seliger-online 12.05.2026

Veröffentlicht am 14.05.2026 in Allgemein

Brünn als Zentrum demokratischer sudetendeutscher Tradition

Rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland, Tschechien und Österreich diskutierten bei der dritten seliger-online-Veranstaltung „Brünn – Hauptstadt der demokratischen Sudetendeutschen“ über die demokratische und sozialdemokratische Tradition der mährischen Metropole.

Die Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde, Christa Naaß, begrüßte unter den Gästen auch die Wenzel-Jaksch-Preisträgerin Hanna Zakhari, langjährige Vorsitzende des deutschen Kulturvereins in Brünn. Naaß verwies darauf, dass der Sudetendeutsche Tag 2026 erstmals in Tschechien in Brünn stattfinden werde. Die Veranstaltung solle daher auch zur Vorbereitung auf dieses historische Treffen dienen. Für die Seliger-Gemeinde sei es wichtig hervorzuheben, dass Brünn nicht nur ein Ort deutsch-tschechischer Verständigung, sondern auch eine Stadt mit einer reichen sudetendeutschen sozialdemokratischen Tradition sei. Geplant seien unter anderem eine Ausstellung zur Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie in Brünn sowie eine Diskussionsveranstaltung über Brünn als Zentrum sozialdemokratischen Exils im Jahr 1934.

Als Referenten stellte Naaß den Literaturwissenschaftler Jan Budňak vor. Budňak studierte Germanistik und Anglistik in Olmütz und promovierte 2007 mit einer Arbeit über „Das Bild der Tschechen in der deutsch-mährischen Literatur“. Er forscht an der Masaryk-Universität Brünn sowie am Institut für tschechische Literatur der Akademie der Wissenschaften in Prag zu deutschsprachiger Literatur und Kultur aus Böhmen und Mähren, zur Verbindung von Literatur und linker Politik sowie zu Arbeitswelten.

Budňak zeichnete zunächst ein Bild des Zusammenlebens von Deutschen, Tschechen und Juden in Brünn bis zum Ersten Weltkrieg. Anhand der Volkszählungen von 1910 und 1921 zeigte er die tiefgreifenden Veränderungen in der Stadtgesellschaft auf. Während 1910 noch rund 80 Prozent der Bevölkerung Deutsch als Umgangssprache angegeben hätten, bekannten sich 1921 nach der Gründung der Tschechoslowakei und der Erweiterung zu Groß-Brünn etwa 80 Prozent zur tschechischen Nationalität. Dies bedeute jedoch nicht, dass die deutschsprachige Bevölkerung verschwunden sei. Vielmehr, so Budňak, sei ein Großteil der Bevölkerung zweisprachig gewesen. Er sprach von einer „nationalen Indifferenz“: Viele Menschen hätten Deutsch gesprochen und sich dennoch zur tschechischen Nation bekannt.

Budňak betonte, dass sich die Menschen in Brünn weniger als „Deutsche“ verstanden hätten, sondern eher als Mährer oder Österreicher – als Bewohner einer mehrsprachigen Industriestadt. Brünn sei das „tschechoslowakische Manchester“ gewesen, geprägt von einer starken Textilindustrie und einem deutsch- wie tschechischsprachigen Proletariat. Entsprechend vielfältig sei auch die sozialdemokratische Vereinslandschaft gewesen. Neben deutschen und tschechischen Gewerkschaften existierten Arbeiterbildungsvereine, sozialdemokratische Frauenvereine, der Arbeiter-Turn- und Sportbund sowie Arbeiterheimvereine. Im Brünner Arbeiterheim fand 1899 der Parteitag der österreichischen Sozialdemokratie statt, auf dem das berühmte Brünner Nationalitätenprogramm beschlossen wurde.

Besonderes Augenmerk richtete die Diskussion auf die Brünner Volkshochschule als Ausdruck demokratischer Kultur. Thomas Oellermann erinnerte daran, dass die spätere Masaryk-Volkshochschule zwar formal überparteilich gewesen sei, aber von 1920 bis 1938 durch den Sozialdemokraten und Naturwissenschaftler Hugo Iltis geprägt wurde. Iltis, einer der bedeutendsten Gregor-Mendel-Forscher seiner Zeit, entwickelte die größte deutschsprachige Volkshochschule der Tschechoslowakei zu einem Zentrum demokratischer Bildung. Die Einrichtung verstand sich als praktische Alternative zur höheren Bildung für jene Menschen, die keinen Zugang zu staatlichen Schulen hatten. Besonders bemerkenswert sei gewesen, dass Frauen und Arbeiter einen großen Teil der Teilnehmenden ausmachten.

Die Volkshochschule organisierte internationale Kongresse und sammelte Spenden für ein eigenes Gebäude – unterstützt von Gewerkschaften, Betrieben und sogar Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk. Kurz vor der Zerschlagung der Rest-Tschechoslowakei musste Hugo Iltis allerdings in die USA emigrieren.

In der Diskussion wurde auch nach den Spannungen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie in den 1930er Jahren gefragt. Budňak verwies auf die Gruppe „Sozialistische Aktion“ in Brünn. Diese Gruppe verdient besondere Aufmerksamkeit, weil sie Mitte der 1930er Jahre einen eigenständigen linken und antifaschistischen Kurs innerhalb der sudetendeutschen Sozialdemokratie vertrat. Zu ihrem Umfeld gehörte auch der Vater von Hanna Zakhari, Karl Rybnicky. Die Gruppe gab eine eigene Zeitschrift heraus und suchte angesichts von Wirtschaftskrise und Nationalsozialismus nach neuen politischen Antworten. Zwischen dem staatsloyalen Kurs Ludwig Czechs und den stärker national orientierten Vorstellungen Wenzel Jakschs versuchte die „Sozialistische Aktion“, einen internationalistischen und demokratisch-sozialistischen Weg zu formulieren. Eine wichtige Persönlichkeit war der Freidenkerführer Theodor Hartwig. Budňak betonte, dass Brünn damals ein Zentrum lebendiger sozialistischer Debatten gewesen sei. Gerade dort entstanden politische Ansätze, die nationale Gegensätze überwinden wollten. Die „Sozialistische Aktion“ steht heute für den Versuch, eine demokratische und antifaschistische Alternative zwischen Nationalismus und autoritären Ideologien zu entwickeln.

Auf Fragen zur heutigen politischen Situation erklärte Budňak, dass die Debatten um Vertreibung und Erinnerung – insbesondere zum Sudetendeutschen Tag in Brünn - zwar weiterhin „alte Wunden“ berührten, aktuelle Proteste jedoch häufig von extremistischen Gruppen politisch instrumentalisiert würden. Gerade deshalb seien Initiativen wie der Brünner Versöhnungsmarsch und die Plattform „Meeting Brno“ von großer Bedeutung.

Zum Abschluss stellte sich die Frage, was von der sozialdemokratischen Tradition Brünns heute noch sichtbar sei. Budňak verwies auf moderne sozialpolitische Ansätze wie das Projekt „Housing First“, das sich gegen soziale Ausgrenzung und neoliberale Entwicklungen richtete. Zudem wurde daran erinnert, dass die deutschsprachige Literatur Brünns heute weitgehend vergessen sei und einer neuen Wiederentdeckung bedürfe.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer würdigten schließlich auch die mutige Entscheidung des Brünner Stadtrates, den Sudetendeutschen Tag 2026 in der Stadt auszurichten. Die Veranstaltung machte deutlich, dass Brünn nicht nur ein Ort konfliktreicher Geschichte, sondern ebenso ein bedeutendes Zentrum demokratischer, sozialer und kultureller Verständigung in Mitteleuropa war und ist.

 

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