverbände, Verlage, kirchliche Gruppen sowie Jugend- und Begegnungsinitiativen. Insgesamt war es eine breit aufgestellte Begegnungsplattform.
Beiträge der Seliger-Gemeinde
Die Seliger-Gemeinde präsentierte sich mit einem vielfältigen und offenen Programm. Der einladende Infostand bot Raum für Gespräche und Austausch. In Kooperation mit der Druckwerkstatt von Campus Asyl aus Regensburg und der Demokratischen Masaryk-Akademie entstand ein grenzüberschreitender Begegnungsort für Erinnerung, Bildung und aktuelle Fragen.
Die Ausstellung „Das rote Brünn“ zeigte Lebensbilder der Brünner Sozialdemokratie. Viele Mitglieder sprachen Deutsch und Tschechisch und prägten so das politische Leben der Stadt.
Die erste Diskussion „Brünn 34“ behandelte den Widerstand der österreichischen Sozialdemokratie gegen den autoritären Staat 1934 und das Exil in der Tschechoslowakei. Brünn wurde dabei als Ort demokratischer Zuflucht sichtbar.
Die zweite Diskussion „Mut zum Unmut“ verband Demokratieverständnis und persönliche Familiengeschichte aus Aussig.
Insgesamt zeigte die Seliger-Gemeinde einen kompakten, aber dichten Beitrag, der Erinnerung, politische Bildung und aktuelle Debatten verbindet.
Hauptkundgebung
Der Höhepunkt war die große Veranstaltung auf dem Messegelände. Die Halle war voll, die Stimmung offen und herzlich. Als der Ministerpräsident von Bayern sagte, man erlebe ein historisches Ereignis, wurde das nachvollziehbar. Besonders bewegend war das Ende mit der tschechischen Nationalhymne. Viele standen still und hörten zu.
Am Ende blieb das Gefühl, Zeuge eines Wendepunkts gewesen zu sein. Alte Wunden verschwinden nicht, und es gab auch Proteste. Doch sie bestimmten nicht das Bild. Viel stärker war die Erfahrung von Offenheit, Respekt und Versöhnung. Brünn zeigte, dass Deutsche und Tschechen heute nicht Gefangene der Vergangenheit sein müssen.
Ausblick
Im Vergleich zu früheren Sudetendeutschen Tagen in Nürnberg oder Regensburg zeigt sich in Brünn eine klare Weiterentwicklung. Früher stand stärker das klassische Heimattreffen im Vordergrund, mit Fokus auf Erinnerung, Verbände und interne Reden. Heute ist das Format offener und stärker dialogisch.
In Brünn geht es weniger um Selbstvergewisserung, sondern stärker um Austausch mit der tschechischen Gesellschaft und einen gemeinsamen Blick auf die Vergangenheit. Das zeigt sich auch im vielfältigeren Publikum und in der stärkeren Einbindung tschechischer Stimmen.
Für die Zukunft wäre es wünschenswert, diese Entwicklung fortzuführen. Der Sudetendeutsche Tag 2027 in Nürnberg sollte keine Rückkehr zum alten Format sein, sondern die in Brünn sichtbare Öffnung weiterführen. Nürnberg hätte die Chance, Erinnerung, Versöhnung und europäische Verständigung noch stärker zu verbinden.