NIE WIEDER – das Bekenntnis der Seliger-Gemeinde zu 80 Jahre Kriegsendes. Am Abgang zum „Tal des Todes“ wo die Gedenktafel der Seliger-Gemeinde für die Sudetendeutschen Sozialdemokraten 2009 angebracht wurde, gedachten die Teilnehmer des Frühjahrsseminar den Opfern. Vor fast genau 80 Jahren, am 23.04.1945 wurde das Konzentrationslager Flossenbürg und die Überlebenden von US-amerikanischen Truppen befreit.
Es ist an uns Zeichen zu setzen
Die Erinnerung lebendig halten, aufmerksam und wachsam sein, sind unsere Aufgaben
Während der Exkursion zum Frühjahrsseminar der Seliger-Gemeinde ging es nach dem Gedenken in Tachau/Tachov weiter nach Flossenbürg. „Hier und in den Außenlagern wurden weit über 30.000 Menschen in den Jahren 1938-1945 von Nazis ermordet. Es war eine planmäßige, fabrikmäßig organisierte Vernichtung von Menschen. Und dies geschah nicht hinter verschlossenen Türen – es geschah am helllichten Tage. Jeder konnte es wissen“, so die Bundesvorsitzende Helena Päßler zu Beginn ihrer Rede.
Flossenbürg hatte etwa 80 Außenlager, viele davon im ehemaligen Sudetenland, in Welboth bei Hertine unweit von Teplitz und bei Leitmeritz, erinnerte Päßler weiter. Hier wurde Dietrich Bonhoeffer ermordet. Wilhelm Canaris, Kurt Schumacher und Josef Müller waren hier inhaftiert wie über 100.000 andere Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Journalisten, Künstler, Historiker, Wirtschaftswissenschaftler, Theologen, Juristen, Kaufleute, Politiker und auch ganz einfache Menschen.
Dann erzählte sie von ihrer Tante Ilse, die in der Munitionsfabrik Dynamit Nobel in Welboth war. Sie gehörte zu den „blauen Frauen“, wie sie genannt wurden, weil sie bei der Munitionsherstellung Gifte einatmeten. Sie überlebte. Die „blauen Frauen“, vorwiegend aus Weißrussland und Ungarn, halfen ihrem Großvater auf dem Feld, so Päßler weiter. Er gab ihnen zu essen, am gleichen Tisch in der Familie – das missfiel den Nazis. Aber die Frauen „schützten“ die Familie ihrer Mutter später vor den Russen. In Leitmeritz, im Stollen Richard II, war ihr Onkel Emil, weil er Radio BBC hörte. Er half im Herbst 44 russischen Gefangenen bei der Flucht, wurde denunziert, musste dann an die Ostfront, und im Juni 1945 wurde er von tschechischen Revolutionsgarden auf dem Gebiet der Welbother Munitionsfabrik misshandelt und ermordet. „Solche Schicksale gab es zu 100.000en – wahrscheinlich millionenfach. Diese Menschen haben Mut bewiesen in den schlimmsten Zeiten“, stellte die Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde dar.
Zuvor hatte Prof. Jörg Skriebeleit, der Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg, die Besuchergruppe persönlich begrüßt. Er zeigte sich erfreut, dass die Seliger-Gemeinde an „ihrem“ Gedenkort dem 80. Jahrestages der Befreiung gedenke.
Bürgermeisterin Anita Berek aus Bad Alexandersbad war extra angereist, um beim Gedenkakt dabei sein zu können. „Die Tage, Wochen und Jahre vor der Befreiung 1945 waren grausam und zählten zur dunkelsten Vergangenheit Deutschlands“, so die Bürgermeisterin. Doch sie erinnerte auch daran, dass nach der Befreiung Jahre des Aufbaus folgten. In den 60er Jahren hätten Peace, Love and Rock´n Roll als Motto für die Flowerpower- und Friedensbewegung gestanden. „Es folgten Abrüstung und Grenzöffnung. Das alles ging einher mit dem Wunsch der Menschen nach Frieden, Freiheit und guter Nachbarschaft“, so Berek weiter.
Der europäische Gedanke des Zusammenwachsens habe den Beginn des 21. Jahrhunderts geprägt, doch scheine die großzügige Willkommenskultur nach dem Satz „Wir schaffen das“ inzwischen als Erinnerung immer mehr zu verblassen. Unserer heutigen Zeit, die von Fakenews, Halbwahrheiten und Falschinformationen geprägt zu sein scheine, stellte sie ein Zitat von Berthold Brecht entgegen: „Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.“
Anschließend sprach Harald Scholz, der aus der Familie des bedeutenden Sudetendeutschen Bergarbeiterführers Adolf Pohl stammt, und dessen Großvater Alfred Pohl nach dem Münchner Abkommen im Oktober 1938 ins Gefängnis nach Falkenau, dann über Eger und Nürnberg nach Bamberg und schließlich am 23.12.1938 mit der Häftlingsnummer 90775 ins KZ Dachau verbracht wurde, ein paar Worte der Erinnerung.
Abschließend teilte das Vorstandsmitglied der Seliger-Gemeinde aus Tschechien, Dr. Libor Rouček, MdEP.a.D., seine Gedanken zum Thema „80 Jahre Kriegsende“ mit den Anwesenden. Musikalisch begleitet wurde die stimmungsvolle Gedenkfeier von Peter Heidler und Herbert Schmied, die mit den Liedern „Sag nicht keinmal (jidisches Lied/instrumental), „Mein Vater wird gesucht“, „Unsterbliche Opfer“ und den all bekannten „Moorsoldaten“ den richtigen Ton trafen.