Spurensuche im Böhmerwald 2021

Veröffentlicht am 14.10.2021 in Allgemein

Bild und Text: Rainer Pasta

Spurensuche im Freilichtmuseum Finsterau-Mauth: Die Exkursionsgruppe der Seliger-Gemeinde Regionalgruppe Niederbayern/Oberpfalz besuchte mit ihrer Vorsitzenden, Staatssekretärin Rita Hagl-Kehl, MdB, die Heimatstube Außergefild und ließ sich von Museumsführer Franz Haller in die Ausstellung einweisen.

Erinnern an Außergefild

Seliger-Gemeinde besucht die Heimatstube im Freilichtmuseum Finsterau-Mauth

Hatte die Seliger-Gemeinde Regionalgruppe Niederbayern/Oberpfalz bei ihrer ersten Spurensuche 2019 die Heimatstube der Winterberger in Freyung besucht, so war die erste Station bei der Exkursion 2021 die Heimatstube Außergefild im Freilichtmuseum Finsterau/Mauth. Das war für Staatssekretärin Rita Hagl-Kehl ein besonderer Blick zurück, da Museumsführer Franz Haller einer ihrer früheren Lehrer war. Nach einem kurzen Rundgang durch das Museumsdorf und einer Brotzeit in der Tafernwirtschaft Ehm machte sich die Gruppe daran, in der Heimatstube Hinweise auf die Arbeiterbewegung in der „roten Insel im Böhmerwald“ zu suchen.

Um die Erinnerung an die alte Heimat im Böhmerwald wach zu halten, gründeten im Jahre 1978 die Gemeinde Mauth und ehemalige Bewohner von Außergefild eine Patenschaft für diese Pfarrgemeinde, aus der nach dem Zweiten Weltkrieg die deutschsprachigen Bewohner vertrieben worden sind. In Zusammenarbeit mit dem Freilichtmuseum Finsterau entstand eine Sonderausstellung, die auf gemeinsamen Erinnerungen beruht. Es wurde eine kleine Sammlung an Hausrat, Geräten und Photographien zusammengetragen.

Außergefild/Kvilda war und ist umgeben von weitläufigen Wirtschaftswäldern. Das reich zur Verfügung stehende Holz bot immer Arbeit und Auskommen. So benötigten etwa die umliegenden Glasfabriken Holz als Rohstoff und Brennmaterial. Wer nicht Holzhauer wurde, der ging in einen holzverarbeitenden Betrieb wie die Papierfabrik Franzensthal oder die Holzwerke Strunz. Die Holzwirtschaft brachte aber auch den Fuhrunternehmen gute Einkünfte, die das geschlagene Holz mit ihren Pferde- oder Ochsengespannen an die Abnehmer lieferten. Es ist also nicht verwunderlich, das die nur wenige Kilometer hinter der Grenze liegende Siedlung Hunderte Arbeiter beschäftigte, die sich bald organisierten und, wie die Seliger-Gemeinde-Exkursion bereits 2019 erfuhr, eine starke Ortsgruppe der Sudetendeutschen Sozialdemokratie, der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) hervorbrachte. Die Infotafeln, Bilder und Dokumente der Ausstellung erlaubten einen besonderen Blick auf die Holzwerke Strunz und die Hinterglasmalerei in der Region. Zwei Aspekte, die bisher nicht im Fokus der Spurensuche lagen.

Resonanzholz aus den Hochlagen des Böhmerwaldes

Das Sägewerk von Peter Strunz, in dem Resonanzholz verarbeitet wurde, beschäftigte bis zu 150 Mitarbeiter. Es wurde 1820 gegründet und 1912 ausgebaut. Neben dem üblichen Bau- und Schnittholz lieferte das Sägewerk Strunz vor allem Resonanz- und Klaviaturholz, Deckenholz für alle Streich- und Zupfinstrumente. Dabei wurden 6.000 bis 8.000 Festmeter Rohholz pro Jahr verarbeitet.

Der weltweite Vertrieb von Resonanzholz, u.a. an weltbekannte Klavierbauer wie Steinway (Hamburg, New York), Bechstein (Berlin, Wien) oder Petroff (Pilsen) brachte dem Unternehmen zahlreiche Auszeichnungen, u.a. 1890 den Staatspreis Wien, ein. Neben den Arbeitern im Werk selbst beschäftigte Strunz durch die Vergabe von Heimarbeit die umliegende Bevölkerung. In den winterlichen Bauernstuben entstanden landwirtschaftliche Geräte, Haushaltswaren, Holzschuhe, Schindeln, Holzdraht oder Reiseandenken für die aufkommende Tourismusbranche.   

Der Sohn des Gründers, Josef Strunz, war für den Bau der Eisenbahn von Strakonice nach Vimperk 1893 und von Vimperk nach Volar 1899 mit verantwortlich. Er förderte den Neubau der Schule in Kvilda, indem er dem Dorf 1874 entsprechendes Bauholz überließ.

Im Zusammenhang mit der Borkenkäferplage in den 1870er Jahren sind weitere Sägewerke entstanden. Die Firma Strunz siedelte sich nach der Vertreibung 1946 im niederbayerischen Pocking an und existiert bis heute.

Nach den Glashütten kam die Hinterglasmalerei

Drei Glashütten wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Kvilda errichtet und sind nach und nach wieder verschwunden. An die Glasproduktion knüpfte die Herstellung von Hinterglasmalereien an. Ebenfalls Anfang des 19. Jahrhunderts gründete Johann Verderber eine Manufaktur für Hinterglasmalerei in Außergefild. Sie produzierte insbesondere Hinterglasbilder mit religiösen Motiven. Die Hinterglasmalereibildungstradition geht in diesem Fall sicher bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zurück, als sich hier die Maler Johann Kašpar aus Kreuzberg und die Brüder Johann und Bernard Peterhansel von Raimundsreuth ansiedelten. Der älteste erhaltene Nachweis über Glasmalerei ist ein Bankverwaltungsbericht vom 7. 9. 1798, der über das Zollamt in Kvilda berichtet, wo man die heiligen Bilder, die nach Österreich fuhren, verzollte.

Michael Verderber war ein 1766 geborener Hausierer der sich im Dorf Außergefild (Kvilda). Er erlernte die Hinterglasmalerei und verkaufte Hinterglasbilder mit religiösen Motiven. Sein Sohn Johann, geb. 1793, übernahm die Werkstatt und führte Produktion und Handel im großen Stil fort. Er beschäftigte in seiner Werkstatt zehn bis fünfzehn Leute. Es gab Risszeichner, Farbenreiber, Malergesellen, Rahmenmacher und Spanschneider. Die Werkstatt war sehr professionell eingerichtet und die Arbeitseinteilung war rationell. Im Eingangsbereich wurden die Rohtafeln aus- und die fertigen Bilder eingepackt. Danach kamen die Rahmenmacher und dann die einzelnen Künstler, welche auf bestimmte Bildteile spezialisiert waren und so nacheinander das Bild vervollständigten. Auch der Verkauf der Hinterglasbilder war gut organisiert. Die Hinterglasbilder wurden in Kisten in die Länder der Donaumonarchie und nach Deutschland versandt. Ein Teil wurde an den Jahresmärkten oder Festen verkauft, der Rest wurde durch Hausierer im Krainer Gebiet, in Außergefild und der Gegend von Stachau und Kaltenbach abgesetzt. Johann Verderber starb 1871und sein Sohn Franz, geb.1837, führte das Geschäft weiter. „Gefilder Bildmaler“ wurde zu einem Begriff und einer Qualitätsgarantie. Die ursprüngliche Werkstattkapazität reichte für den Herstellungsumfang nicht mehr und deswegen kaufte Johann im Jahre 1842 das Haus Nummer 14, wo er im ersten Stock die Werkstatt und im Erdgeschoss eine berühmte Gaststätte betrieb. An diesem Ort gegenüber der Kirche St. Stephan befindet sich heute das Informationszentrum des Nationalparks. In der Zeit der größten Blüte der Firma wurden jährlich dreißig- bis vierzigtausend Bilder hergestellt. Im Jahr 1881 zerstörte ein Brand den Betrieb und die Hinterglasmalerei wurde eingestellt.

Das Leben in Kvilda hat sich stark gewandelt. Eine Schule gibt es seit 1994 nicht mehr. Ein Gottesdienst findet in der Kirche St. Stephan nur ein- bis zweimal im Monat statt. Heute lebt Kvilda vom Tourismus. Vor allem für Radfahrer und Wintersportler bieten die Fahrradwege, Skilifte und Langlaufloipen abwechslungsreiche Freizeit. Es wird geschätzt, dass jährlich an die 750.000 bis 900.000 Menschen Kvilda besuchen. Wenn man bedenkt, dass nur 175 Leute hier ihren ständigen Wohnsitz haben, ist diese Besucherzahl enorm groß – und hat im Ort ihre Spuren hinterlassen.

 

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