Jahresseminar 2022

Veröffentlicht am 11.11.2022 in Allgemein

Gab einen Einblick in die Vertriebenengeschichte Koreas: Su Hyun Bea

 

"Sudetendeutsche und Koreaner – im Schicksal treffen wir uns“

Dr. Thomas Oellermann und Ulrich Miksch im Gespräch mit Su Hyun Bea - Weitere Zusammenarbeit erwünscht

Seine Großeltern lebten im heutigen Nordkorea. Sie besaßen eine Fabrik, wurden nach dem Koreakrieg enteignet, vertrieben und mussten mit zwei Koffern in Südkorea neu anfangen. In diesen beiden Sätzen sind alle Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Vertreibungsgeschichte Koreas und der Sudetendeutschen enthalten. Thomas Oellermann und Ulrich Miksch vertieften dies im Gespräch mit Su Hyun Bea. Ein Blick auf die Unterschiede: Die Vertreibung in Korea war keine ethnische, sondern eine ideologische Säuberung: Kapitalisten hatten im kommunistischen Nordkorea keinen Platz. Ein weiterer Unterschied: die Vertriebenen mussten nicht ins „Ausland“, sondern „nur“ in den Südteil ihres angestammten Heimatlandes. Die Gemeinsamkeiten: Die Vertriebenen kamen mit leeren Händen, waren aber fleißige Leute, die eine große Rolle beim Wirtschaftswunder ihres Landes spielten.

Korea ist derzeit das einzige geteilte Land der Welt. Ein vergleichbares Dokument wie die „Charta der Vertriebenen“, die als „Gründungsdokument“ bei der Entstehung der Bundesrepublik Deutschland entstand, gibt es in Korea nicht. „Die koreanischen Vertriebenen haben sich in den letzten mehr als 70 Jahren zutiefst den gleichen Werten verpflichtet gefühlt. Sie haben alle Anstrengungen unternommen, den Wohlstand und die friedliche Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel zu erreichen“, übermittelte der südkoreanische Wiedervereinigungsminister Kwon Young-se in einem Grußwort, das auch anlässlich des Tages der Heimat 2020 beim Bund der Vertriebenen verlesen wurde. Korea habe in den 1960er Jahren Bergleute und Krankenschwestern nach Deutschland geschickt, um die wirtschaftlichen Prozesse kennenzulernen. Sie haben fleißig gearbeitet, erwarben sich einen guten Ruf und waren den Deutschen willkommen, hieß es weiter. Viele von ihnen waren koreanische Vertriebene aus den Nordprovinzen, die trotz ihrer Heimatsehnsucht nach Deutschland fliegen mussten, um dort zur Zukunft Koreas beizutragen. „Ihr heldenhafter Einsatz war eine wichtige Grundlage für das moderne Korea, um sich zu einer der zehn größten Wirtschaftsmächte der Welt zu entwickeln“, so das Resumee.

In Süd-Korea gibt es eine hohe Affinität zu Böhmen und Mähren, wusste Su-Hyun Bea zu berichten. Die böhmisch-mährische Kultur sei bekannt und beliebt – allen voran Pilsner Urquell. Prag sei das Ziel vieler Hochzeitsreisen, Franz Kafka werde ins Koreanische übersetzt, böhmisches Kristallglas sei ein beliebtes Mitbringsel. Viele Koreanerinnen und Koreaner seien aber überrascht, wenn sie heute nach Böhmen kämen, ihre Vorstellungen sind zumeist von alten Fotographien geprägt. Dass die Tschechen sich ihrer Beliebtheit bewusst sind, zeigt, dass es am Prager Flughafen zwar keine deutschen, aber koreanische Straßenschilder gibt, konnte Thomas Oellermann ergänzen.

Su-Hyun Bea präsentierte anschließend den Zuhörern eine nicht repräsentative Umfrage, die er spontan auf Koreas Straßen durchgeführt hat. Von 100 Befragten antworteten ihm immerhin 20 Personen. Zum Ergebnis: 60% kennen Böhmen als Teil der Tschechischen Republik. 25% wissen, dass in Böhmen Deutsche lebten. 70% konnten das Sudetenland geographisch einordnen. Viele verbinden mit dem Sudetenland die Namen Henlein, Heydrich, die Nazis aber auch den Begriff Resistance. Mit Böhmen verbinden die Koreaner die Begriffe Alchemisten Astrologen, Prinzen und Prinzessinnen. Mit Tschechien verbinden sie Kommunisten, hässliche Häuser und den Winter. Mit Prag die Liebe, Romantik, Kunst, Kultur und Luxus. Während Böhmen und Mähren also positiv besetzt sind, ist das Sudetenland negativ besetzt. In koreanischen Schulen und Universitäten wird zwar das Münchner Abkommen thematisiert, die Geschichte der Sudetendeutschen aber nicht. „Es gibt eine gute Reputation von Deutschböhmen in Korea“, so der Referent. Im Bereich Tourismus seien die Ziele Prag, Karlsbad und Krumau, auch wenn nicht mehr so billig wie nach der Wende zu besuche. In der Wirtschaft gelte „made in Bohemia“ etwas, nicht aber „made in CZ“, Bier und Porzellan seien die Verkaufsschlager.

In Forschung und Ausbildung wäre eine umfassende Ausstellung über die Kultur und Geschichte Deutschböhmens dringend nötig, Schriftsteller und Musiker sollten bekannter gemacht werden, so die Forderungen Beas zur besseren Verständigung, die seitens der südkoreanischen Regierung und der Vertriebenenverbände gewünscht ist.

Die Kriege des 20. Jahrhunderts haben die Teilung Deutschlands und Koreas hervorgebracht. Gleichzeitig haben die ähnlichen Erfahrungen, die mit der Teilung des jeweiligen Landes bzw. Volkes verbunden waren, aber zu einem fruchtbaren Austausch geführt. Zunächst zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Südkorea bzw. den Unrechtsregime der DDR und Nordkoreas; seitdem die deutsche Teilung überwunden werden konnte, aber auch zwischen Deutschland und den beiden Ländern auf der koreanischen Halbinsel, besonders im Hinblick auf die Erfahrungen des Vereinigungsprozesses.

Ähnlich wie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Korea im Koreakrieg eine Welle massenhaften Flucht- und Vertreibungsgeschehens. Zwischen 1945 und dem Ende des Koreakrieges verloren zwei Millionen Menschen im Nordteil der koreanischen Halbinsel ihre Heimat und flohen nach Süd-­Korea und mussten sich jenseits der innerkoreanischen Grenzlinie eine neue Zukunft aufbauen.

Auch in Südkorea haben die Vertriebenen mit der durch jede Generation schwieriger werdende Bewahrung von Erinnerungen, Geschichte und Kultur zu kämpfen. Einen wichtigen Schwerpunkt bildet dabei die Unterstützung der jungen Generation. So vergibt etwa die Landsmannschaft der Provinz Süd-Hamgyeong Stipendien an Studenten und Schüler, die aus Familien ihrer Region stammen. Darüber hinaus sucht die Landsmannschaft Süd-Hamgyeong die Möglichkeit des aktiven internationalen Austauschs und der Solidarität mit anderen Vertriebenen. Dies gilt insbesondere für den Kontakt zu den Vertriebenen aus Danzig und Westpreußen, der sich jetzt erfreulicher Weise anzubahnen beginnt.

Su-Hyun Bea hat an der Koreanischen Universität und der Humboldt University Berlin studiert, ist nun Mitarbeiter des Donghwa-Instituts und Vertreter der Föderation der Nordprovinzen Koreas. Er ist Verbindungsmann zu den deutschen Vertriebenenverbänden und suchte den Kontakt zur Seliger-Gemeinde. „Es war für mich eine großartige Gelegenheit, drei Tage lang über die Geschichte, Kultur und Traditionen der Sudetendeutschen Sozialdemokraten zu lernen und die Teilung der koreanischen Halbinsel und die Rolle Koreas in der internationalen Gesellschaft als liberales, demokratisches und pro-westliches Land darzustellen“, so Su-Hyun Bea.

 

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