Auf Betreiben von Josef Hofbauer und Karl Cermak wurde Kern 1921 als Beamter der Bezirkskrankenkasse übernommen. Die neue Tätigkeit sollte ihm ermöglichen, sich stärker der sozialdemokratischen Parteiarbeit zu widmen. Im Oktober 1924 wurde er Zentralsekretär des sozialistischen Jugendverbandes in Teplitz-Schönau und damit einer der wichtigsten Mitarbeiter des Verbandsvorsitzenden Ernst Paul, der in die Parteizentrale nach Prag übersiedelte.
Sozialistische Jugend und internationale Arbeit
Die politische Arbeit in der sozialistischen Jugend wurde zu einem entscheidenden Abschnitt in Kerns Lebensweg. Er gehörte zu den führenden Funktionären der sudetendeutschen Sozialistischen Jugend und war an deren Einbindung in die internationale sozialistische Jugendbewegung beteiligt. Als Mitbegründer der Sozialistischen Jugendinternationale verfügte er über zahlreiche Kontakte zu sozialistischen Jugendverbänden in Europa.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland wurde das internationale Sekretariat von Berlin nach Prag verlegt. Dadurch gewann die sozialistische Jugendbewegung der Tschechoslowakei zusätzliche Bedeutung. Kern arbeitete in einem politischen Umfeld, in dem die DSAP und ihre Jugendorganisation zu wichtigen Stützen der internationalen sozialistischen Zusammenarbeit wurden.
Zwischen 1929 und 1938 war Kern als Journalist und Redakteur sozialdemokratischer Zeitungen in Prag, Reichenberg und Troppau tätig. Zuletzt gehörte er zu den verantwortlichen Redakteuren des Prager „Sozialdemokrat“. Zugleich wurde er Mitglied des Parteivorstandes der DSAP. Seine journalistische Tätigkeit und seine Funktionen in der Jugendbewegung ergänzten sich: Kern berichtete nicht nur über politische Entwicklungen, sondern war selbst an internationalen Beratungen und Aktionen beteiligt.
Solidarität mit dem republikanischen Spanien
Nach dem Militärputsch gegen die Spanische Republik im Juli 1936 stellte die Sozialistische Jugendinternationale den spanischen Bürgerkrieg in den Mittelpunkt ihrer politischen Arbeit. In einem späteren Bericht über die Solidaritätsaktionen der Jugendinternationale schilderte Kern die internationale Unterstützung für die Republik zwischen 1936 und 1939.
Bereits unmittelbar nach Ausbruch des Krieges erklärte das Sekretariat der Sozialistischen Jugendinternationale gegenüber der spanischen Jugend: „Wir sind mit Euch, Euer Kampf ist unser Kampf.“ Die Jugendverbände sammelten Geld, Lebensmittel, Kleidung und Medikamente. In Frankreich, Belgien und Schweden wurden Ambulanzen bereitgestellt, aus Großbritannien und Skandinavien kamen Hilfslieferungen und in den Niederlanden wurde besonders für spanische Kinder gesammelt. Selbst illegale sozialistische Jugendgruppen in Deutschland, Österreich und Italien suchten nach Möglichkeiten, die spanische Republik zu unterstützen.
Die Sozialistische Jugendinternationale überwies 5.000 tschechoslowakische Kronen an den internationalen Solidaritätsfonds. Der schwedische sozialdemokratische Jugendverband stellte weitere 10.000 Kronen zur Verfügung. Für Kern waren diese Aktionen der Beweis, dass die sozialistische Jugend ihre internationale Gesinnung durch praktische Hilfe unter Beweis stellte.
Zahlreiche junge Sozialisten gingen darüber hinaus selbst nach Spanien und kämpften in den Internationalen Brigaden oder in der republikanischen Armee. Kern erinnerte in seinem Bericht ausdrücklich an die vielen Mitglieder sozialistischer Jugendorganisationen, die dort eingesetzt wurden oder fielen. Die Solidarität mit Spanien war für ihn daher nicht nur eine politische Kampagne, sondern ein konkreter Einsatz für die Verteidigung der europäischen Demokratie.
Reise in das republikanische Spanien
Im April 1937 beschloss das Exekutivkomitee der Sozialistischen Jugendinternationale auf Vorschlag der spanischen Delegation, eine internationale Delegation nach Spanien zu entsenden. Zu ihr gehörten Erich Ollenhauer aus Prag, Karl Kern aus Prag, Torsten Nilsson aus Stockholm, Ernst Pek aus Paris und Wim Thomassen aus Amsterdam.
Vom 28. Juni bis zum 6. Juli 1937 bereiste die Gruppe Barcelona, Valencia, Albacete und Madrid. Sie führte zahlreiche Gespräche mit führenden Funktionären des spanischen Jugendverbandes und mit Vertretern der Internationalen Brigaden.
Mit Kern nahm damit einer der führenden Vertreter der sudetendeutschen Sozialistischen Jugend unmittelbar an einer internationalen Mission im republikanischen Spanien teil. Die Reise sollte die Solidarität mit der bedrängten Republik sichtbar machen, persönliche Kontakte vertiefen und Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit der Jugendorganisationen ausloten.
In Valencia nahm Kern an Beratungen zwischen Vertretern der Sozialistischen Jugendinternationale und der Kommunistischen Jugendinternationale teil. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie die internationale Hilfe für die Spanische Republik besser koordiniert werden konnte. Die Gespräche fanden allerdings vor dem Hintergrund wachsender Spannungen zwischen Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten und anderen Kräften des republikanischen Lagers statt.
Während seines Aufenthalts in Valencia begegnete Kern auch Julius Deutsch. Der frühere österreichische sozialdemokratische Staatssekretär und Mitbegründer des Republikanischen Schutzbundes hatte sich der Spanischen Republik zur Verfügung gestellt. Kern erinnerte später in einem Schreiben an Deutsch an diese Begegnung. Sie verband den Abwehrkampf der österreichischen Sozialdemokratie von 1934 mit dem internationalen Kampf gegen den Faschismus in Spanien.
In Albacete, dem organisatorischen Zentrum der Internationalen Brigaden, traf die Delegation deren Vertreter. In Barcelona und Madrid stellte sie enge Kontakte zu spanischen Jugendfunktionären her. Kern gewann dadurch unmittelbare Eindrücke von der politischen, sozialen und militärischen Situation der Republik.
Nach seiner Rückkehr berichtete er bei zahlreichen Veranstaltungen der DSAP und der Sozialistischen Jugend über die Reise. In Bodenbach sprach er vor mehreren hundert Vertrauensleuten über seine Erfahrungen und die weltpolitische Bedeutung des Spanischen Bürgerkriegs. Auch in Reichenberg und Gablonz trat er als Spanienreferent auf. Seine Berichte verbanden die Werbung für praktische Hilfe mit der Warnung, dass der Krieg in Spanien ein Vorspiel der drohenden faschistischen Auseinandersetzung in ganz Europa sei.
Kerns Spanienreise zeigt, wie eng die sudetendeutsche Sozialistische Jugend in die internationale Arbeiterjugendbewegung eingebunden war. Sie war nicht nur Empfänger internationaler Solidarität im Kampf gegen den Nationalsozialismus, sondern beteiligte sich ihrerseits an der Unterstützung der spanischen Republik.
Flucht nach Schweden
Nach dem Münchner Abkommen und der Besetzung der sudetendeutschen Gebiete gehörte Karl Kern zu den ersten sozialdemokratischen Emigranten, die nach Schweden gelangten. Die wenigen und zeitlich begrenzten Einreisebewilligungen mussten rasch genutzt werden. Wer einen gültigen Pass besaß, sollte ausreisen.
Am 4. November 1938 startete vom Prager Flugplatz Ruzyně eine Junkers Ju 52, die wegen ihrer begrenzten Kapazität nur 16 Flüchtlinge aufnehmen konnte. Unter ihnen befanden sich Karl Kern mit seiner Familie, Gisela Paul, Josef Hofbauer, Franz Krümmel, Rudolf Geißler, Florian Weikert, Franz Seidel, Georg Mlnarik, Karl Iser und Fritz Hopf sowie zwei österreichische Flüchtlinge.
Die Reise führte zunächst nach Brüssel und anschließend nach Antwerpen. Von dort ging es am 11. November mit dem Frachtschiff „Burgundia“ nach Göteborg, wo die Gruppe am 14. November ankam. Nach einem Verhör wurden die Flüchtlinge nach Malmö weitergeleitet. Später folgten unter anderem Hofbauers Sohn Fritz und Ernst Paul. Dieser befand sich im März 1939 auf der Rückreise von Oslo nach Malmö und entging dadurch dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Prag. Zu den letzten prominenten DSAP-Politikern, denen die Flucht nach Schweden gelang, gehörten Siegfried Taub und Wenzel Jaksch.
Am 31. Dezember 1938 verzeichnete das zentrale schwedische Flüchtlingskomitee 115 sudetendeutsche Unterstützungsempfänger.
Arbeit und politische Tätigkeit in Schweden
Von 1940 bis 1947 arbeitete Karl Kern als Metallarbeiter. Nach Kriegsende beteiligte er sich an der Aufnahme von etwa 250 vertriebenen sudetendeutschen Sozialdemokraten in Schweden. Zu ihnen gehörten auch seine Schwestern sowie Georg Hans Trapp und Karl Schneider.
Von 1947 bis 1967 war Kern als Beamter beim schwedischen Arbeitsamt und bei der Bezirksarbeitsverwaltung in Malmö beschäftigt. 1947 gehörte er zum Personal zweier schwedischer Anwerbestellen in Wien und Linz. Diese warben Industriearbeiter aus Ungarn und Italien sowie staatenlose Sudetendeutsche an, die sich in Österreich aufhielten. Insgesamt gelangten auf diesem Weg mehrere Tausend Arbeitskräfte nach Schweden.
Später war Kern für deren Eingliederung in Schweden zuständig und wurde Leiter der Einwanderungsabteilung. Seine eigenen Erfahrungen als Flüchtling verbanden sich dabei mit einer beruflichen Tätigkeit, die der Aufnahme und Integration anderer Migranten gewidmet war.
Parallel setzte er seine journalistische und literarische Arbeit fort. Er schrieb als Schweden-Korrespondent für den SPD-Pressedienst, verfasste eigene Gedichte in schwedischer Sprache und übersetzte schwedische Lyrik ins Deutsche.
Von 1948 bis 1973 war Kern Vorsitzender der Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten in Schweden. Er setzte sich dafür ein, die Organisation über den Kreis der sozialdemokratischen Emigranten hinaus für alle Sudetendeutschen in Schweden zu öffnen. Ende 1948 zählte die Treuegemeinschaft rund 2.000 Einzelmitglieder.
Karl Kern gehörte zu den engsten Weggefährten Wenzel Jakschs. Seit den 1960er-Jahren kam es jedoch zum Bruch mit Ernst Paul. Dieser lehnte eine Einmischung aus dem Ausland in die Politik der SPD, insbesondere in die neue Ostpolitik und die Positionen der Seliger-Gemeinde, ab. Kern beteiligte sich daraufhin am Wenzel-Jaksch-Kreis. Zu dessen Mitgliedern gehörten unter anderem Willy Wanka in Kanada, Harry Hochfelder und Oskar Wohlrab in London, Hans Nitsch in Wien, Kurt Werner in Wiesbaden und Toni Nitsch in Garching.
Schriftsteller und Übersetzer
Karl Kern veröffentlichte eigene Gedichte, politische Abhandlungen und Erinnerungen. Außerdem gab er die Wenzel-Jaksch-Bände „Sucher und Künder“ und „Patriot und Europäer“ heraus.
Als Literaturübersetzer wurde er einem größeren Publikum insbesondere 1977 bekannt, als der Limes Verlag unter dem Titel „Feindliche Sterne“ seine Übertragungen von Gedichten Edith Södergrans veröffentlichte.
Für seine politische, publizistische und kulturelle Arbeit erhielt Kern unter anderem die Seliger-Plakette und die Lodgmann-Plakette. 1971 wurde ihm der Europäische Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft verliehen. Außerdem erhielt er das Bundesverdienstkreuz.
Karl Kern starb am 6. September 1982 in Malmö.
Eigene Werke und Veröffentlichungen
- Der Weltschmerz in der Lyrik von Leopardi, Vigny und Leconte de Lisle, Frankfurt am Main 1962, 230 Seiten; Dissertation Würzburg.
- Liebe, Leben, Welt. Gedichte, München: Die Brücke, 1967.
- Kette der Gesinnung. Drei Reden über große Sudetendeutsche, 1969.
- „Halbheiten und Widersprüche. Die Sozialdemokraten in der Ersten ČSR und Josef Seliger“, München: Ackermann-Gemeinde, 1971.
- Menschen im Exil. Geschichte der sudetendeutschen Emigration, 1974.
- Heimat und Exil – von Böhmen nach Schweden. Erinnerungen und Bekenntnisse eines sudetendeutschen Sozialdemokraten, Nürnberg.
- Verraten von Ost und West. Mit Wurzeln in Böhmen – von Prag nach Malmö. Eine Flüchtlingsgeschichte, Viken: Hermitpress, 1987, ISBN 91-7286-053-7.