seliger-online 12.09.2023 - Abendschule

Veröffentlicht am 18.09.2023 in Allgemein

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Die Politik der sudetendeutschen Sozialdemokratie in Städten und Regionen

 

In der Abendschule vom 11. September 2023 sprach Dr. Thomas Oellermann zu den Grundlagen der Geschichte der DSAP

 

Vor 1914 bestimmten die bürgerlichen Eliten, die aufgrund des Wahlrechts ein ausgeprägtes stadtbürgerliches Selbstbewusstsein entwickelt hatten, die Kommunalpolitik. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs waren alle Bürgerinnen und Bürger und damit auch die Politiker mit der Zugehörigkeit zu einem anderen Staat konfrontiert. Die großdeutsche Lösung, um die es schon 1848 gegangen war, wäre auch den Sozialdemokraten lieber gewesen. Aber als kluge Realisten fügten sie sich in das neue Gemeinwesen, das sie fortan tatkräftig unterstützten. Sie mussten gute Organisatoren gewesen sein, denn bei den Kommunalwahlen 1919 erreichte die DSAP sensationelle Ergebnisse - allein im Bezirk Teplitz sind in 22 von 36 Gemeinden  Sozialdemokraten als Bürgermeister gewählt worden.

Der Beginn der tschechoslowakischen Herrschaft fiel mit der Konstituierung des neuen Staats zusammen. Eine regionale Festlegung von Landesteilen gab es nicht – erst 1928 bildeten sich böhmische, mährische und schlesische Landesämter mit Landespräsidenten und Landtagen, deren Mitglieder zu 1/3 bestimmt und zu 2/3 gewählt wurden. Die Vertreter der deutschen Parteien müssten sich den neuen Verhältnissen anpassen.

Die Neuwahlen der Stadtvertretungen fanden 1919 statt. Die deutschen Sozialdemokraten erhielten fast überall in den Arbeiterhochburgen eine deutliche Mehrheit an Stimmen und Mandaten in den Stadtvertretungen – und stellten damit den Bürgermeister, meist auch seine/n Stellvertreter. Der neue demokratische Staat bot den Sozialdemokraten nun die Möglichkeit bei der Lösung der bevorstehenden hochwichtigen kommunalen Probleme „im Interesse der von uns vertretenen Bevölkerungskreise“ maßgeblich mitzuwirken.

Bei den Parlamentswahlen 1920 konnten die Sozialdemokraten ebenfalls Erfolge erzielen. Ihre Abgeordneten betrieben Minderheitenpolitik, was gleichzusetzen ist mit Regionalpolitik für die Sudetengebiete. So forderten sie wirtschaftliche Förderung, Armutsbekämpfung und Maßnahmen gegen die akute Not der Arbeitslosen. Aber es wurde auch Protest gegen nationale Großprojekte in Prag, wie zum Beispiel den Bau des riesigen Strahov-Stadions 1925, eingelegt und gefordert auch die Städte an der Grenze zu berücksichtigen, z.B.Aussig.

Die Erfahrungen der frühen Nachkriegszeit prägten die Lokalpolitik langfristig. Ab Beginn der 1930er Jahre stieß das sozialdemokratisch geprägte politische System aber mehr und mehr an seine Grenzen.Die konservativen Parteien ordneten sich neu, die oft mehr als ein Jahrzehnt andauernde sozialdemokratischer Herrschaft bekam mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise zunehmende Probleme.

Die in Verwaltungsfragen unerfahrenen Bürgermeister machten ihre Sache gut. Binnen kurzem wurden sie zu Respektspersonen und konnten die Wahlen 1923 meist erneut gewinnen – oder als zweiter Bürgermeister mitregieren. Spätestens mit der Weltwirtschaftskrise kam die Stunde der Sozialdemokraten: Sie taten viel für den Wohnungsbau und zur Linderung der Not der Arbeitslosen und ihrer hungernden Familien. Die Arbeitslosenquote konnte oft sogar inmitten der Weltwirtschaftskrise leicht gesenkt werden. Sie arbeiteten für die Ankunft der arbeitenden Klassen in der bürgerlichen Kultur, bekämpften entschlossen die Kürzungen des Sozial- und Kulturetats.

Die Belastungen durch die Folgen der Weltwirtschaftskrise und das unsensible Wirken der tschechischen Regierung brachten viele Kommunen und damit ihre sozialdemokratischen Bürgermeister aber in große Not. Die Mehrheiten bröckelten und die konservativen Kräfte übernahmen zunehmend die Kommunen. Nach der Annexion des Sudetenlandes durch die Nazis 1938 war endgültig Schluss mit der deutschen Sozialdemokratie in der ersten Tschechoslowakischen Republik. Die verbleibenden sozialdemokratischen Bürgermeister wurden sofort seines Amtes enthoben, blieben aber ihren Grundsätzen treu. Sie mussten Demütigungen ertragen. Die Gestapo inhaftierte sie und auch Mitglieder ihrer Familien kamen ins Konzentrationslager.

Nur einige Namen: Allen voran Leopold Pölzl in Aussig, Anton Sacher in Fischern und Johann Patzelt in Teplitz und viele andere.

Auch diese Folge der Abendschule können Sie jederzeit als Podcast anhören!

Die Veranstaltung fand mit großzügiger Unterstützung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages statt.

 

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