Frühjahrsseminar 2025

Veröffentlicht am 11.05.2025 in Allgemein

Ulrich Miksch (li.) mit der Referentin Sally Bywater (2.v.re.), ihrem Ehemann Edward (re.) und ihrem Halbbruder Chris Ullmann

 

Familie in großer Geschichte

Sally Bywater, die Enkelin von Alois Ullmann im Gespräch mit Ulrich Miksch

Als besonderen Gast konnte Thomas Oellerman beim Frühjahrsseminar 2025 der Seliger-Gemeinde Sally Bywater, pensionierte Lehrerin aus London und die Enkelin des sudetendeutschen Sozialdemokraten Alois Ullmann begrüßen. Moderator Ulrich Miksch sprach mit ihr über das politische Erbe ihrer Familie, Exil, Widerstand und Erinnerung. Gemeinsam mit ihrem Mann Edward und ihrem Halbbruder Chris Ullmann stellte sie ihre Familiengeschichte dar und war Gast beim diesjährigen Frühjahrsseminar.

Sally Bywater wusste lange Zeit kaum etwas über ihren Großvater Alois Ullmann. So musste die heute 71-Jährige in den vergangenen Jahren alles mühselig rekonstruiert. Ihre Reise führte sie bis nach Dachau, wo ihr Großvater nach dem Krieg in den ehemaligen Offiziersquartieren lebte, sowie nach Prag, wo sie in Archiven weitere Mosaiksteine seiner Geschichte fand.

Spurensuche führte zur Seliger-Gemeinde

Ihre Recherche führte sie natürlich auch zur Seliger-Gemeinde und zu unserem Historiker Thomas Oellermann. Dieser nutzte die Gelegenheit eines weiteren Besuches in Prag, Sally und ihren Halbbruder Chris Ullmann zum Frühjahrsseminar 2025 einzuladen und im Rahmen unserer Reihe „Familie in großer Geschichte“ über das Leben ihres Großvaters zu erzählen.

Alois Ullmann, der zeitlebens für seine Überzeugungen kämpfte: zuerst für die Demokratie in der ersten Tschechoslowakischen Republik, dann gegen den Nationalsozialismus – und nach dem Krieg für die Integration sudetendeutscher Sozialdemokraten in Westdeutschland. Heute sei der Name Alois Ullmann selbst in Fachkreisen kaum noch bekannt. Und doch stehe seine Biografie beispielhaft für die Brüche, Katastrophen und Hoffnungen Mitteleuropas im 20. Jahrhundert, so Thomas Oellermann in seiner Einleitung.

Für die Familie Bywater/Ullmann ist es ein zentrales Anliegen, das Erbe ihres Großvaters an die nächsten Generationen weiterzugeben. Ihre beiden Töchter interessieren sich ebenso für die Familiengeschichte wie ihre Enkel. Sie wolle, sagt Bywater, dass ihre Kinder und Enkel wissen, woher sie kommen – und dass die Geschichte dokumentiert wird. Die Recherche, das Erzählen, das Teilen – all das versteht sie inzwischen nicht nur als persönliche Spurensuche, sondern auch als Beitrag zu einer grenzüberschreitenden Erinnerungskultur. Was früher in ihrer Familie kaum thematisiert wurde, wird heute aufbewahrt, weitergegeben – und mit Stolz erzählt. „Ich denke, es ist wichtig, vor allem wenn man bedenkt, was im Moment in der britischen Politik passiert, dass wir uns daran erinnern, dass wir Teil Europas sind, nicht nur eine isolierte kleine Insel“, meint Sally Bywater nachdem sie in einer kurzen Powerpoint-Präsentation die Ergebnisse ihrer Spurensuche dargestellt hatte.

Im Gespräch mit dem Journalisten Ulrich Miksch erfuhren die Zuhörerinnen und Zuhörer, dass ihre Nachforschungen nicht nur historische Fakten, sondern auch offene Wunden offenbarten: antideutsche Anfeindungen am Haus der Großmutter in England, das Schweigen des Vaters, das schwierige Verhältnis zur Vergangenheit und das eine oder andere Familiengeheimnis. Doch Sally ist überzeugt: Seine Geschichte darf nicht in Vergessenheit geraten.

Geschichte der Familie an die nächsten Generationen weitergeben

„Die englische Familie wusste nur wenig über ihn – und über den deutschen Teil der Familie“ sagt Sally Bywater beim Gespräch über ihren Großvater. Bekannt war nur, dass er aus dem Sudetenland stammte und während des Zweiten Weltkriegs im Konzentrationslager Dachau inhaftiert war. Als Sally Bywater, geboren 1953, im Großbritannien der Nachkriegszeit aufwuchs, wurde in der Familie kaum über die sudetendeutsche Herkunft gesprochen. Sallys Vater Lou, Alois Ullmanns jüngster Sohn, verließ die Familie, als sie erst acht Jahre alt war. Erst viel später begann sie, sich intensiver mit ihrer Familiengeschichte auseinanderzusetzen.

Den Anstoß gaben zwei Ereignisse: Zum einen der Brexit, der in ihrer Familie als tiefer Einschnitt erlebt wurde. „Meine Familie war am Boden zerstört. Sie sagten: Du musst etwas tun. Und ich dachte: Wenigstens kann ich beginnen, meine europäische Geschichte zu verstehen.“ Den zweiten Anstoß gab ein DNA-Test, der ihre Herkunft zu 42 Prozent in Mittelengland und zu 24 Prozent in der Gegend um Karlsbad (Karlovy Vary) verortet. Und so begann die spannende Suche nach der Familiengeschichte.

Als Leiter der Republikanischen Wehr warnte Ullmann früh vor dem aufkommenden Nationalsozialismus. Nach dem Münchner Abkommen im Herbst 1938 und der Annexion des Sudetenlandes durch das Dritte Reich geriet er ins Visier des NS-Regimes. Im Oktober 1938 floh er nach Großbritannien, seine Frau Emma folgte mit dem jüngsten Sohn Alois „Lou“ im Dezember.

Neue Erkenntnisse zum Leben von Alois Ullmann

Die Seminarteilnehmer erfuhren in diesem Zusammenhang viele bisher unbekannte Details. So zeigte sich Sally überzeugt, und Chris stimmt ihr zu - dass Alois Ullmann nie beabsichtigt hatte, nach seiner Flucht mit Frau und Kind in Großbritannien zu bleiben. „Was er tat, war, seine Frau und sein jüngstes Kind in Sicherheit zu bringen. Aber dann ging er 1939 direkt nach Prag zurück“, so ihre Vermutung. Ullmann hatte drei ältere Kinder - erwachsene Kinder -, die alle noch in Prag waren. Alle drei waren verheiratet und hatten Kinder. "Wir glauben auch, dass er zurückgegangen ist, um dem Widerstand beizutreten, und uns wurde gesagt, dass es auch eine Frau gab, für die er zurückging“, so Sally weiter und sie ergänzte: „Ich glaube nicht, dass er nicht mit dem Widerstand zu tun gehabt hat. Das war ihm so wichtig - zu helfen, der Tschechoslowakei loyal zu sein und zu tun, was er konnte.“

Völlig neu war für die Zuhörerinnen und Zuhörer der weitere Teil der Familiengeschichte. Lou Ullmann, Sallys Vater, wurde britischer Staatsbürger, arbeitete im Geheimdienst an der Aufarbeitung von NS-Verbrechen und blieb Zeit seines Lebens überzeugter Sozialdemokrat. Chris Ullmann, der in den 1970ern geboren wurde, erzählte, dass es nicht angenehm war, mit dem Vater über dessen Nachkriegserfahrung zu sprechen. „Er war im britischen Geheimdienst und interviewte wahrscheinlich einige ziemlich unangenehme Menschen.“ Und Sally ergänzte: „Er musste mutmaßliche Kriegsverbrecher in Zivillagern befragen. Er war erst 20 oder 21 Jahre alt. Seine Rolle war es, zu übersetzen. Ich weiß das aus Briefen, die er an meine Mutter geschrieben hat, wo er einige Details darüber beschrieb, was diese Leute ihm erzählt hatten. In einem Brief schrieb er einfach: "Wir sind nur Tiere". Ich glaube, er konnte nicht glauben, was er hörte, und ich glaube nicht, dass er sich jemals wirklich davon erholt hat.“

Die Familie durchzog wie ein roter Faden das Thema „Verlassen werden“. Chris: „Unser Vater fühlte sich von seinem Vater verlassen, wie er in England allein mit der Mutter zurückbleiben musste. Während er die politischen Aktionen seines Vaters schätzte, war er auf persönlicher Ebene unversöhnlich. Er hat seinen Vater nicht in ein schmeichelhaftes Licht für uns gestellt." Sally, die wiederum mit acht Jahren von ihrem Vater Lou verlassen wurde, meinte dazu: „„Mein Vater verließ unsere Familie, als ich acht war, also gab es eine große Lücke. Ich denke, dass die britische Politik dabei eine Rolle gespielt hat. Obwohl ich selbst Britin bin, betrachte ich mich als Europäerin. Es gab bestimmte Ereignisse in Großbritannien, wie das Brexit-Referendum, die mir klar machten, wie viel Abstand ich hatte, um diese Seite meines Erbes zu verstehen. Es war der Anfang für mich. Wir haben uns erst getroffen, als wir schon erwachsen waren“.

Es sei eine unglaubliche Reise gewesen, um genau herauszufinden, was ihr Großvater getan hatte. „Und es ist mir wichtig, weil ich möchte, dass meine Kinder und Enkel davon erfahren. Was wir tun wollen, ist sicherzustellen, dass die Familie diese Geschichte kennt, weil es etwas ist, auf das wir stolz sind. Und wir sollten stolz sein. Er war vielleicht kein perfekter Mann oder Ehemann, aber er hat einige ziemlich erstaunliche Dinge getan und war sehr mutig und widerstandsfähig“, so Sally.

Weiter erfuhren die Teilnehmer, dass Alois Ullmann der nach der Befreiung 1945 in die Heimat zurückkehrte, im Sommer 1945 Zeuge des „Aussiger Massakers“ wurde und wohl nur davongekommen ist, weil er sich weigerte, die weiße Armbinde zu tragen. Ullmann, so die Familienüberlieferung, sagte dazu: "Das trage ich nicht", und steckte sie in seine Tasche. Sally meinte, dass dies mit ein Grund gewesen sei, warum er sich so engagierte. Danach zog er, aber auch seine beiden Brüder, seine beiden erwachsenen Töchter und ihre Familien, nach Deutschland. „Ich denke, sie haben sich vor der allgemeinen Vertreibung aller anderen auf den Weg gemacht, und ich denke, das war absichtlich. Er hat seine Familie zu diesem Zeitpunkt rausgeholt. Er wusste, dass sie nicht sicher sein würden. Er tat, was getan werden musste, um sie in Sicherheit zu bringen.“

Thomas Oellermann warf ein, dass Alois Ullmann in der Nachkriegszeit wirklich wichtig war, weil er in die Tschechoslowakei zurückkehrte. „Ich würde sagen, er war der höchste Vertreter der DSAP. Alle anderen wurden entweder ermordet oder im Exil, an Orten wie Großbritannien oder Kanada. Er könnte das ranghöchste Mitglied der ehemaligen Partei gewesen sein, das noch am Leben und zurück in Prag ist“, so Oellermann. Deshalb habe er zum Beispiel versucht, die Partei neu zu gründen. Er dachte, vielleicht können wir unsere politische Arbeit fortsetzen. Aber er erkannte bald, dass es unmöglich war, weil die tschechoslowakische Regierung bereits beschlossen hatte, die meisten Deutschen nach Westdeutschland zu verweisen. Dann änderte er seine Strategie und half bei der Umsiedlung von Sudetendeutschen Antifaschisten nach Bayern und Westdeutschland. Das hieß dann Ullmann-Aktion, und das war ein sehr bekannter Begriff damals. „Und in München ging es weiter, als alle diese Menschen im völlig zerstörten Westdeutschland ankamen“, schloss Oellermann.

Das geschichtliche Erbe Alois Ullmanns

Im Gespräch mit Ulrich Miksch ging es dann um das geschichtliche Erbe Alois Ullmanns. „Die Dinge von außen zu sehen, macht uns ziemlich einzigartig. Und ich denke, das ist wichtig. Alois wurde 1888 geboren, und ich bin sein Enkelkind, geboren 1970. Das ist fast ein Jahrhundert zwischen uns, und ich bin mir dessen sehr bewusst. Die Geschichten, die wir erzählen, sind bedeutsam. Meine Frau, die ehemalige Archäologin ist, sagt immer, dass es nicht nur um die Dinge geht, die man in der Geschichte entdeckt, sondern auch um die Geschichten, die überliefert werden. Diese Geschichten sind genauso wichtig, und sie prägen, wie wir heute die Ereignisse sehen“, erklärte Chris Ullmann dazu.

Sally sagte: „Ich glaube, dass gewöhnliche Menschen einen großen Unterschied machen können. Es ist wichtig zu verstehen, dass wir es immer noch weiter versuchen müssen, weil wir klein sind oder das Gefühl haben, dass wir nicht viel tun können. Das ist es, was ich möchte, dass meine Kinder und Enkelkinder verstehen, wenn sie erwachsen sind. Denn das tat Alois Ullmann - egal in welcher Situation er sich befand, er tat sein Bestes. Man ändert vielleicht nicht den Lauf der Geschichte, aber was er getan hat, war, den Lauf der Geschichte für viele Individuen zu ändern. Das ist das Vermächtnis für mich“.

Die Spurensuche geht weiter

Für Sally und Chris ist die Spurensuche längst nicht abgeschlossen, immer wieder kommen neue Details ans Licht. Nach dem Seminar trafen sie sich in Aussig zum ersten Mal mit Nachkommen ihres Großvaters, die bis heute in Tschechien leben. Dort erfuhren sie von bisher unbekannten Briefen, die ihre Großmutter Emma in die Tschechoslowakei geschickt hatte.

Der Kontakt zur Seliger-Gemeinde hat für beide Seiten einen enormen Gewinn gebracht und wird auch in Zukunft sicherlich noch zu vielen neuen Erkenntnisse über Alois Ullmann und seine Familie beitragen.

 

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