Die erste deutsch-böhmische Arbeiterzeitung
Am Anfang war das Wort….
Ein Streifzug durch die sudetendeutsche Arbeiter-Journalistik von Ernst Paul (aus: Die Brücke, Juni 1957)
Als die arbeitenden Menschen sich anschickten, politisch mündig zu werden, suchten sie nach dem Ausdruck ihrer Gefühle, Gedanken und Bestrebungen in Wort und Schrift. In dieser Zeit wurden die ersten sozialistischen Zeitungen geboren. Sie hießen: Freigeist, Volksfreund, Gleichheit, Freiheit, Zukunft, Volkswille, Volksbote, Volkswacht oder Volkspresse, Vorwärts oder Arbeiter-Zeitung. Der Name war nicht Schall und Rauch, sondern Programm.
Die ersten Schreiber und Redakteure sozialistischer Zeitungen kamen fast durchwegs direkt von Webstuhl und Schraubstock, aus der Schleiferei oder vom Setzkasten in die Redaktionsstuben. Sie waren Autodidakten mit bescheidenster Schulbildung. Die Mängel ihrer sprachlichen Ausdruckskraft wurden durch Begeisterung ersetzt. Vielen gab ihren Arbeiten eine mehr oder weniger starke poetische Ader den großen Schwung. Josef Schiller, Josef Beranek, Anton Behr, Ernst Berner, Wilhelm Kiesewetter, Heinrich Bartel, Ferdinand Hanusch, Josef Hannich, Eduard Rieger u.a. gehören in diese Reihe. Die deutschen Klassiker waren die Lehrmeister, an ihnen bildeten die Arbeiter-Journalisten ihre Sprache, und von Heinrich Heine, Ferdinand Freiligrath und Georg Herwegh übernahmen sie das hohe Pathos des Freiheitskampfes. Fast jeder Arbeiter-Journalist war, um Hans Sachs zu variieren, Schreiber und Poet dazu.
Die österreichische Arbeiterbewegung, deren festeste Bastionen in den Sudetenländern lagen, hatte Glück, in ihrem Einiger Viktor Adler nicht nur einen großen Politiker und weisen Führer zu finden, sondern auch einen bedeutenden Journalisten. Er entdeckte den aus Südmähren stammenden Handlungsgehilfen Friedrich Austerlitz und holte ihn in die Wiener „Arbeiter-Zeitung“.
Austerlitz erzog eine ganze Journalistengeneration. Er tat dies nicht allein, indem er jede Notiz seiner Mitarbeiter selbst las und feilte, sondern vor allem durch das Vorbild seiner eigenen Leistung. Wer irgendwo in der sudetendeutschen Provinz in einem Arbeiterblatt Artikel schrieb, sah im Geiste stets Austerlitz vor sich und wusste, dass er auch vor dem kritischen Blick dieses Mannes bestehen musste. So kam es, dass auch die sudetendeutschen Arbeiterblätter ein hohes Niveau aufwiesen, das jenes der „Schriftleiterpresse“ oft erheblich überstieg.
Nicht vergessen werden darf, dass in früherer Zeit dem freien Wort erhebliche bürokratisch-politische Hindernisse entgegenstanden, von denen sich der Mensch unserer Tage keine Vorstellungen machen kann. Heute wird der alte Kaiserstaat gern idealisiert, und da der Nazismus das theoretische und praktische Höchstmaß an Terror darstellt, erscheinen die Unterdrückungsmaßnahmen der Vergangenheit in einem milderen Licht. Noch 1890 musste für ein Wochenblatt eine Kaution von 4000 Gulden gestellt werden. Aber auch die österreichische Zensur war nicht von Pappe, und es genügten manchmal zwei oder drei Beschlagnahmen, um eine wirtschaftlich schwach fundierte Zeitung umzubringen. Die Redakteure standen stets mit einem Bein im Gefängnis, es gab kaum einen, der nicht zumindest einmal wegen Hochverrats angeklagt war und den eine willfährige Justiz nicht auch verurteilt hätte. Dieser Zustand zwang die Journalisten, um durch die Maschen des Gesetzes schlüpfen zu können, komplizierte Umschreibungen zu wählen. Vielfach beugte man sich auch den Umständen und unterwarf sich, um Beschlagnahmen zu vermeiden, einer inoffiziellen Vorzensur. Dies geschah noch in den Jahren vor 1914. Als ich Setzerlehrling war – in unserer Druckerei wurde der „Nordböhmische Volksbote“ gedruckt – hatte ich die Aufgabe, mit den Bürstenabzügen unserer Zeitung auf die k.u.k. Bezirkshauptmannschaft in Tetschen zu gehen und um diese dem hohen Herrn Bezirkshauptmann zu Vorzensur vorzulegen. Gar oft wütete der rote Strich des Zensors in den Spalten des Blattes, das dann mit berüchtigten weißen Stellen erscheinen musste.
Die Arbeiterblätter waren arm und ihre Redakteure mussten unter den primitivsten Verhältnissen schaffen. Ein Wochenblatt hatte nur einen bescheiden besoldeten Redakteur, bei ein-, zwei, oder dreimal wöchentlich erscheinenden Zeitungen gab es deren zwei. Vor 1914 war nirgendwo eine Hilfskraft vorhanden. Die Manuskripte wurden mit der Hand geschrieben und wir Setzer hatten oft unsere liebe Mühe, die hastig hingeworfenen Zeilen zu entziffern. Im „Nordböhmische Volksbote“, dessen Struktur ich näher studieren konnte, wirkte z.B. jahrzehntelang Josef Schweichart, ein ehemaliger Glasschleifer aus Steinschönau, als einziger Redakteur. Adolf Reitzner, Abgeordneter und Kreissekretär, schrieb auch regelmäßig, und ebenso Adolf Wondrejz, der Verwalter des Blattes. Mit ziemlicher Regelmäßigkeit sandte Eduard Rieger, Reichstagsabgeordneter für Tetschen-Land, aus Wien politische Artikel. Riegers verfließende Schrift war in der Druckerei gefürchtet, und außer einem älteren Setzer vermochte nur ich den Sinn eines Artikels einwandfrei enträtseln.
Es wäre verlockend einzelne der sudetendeutschen Redakteursgestalten, die einem im Laufe der Jahre begegneten, eingehender darzustellen. Dazu ist leider jetzt weder Zeit noch Raum. Aber es ist nicht möglich, an Josef Seliger vorüberzugehen, der in unserer Heimat auch auf journalistischem Feld, die erste Stelle einnahm. Er, der, als er zum Redakteur berufen wurde, noch viele Mängel im schriftlichen Ausdruck aufwies, war das Urbild des sudetendeutschen Autodidakten. Seliger, der sich in nächtelangem Studium bildete und vervollkommnete, führte eine scharfe Feder und besaß eine bildhafte Ausdruckskraft. Aber er war auch Erzieher, wenn auch eigenwillig und ungebärdig, und spornte seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen an. Selbst als Seliger bereits das verantwortungsvolle und arbeitsreiche Amt eines Parteivorsitzenden ausübte, gehörte seine ganze Liebe der „Teplitzer Freiheit“, dem damaligen Zentralblatt der sudetendeutschen Sozialdemokratie. Da er selbst nicht mehr viel Zeit zum Schreiben hatte, kontrollierte er zumindest das Niveau der Zeitung, die bei Josef Hofbauer in guten Händen lag. Leopold Goldschmidt, damals Lokalredakteur, berichtete aus dieser Zeit eine heitere Episode. Seliger rief ihn einmal zu sich und zeigte ihm eine gute Spitzennotiz im Züricher „Volksrecht“ als Muster, wie er schreiben solle. Goldschmidt konnte sich dazu bekennen, dass diese Notiz von ihm stamme und vor einer Woche in der „Freiheit“ erschienen sei…
1921 verlegte die sudetendeutsche Sozialdemokratie ihren Sitz nach Prag und schuf sich im „Sozialdemokrat“ ein neues Zentralorgan. Es stand bis zu dessen frühen Tod (1924) unter der politischen Leitung des begabten Karl Čermak. Chefredakteur war der ehemalige Brünner Buchdrucker Wilhelm Niesser, später teilten sich diese Funktion der verdienstvolle Historiker Dr. Emil Strauß, der Dichter-Journalist Josef Hofbauer und unser Freund Wenzel Jaksch. Eine Schar begabter Journalisten ergänzte den Mitarbeiterstab. Leider zwangen die ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse zur Konzentration unserer Arbeiterpresse und zur Umwandlung vieler Provinzzeitungen in Kopfblätter. Dies hatte zur Folge, dass manche der Redakteure dieser Zeitungen im Lokalen gefangen bleiben mussten und sich politisch nicht voll entfalten konnten.
Eine Ausnahme bildeten nur die in Troppau gedruckten Blätter und der „Volkswille“ in Karlsbad. Letzterem gab Eugen de Witte das Gesicht. „Schreiben kann der Euschen!“ war das Urteil der Egerländer. Universell gebildet, durchglüht von einem unbestechlichen Gerechtigkeitsgefühl und getragen von einer unerschütterlichen Gesinnung schrieb de Witte seine viel beachteten Leitartikel.
Journalismus erschöpft sich nicht im Darstellen und Kommentieren des politischen Tagesgeschehens. Die Kulturspalte erfreute sich in der Arbeiterpresse stets liebevoller Betreuung. Es ist an der Zeit, einige der Männer, die sich ehrenamtlich dieser Aufgabe widmeten, der Vergessenheit zu entreißen. In Karlsbad schrieb jahrzehntelang unser Freund Moritz Adler die Theater- und Musikkritiken für den „Volkswillen“. Im Zivilberuf Kaufmann, bewies dieser quicklebendige Mann, eine so achtunggebietende Kenntnis von Theater und Musik, dass seine einfühlenden Betrachtungen dem Weltpublikum der Kurstadt Anerkennung abrangen. In Teplitz-Schönau waren die Theaterkritiken Ernst Thöners und die Musikreferate Gabriels nicht nur von hohem Niveau, sondern auch zugleich erklärend und anspornend für den kunstsuchenden Arbeiter.
Anmerkung des Stiftungsvorstandes:
„Die Brücke“ setzte in der neuen Heimat in vorbildlicher Weise diese große Tradition fort. Ihre Redakteure haben es verstanden, das Problem der Vertreibung in seinen gesamtdeutschen und europäischen Zusammenhang zu sehen.
Ernst Paul regte bereits 1957 an, „das Entstehen, Wachsen und Vergehen der sudetendeutschen Arbeiterpresse chronologisch darzustellen“. Diese Aufgabe werde hoffentlich einmal, wenn die Archive Böhmens und Mährens der freien Forschung wieder zugänglich sein würden, einen jungen Historiker zu einer gründlichen Arbeit reizen, schrieb Paul in seinem Vorspann zu diesem Artikel. Nun sind die Archive mehr als 30 Jahre zugänglich und viele Zeitungen jener Zeit digitalisiert, und niemand hat sich bisher gefunden, dieses Thema wissenschaftlich zu bearbeiten. Eigentlich schade!