Die Bedeutung des Arbeitersports

Veröffentlicht am 10.01.2023 in Allgemein

Der Sportplatz

Auch er lag weit draußen, wo die große Stadt aufhörte und wo die düsteren Reihen der Mietskasernen so grau und plötzlich abbrachen. Struppig und öde hatte er ausgeschaut. In der Mitte trauerte zertretene Wiese, an den Rändern starrten Schutthaufen. Regnete es, so wurde die Wildnis zum Sumpfe. Die Mütter schalten ihre Kinder dort spielen, so schmutzig kamen sie stets zurück. Faulige Luft stieg aus dem Gemülle empor. Selbst die Hunde gingen nur ungern darüber hinweg, weil sie sich an Scherben und Gerümpel wund ritzten. Am Rande ragten verlassen einige Birken als letzte armselige Reste eines ehemaligen Wäldchens.

Dann geschah etwas, das der verwilderten Flur neue, unerhörte Gestalt gab. Eine Kolonne Männer kam mit Hacken und Schaufeln und Schubkarren und trug die Wildnis ab. Erwerbslose Arbeitersportler. Die Stadtverwaltung hatte ihnen den Platz zur eigenen Verwendung überlassen. Ein mühevolles Aufräumen begann. Es waren nur zwei Dutzend Männer und junge Burschen, die da tagaus, tagein schaufelten, karrten, hämmerten, walzten, aber jeden Tag wurde ein neues Stück geglättet. Menschen, die unter Untätigkeit litten, hatten ein Feld der Gemeinschaftsarbeit gefunden.

Sommer und Herbst strichen darüber hin, der Winter legte Schnee und Eis über den werdenden Plan, aber sowie der Frühling die harte Kruste wieder lockerte, ging die Arbeit weiter, eroberte sie ein Stück Boden nach dem anderen. Allen voran der Sportwart, einer mit breiter, eigensinniger Stirn und festem, eckig auslaufendem Kinn; eine kleine Schmarre brannte an der Seite des Kinns. Obwohl er damals kaum Vierunddreissig zählte, graute an den Schläfen schon das Haar. Das, wie die Schmarre, waren Spuren des Weltkrieges, in dessen Gräben er vier Jahre gelegen hatte. Oja, er konnte mit Hacke und Schaufel umgehen. Vormittags war er der erste am Platze, abends der Letzte, der ihn verließ.

Die Sommersonne stand schon hoch, als das letzte Stück Wildnis verschwand. Die Vorstadtwiese war wiedererstanden. An ihren Rändern liefen sandige Wege. Im Schatten der Birken streckte sich ein Sporthaus. Leichtes Gitter zog um den riesigen Plan. Über dem Eingang ein Schild: Arbeitersportverein Freiheit.

Selbst auf die Mietskasernen des Stadtrandes strahlte der Sportplatz etwas von seinem Glanze und seiner Freude aus. Täglich nachmittags tummelte sich junges Volk mit Bällen, Pritschen, Fähnchen auf grünem Plan. Kinder spielten dort neben Großen: aus den Mietskasernen kamen sie, aus den Dachkammern, wo sie sich früher zu viert und fünft in enge Zimmer gebannt fühlten. Hier auf ihrem Sportplatz war Sonne, Luft, Kameradschaft. Hier stand ein Haus mit Duschen für die vom Bewegen erhitzten Körper, hier gab es Spiele aller Art, hier konnten sie ihre Mahlzeiten im freien unter Birken halten, die Kinder lagen nicht mehr auf der Straße herum, hier lebte Gemeinschaft gleichstrebender Menschen. Diesen Platz an der Sonne hatten sie sich kameradschaftlich erarbeitet, erobert. Es war ein Zuhause für viele geworden, die keins hatten, hier erwuchs den arbeitslosen Kameraden eine Aufgabe.

Der Platz wurde erweitert; unermüdlich warb der Sportwart. Bald prangten daneben zwei Tennisplätze rotsandig unter freiem Himmel. Die Männer und Frauen des Vereins konnten sich ihr Dasein sehr bald ohne ihren grünen und sandigen Plan nicht mehr denken. So vergingen die Jahre. Knaben wurden zu Männern und Mädchen wurden Frauen, die hier in Sport, Spiel und Gemeinschaft hineingewachsen waren. Ein Traum der Armen hatte sich erfüllt.

Zehn Jahre wehten so in Spiel und Freiheit über den Platz – da pflügten ihn das Schicksal wieder um. Ein Tag kam, da standen Kinder vor seinen Gittern und durften nicht hinein. Das Schild war heruntergerissen, die Fensterscheiben des Sporthauses, seine Tische und Schränke lagen in Trümmern. Haussuchung nannte sich das. Vorm Tore lümmelten Burschen in brauner Uniform, Revolver im Gürtel. Lächerlich anzuschauen auf diesem Platz friedlicher Spiele, fuchtelten sie mit dem Schiesszeug, jagten die Kinder davon: „Schert euch heim, verfluchte Marxistenbrut!“

Und kaum eine Woche später sah das langgestreckte Holzhaus mit zerschlagenen Augen ein ganz neues Spiel: Militärische Kommandos schnarrten über den Platz und junge Menschen mussten exerzieren. Laufschritt, marsch, marsch! Über Sprungschanzen hinweg! Hinwerfen! Auf – nieder, auf – nieder! Dann hielten sie irgendein Stielgeschoss in den Händen. Wo vor kurzem noch fröhliches Volk hinterm Ball drein fegte, flogen hundert imitierte Handgranaten durch die Luft, stand bewaffnete SA stumpfsinnig Wache. Dieselben jungen Sportler, deren Brüder diesen Platz der Vorstadtwildnis abgerungen hatten, wurden hier zwangsweise im Töten gedrillt.

Nicht alle waren dabei. Manche wurden vom Konzentrationslager verschluckt. Denn sie waren ja – wie man täglich im Rundfunk hören konnte – rote Untermenschen, töteten jeden Gemeinschaftsgeist, ermangelten jeden Gefühls für die Heimat und der Arbeit in der Heimat.

Aber wenn die Nächte über ihm dunkeln, dann träumt der Platz von denen, die ihn schufen, die ihm Leben gaben und ihn hegten. Dann träumt er von der Heiterkeit spielender junger Menschen, träumt von den Vätern und Müttern, die sich in seinem Birkensande lagerten, träumt von der Freiheit, die sich im Brausen jedes Frühlings ankündigt…

Auch den Sportwart – er war inzwischen sozialdemokratischer Stadtverordneter geworden – fing man. Sein Westenfutter barg verbotene Literatur. An einer Straßenecke versetzte er den zwei Braunen einige Stöße und entkam. Er heißt Karl Herkner* und dies ist die Geschichte seines Platzes.

 

aus Robert Grötzsch**: Wir suchen ein Land – Roman einer Emigration, entstanden 1936 im tschechischen Exil.

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*Der fiktive Karl Herkner dürfte dem Genossen Kurt Pittig entsprechen. Dieser war über 42 Jahre unermüdlich in den verschiedensten Organisationen der Arbeiterbewegung aktiv tätig. In der Gewerkschafts-, Genossenschafts-, Sport- und Parteibewegung hielt er in Dresden und in Freiberg führende Funktionen inne. Als Lokalredakteur und Parteisekretär in Freiberg leistete er harte Arbeit unter ungünstigen Verhältnissen. Auch in der Emigration in der Tschechoslowakei war sein Leben ein einziger Arbeitstag. Als der von der Sozialdemokratischen Flüchtlingshilfe eingesetzte Heimleiter in den Flüchtlingsheimen Schloss Zbraslav und im Hörragrund leisteten er und seine Else erfolgreiche Arbeit, die in Robert Grötzschs Roman der sozialdemokratischen Emigration "Wir suchen ein Land"einen dichterischen Niederschlag gefunden hat.

 

**Robert Grötzsch (auch Grötsch / Groetsch, 1882 Naundorf - 1946 New York), war Journalist und Schriftsteller; er war Chefredakteur bei der Dresdner Volkszeitung und musste 1933 ins Exil, zunächst ging er in die Tschechoslowakei, 1938 nach Frankreich, 1940 in die USA.

Von Robert Grötzsch stammt auch der Arbeitersport-Roman Tormann Bobby in dem Grötzsch 1938 den deutschböhmischen Arbeiterfußball beschreibt.

Wir suchen ein Land und Tormann Bobby wurden von den Nazis verboten und verbrannt.

 

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