seliger-online 24.6.2025

Veröffentlicht am 29.06.2025 in Allgemein

Eine neue Heimat in Bayern und der SPD

Oder: die sudetendeutschen Sozialdemokraten nach Vertreibung und Aussiedlung in Bayern

Vor 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg, was gleichbedeutend war mit der Befreiung von der menschenverachtenden Tyrannei der Nationalsozialisten. Die Gewalt der Kriege findet oft aber kein Ende mit dem Friedensschluss. Deutsche Minderheiten in Ostmitteleuropa waren so betroffen von Gewalttaten, Vertreibungen und Aussiedlungen. Dies gilt auch für die sudetendeutschen Sozialdemokraten, wobei diese stets zu den entschiedensten Gegnern der Nationalsozialisten gehört hatten. Im Zuge von Vertreibung und Aussiedlung gelangten sie in der Mehrheit nach Bayern. Und hier packten sie an. Sie taten das Beste, um die Not zu lindern und sie machten wieder Politik. 1951 entstand die Seliger-Gemeinde als Nachfolgeorganisation der sudetendeutschen Sozialdemokratie. Zur politischen Heimat wurde die bayerische SPD.

Wie gelangen Aufnahme und Teilhabe in der bayerischen Sozialdemokratie? War die Integration der sudetendeutschen Sozialdemokraten eine Erfolgsgeschichte? Wie veränderte sich die bayerische SPD durch den Zuzug neuer Mitglieder? Diese Fragen diskutierte die Seliger-Gemeinde mit dem Historiker Dr. Bastian Vergnon. Moderiert wurde das Gespräch von Christa Naaß, Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde.

Christa Naaß stellte zu Beginn der Veranstaltung Dr. Bastian Vergnon, langjähriges Mitglied der Seliger-Gemeinde, kurz vor. Der Referent studierte an der Universität Regensburg Geschichte und Politikwissenschaft. Nach einer kurzzeitigen Tätigkeit am Institut für Zeitgeschichte und im bayerischen Landtag war er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Regensburg beschäftigt. Mit seiner Dissertation „Die bayerische SPD und die sudetendeutschen Sozialdemokraten 1945 bis 1978“, die er 2017 erfolgreich abschloss, untersuchte er die Beziehungen zwischen den sudetendeutschen Sozialdemokraten, die sich nach ihrer Vertreibung aus der Tschechoslowakei in Bayern ansiedelten. Derzeit ist Vergnon im Hauptberuf Projektleiter für die Themen Digitalisierung, Innovation, Gründung und Smart City. Daneben leitet er auf Honorarbasis Seminare in der Kommunalpolitik.

„Basierend auf umfangreichen Archivrecherchen und Zeitzeugeninterviews zeigt die Studie die Verankerung dieser Vertriebenen-Gruppe in der Bayern-SPD“, so Bastian Vergnon zu seiner Arbeit, die er in einer PowerPoint-Präsentation vorstellte. „Eine enge Bindung bot für die SPD ein großes Wählerpotential, da die Sudetendeutschen sich mit Bayern in einem Gebiet niederließen, in dem die Partei schwach war“, stellte Vergnon eingangs dar. Hinzu kamen enge Verbindungen aus der Kooperation im sozialdemokratischen Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime, der von 1933 bis 1938 für Bayern maßgeblich aus der Tschechoslowakei und deren Sudetengebieten unterstützt wurde.

Die Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei stellten ab 1946 mit fast einer Million Einwohner circa 10% der Bevölkerung. „Die Sudetendeutschen beeinflussten in Bayern die SPD jedoch nicht nur passiv als Wähler, sondern auch aktiv als Mitglieder und Funktionäre. Sie waren in allen Gliederungen der bayerischen Partei vertreten und brachten es in führende Positionen, darunter mit Volkmar Gabert zum Vorsitzenden der Landtagsfraktion und der Landespartei“, so Vergnon weiter. Bereits von 1947 bis 1950 stellten sie mit Richard Reitzner den stellvertretenden Parteivorsitzenden, einen Posten, den mit Peter Glotz von 1972 bis 1977 erneut ein Sudetendeutscher besetzte. Auch innerhalb der regionalen Parteiorganisation nahmen sudetendeutsche Vertriebene zahlreiche Aufgaben wahr:

„Gerade die Verbindungen und Gründungsgeschichten viele Ortsvereine in der Region Ostbayern seien bisher nur schwach dokumentiert, obwohl viele Mandatsträger in der Nachkriegszeit aus der Gruppe der Sudetendeutschen Sozialdemokraten hervorgingen“, so Vergnon. Der Referent stellte auch den Einschnitt dar, den die SPD durch den Wegzug vieler Vertriebener in andere, arbeitsplatzreichere Gegenden erfuhr. Lange konnten die Gruppen aufgrund von gesellschaftlichen Unternehmungen aufrechterhalten werden, die fehlende politische Arbeit und das alleinige Verweilen in der Vergangenheit führten letztendlich zur Auflösung.

Eine enge Bindung zu den sudetendeutschen Sozialdemokraten bot für die SPD in Bayern ein großes Wählerpotential, da die Sudetendeutschen sich in einem Gebiet niederließen, in dem die Partei schwach war. Die Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei stellten ab 1946 mit fast einer Million Einwohner circa 10% der Bevölkerung. Die Sudetendeutschen Sozialdemokraten beeinflussten in Bayern die SPD jedoch nicht nur passiv als Wähler, sondern auch aktiv als Mitglieder und Funktionäre. Sie waren in allen Gliederungen der bayerischen Partei vertreten und brachten es in führende Positionen, darunter mit Volkmar Gabert zum Vorsitzenden der Landtagsfraktion und der Landespartei. Bereits von 1947 bis 1950 stellten sie mit Richard Reitzner den stellvertretenden Parteivorsitzenden, einen Posten, den mit Peter Glotz von 1972 bis 1977 erneut ein Sudetendeutscher besetzte.

Auch innerhalb der Parteiorganisation nahmen sudetendeutsche Vertriebene zahlreiche Aufgaben wahr. Hinzu kamen enge Verbindungen aus der Kooperation im sozialdemokratischen Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime, der von 1933 bis 1938 für Bayern maßgeblich aus der Tschechoslowakei und deren Sudetengebieten unterstützt wurde.

Diese lange und von verschiedenen Entwicklungen gekennzeichnete Verbindung wurde unter dem Aspekt erforscht, welche Rolle die sozialdemokratischen Sudetendeutschen für die bayerische SPD spielten. Untersucht wurde, mit welchen Mitteln die Partei versuchte, diese geschlossenen, soziokulturellen Gruppen für sich zu gewinnen, welche Bedeutung solche Gruppen innerhalb der SPD spielten und wie sie das Bild der Partei nach außen prägten. Um die Leitfragen zusätzlich an konkrete Beispiele zu koppeln, wurde die Arbeit auch die Lebenswege ausgewählter Familien sudetendeutscher Sozialdemokraten analysiert.

In der anschließenden Diskussion fragte u.a. Uli Miksch, ob es eine vergleichbare koordinierte Hilfe für die Vertriebenen in Bayern gab, wie den sogenannten „Hessenplan“. Vergnon verneinte dies und verwies auf die Flüchtlingssonderverwaltung in Bayern, „die zumindest das unmittelbare Elend verwaltete“. In Bayern hätte man mehr auf die konzentrierte Ansiedlung einzelner Berufsgruppen in Flüchtlingssiedlungen wie Bubenreuth oder Neugablonz gesetzt.

Bundesvorsitzende Helena Päßler wollte wissen, ob der Referent in seiner Arbeit den „Schlüssel zur Integration“ gefunden habe? Dieser räumte erneut mit der Legende der Super-Integration der Vertriebenen auf und erklärte, dass die Jüngeren sich schneller integrierten als die Älteren, die viel tiefer mit der alten Heimat verwurzelt waren. Integration durch Arbeit, sei der Schlüssel zum Erfolg gewesen, so Vergnon.

Abschließend wurde noch die Leidenschaft des Autors zur Alternative History angesprochen. Dies interessiere ihn seit seiner Schulzeit und seit April 2020 pflegt er diese als Autor und Betreiber des Ankerpunkte Blog auf Social Media. (https://ankerpunkte-blog.de).

Die Dissertation von Dr. Bastian Vergnon erschien im Peter Lang GmbH, Internationaler Verlag der Wissenschaften und ist heute im Buchhandel erhältlich.

 

Diese seliger-online-Veranstaltung wird als Video auf unserem YOUTUBE-Kanal zur Verfügung gestellt. Auch die anschließende Abendschule mit Thomas Oellermann über sudetendeutsche Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die halfen, die bayerische Arbeiterwohlfahrt mitaufzubauen, kann jederzeit als Podcast nachgehört werden.

 

Die seliger-online-Veranstaltungen finden mit großzügiger Unterstützung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages statt.

 

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