Die Exkursionsgruppe vor der „Graphia“ in Karlsbad. Mit dabei Kai Döring (9. v. re.), stellvertretender Chefredakteur des "Vorwärts"
150 Jahre Vorwärts I: Druck der Exilzeitung in Karlsbad
Ein bedeutender Teil des Frühjahrsseminar 2026 der Seliger-Gemeinde beschäftigte sich mit „150 Jahre Vorwärts“. So stand bei der Exkursion ein Besuch der ehemaligen „Graphia“ in Karlsbad und eine Diskussionsrunde zum Thema „Welche Rolle spielen Medien heute?“ auf dem Programm.
Die sozialdemokratische Parteizeitung „Vorwärts“ wurde nach der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 ins Exil verlegt. Ein Teil des SPD-Parteivorstands floh damals in die demokratische Tschechoslowakei und gründete dort die SoPaDe – die Sozialdemokratische Partei Deutschlands im Exil. Mit der Parteiführung zog auch die Redaktion des „Vorwärts“ nach Prag.
Die Entscheidung für Prag fiel vor allem aus praktischen Gründen: Die Exilierten konnten weiterhin auf Deutsch arbeiten und publizieren. Zudem bot die Tschechoslowakei zunächst politische Sicherheit und Unterstützung durch tschechische sowie sudetendeutsche Sozialdemokraten.
Mit geflohen war der aus Brünn stammende Friedrich Stampfer. Er blieb Chefredakteur der nun „Neuer Vorwärts“ genannten Zeitung und organisierte unter schwierigen Bedingungen den publizistischen Widerstand gegen das NS-Regime.
Am 18. Juni 1933 erschien die erste Ausgabe des „Neuen Vorwärts“. Gedruckt wurde die Zeitung im Verlag Graphia in Karlsbad. Zielgruppe waren weniger die Exilanten selbst als vielmehr die Sozialdemokraten im Deutschen Reich. Der „Neue Vorwärts“ sollte Informationen über die nationalsozialistische Unterdrückung verbreiten und zugleich politische Orientierung für den Widerstand liefern.
Die Zeitung wurde heimlich über die Grenze nach Deutschland geschmuggelt. Unterstützt wurde dies häufig von sudetendeutschen Sozialdemokraten und Mitgliedern des „Touristenvereins der Naturfreunde“, die sich in den Grenzgebieten auskannten. Mit der zunehmenden Verfolgung durch die Nationalsozialisten brachen diese Netzwerke jedoch nach und nach zusammen.
Ab 1937 geriet die SoPaDe auch in der Tschechoslowakei stärker unter politischen Druck, da die Regierung um Edvard Beneš die Beziehungen zu Deutschland nicht weiter belasten wollte. Deshalb verlegte die Exil-SPD ihren Sitz 1938 nach Paris. Auch der „Neue Vorwärts“ erschien nun dort, allerdings nur noch für kurze Zeit. Kurz vor dem deutschen Einmarsch in Frankreich 1940 wurde die Zeitung eingestellt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erschien die Zeitung ab 1948 erneut zunächst unter dem Titel „Neuer Vorwärts“. Erst 1955 kehrte sie wieder zum ursprünglichen Namen „Vorwärts“ zurück. Heute existiert sie als Mitgliedermagazin der SPD und feiert 2026 ihr 150-jähriges Bestehen.