Projekt "Spurensuche" - Vimperk/Winterberg 2019

Veröffentlicht am 06.04.2019 in Regionalgruppe Niederbayern-Oberpfalz

Miroslav Knotek (3.v.re.) informierte die Besucher über den Standort der Mikwe im Garten der Synagoge. Das Tauchbad, gespeißt von fließendem Wasser, diente der rituellen Reinigung. Mit dabei SG-Niederbayern-Vorsitzende Rita Hagl-Kehl (re.), Lokalhistoriker Roman Hajnik (2.v.re.), Walter Annuß (Mitte), Erwin Hadwiger (3.v.li.), Horst Lausmann (2.v.li.) und Martina Herbinger (li.)

 

Der Naziterror traf nicht nur die Sozialdemokraten

Winterberger Juden flüchteten 1938 vor den Nazis - Spurensuche führte zur Synagoge und zum jüdischen Friedhof in Čkyně/Kieselhof 

Wer sich mit der sudetendeutschen Geschichte Winterbergs befasst und vor allem das Schicksalsjahr 1938 betrachtet, wird unweigerlich auch mit der Geschichte der jüdischen Bevölkerung konfrontiert. In Südböhmen gab es jahrhundertelang zahlreiche jüdische Gemeinden, die während des zweiten Weltkriegs der nationalsozialistischen Verfolgung ausgesetzt waren, so auch in Winterberg/Vimperk.

Die ersten urkundlichen Hinweise auf jüdisches Leben in der Region um Winterberg stammen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Die Juden waren hier „ohne kaiserlichen Konsens“ sesshaft gemacht worden und standen unter Schutz der Grundherrschaft, die dafür Schutzgeld verlangte.

Zentrum des jüdischen Lebens war seit Jahrhunderten Prag, wo der Sitz des Oberrabbiners war. Die Prager jüdische Gemeinde war die größte in Böhmen und deshalb wurde sie durch eine eigene Verwaltung organisiert. Als Folge mehrerer Pogrome und Vertreibungen von Juden gab es jedoch auch eine ländliche jüdische Besiedlung, in Südböhmen in fast allen größeren Gemeinden.

Die Anfänge jüdischen Lebens in der Region um Kieselhof/Čkyně reichen bis ins 16.Jahrhundert zurück, als der Ort zentraler Handelsplatz für die ländliche Umgebung (Winterberg/Vimperk, Außergfild/Kvilda, Huschit/Šumavské Hoštice, …) war. Am Ende des zerstörerischen Dreißigjährigen Krieges lebte nur noch eine einzige jüdische Familie in Kieselhof. Erst im Laufe des folgenden Jahrhunderts wuchs die Zahl der jüdischen Bewohner an; sie lebten vor allem vom Handel mit Wolle, Leinen und Federn.

Ab etwa 1800 war Kieselhof  das Zentrum der jüdischer Ansiedlung und Sitz der israelitischen Gemeinde für das Umland. Ihren Höchststand erreichte die Gemeinde in den 1840er Jahren, als die Zahl ihrer Angehörigen mehr als 200 Personen betrug.

Nachdem nach 1850/1860 zahlreiche Juden aus Kieselhof/Čkyně abgewandert bzw. verstorben waren, wurde 1897 der Sitz der jüdischen Gemeinde nach Winterberg verlegt. Damit hatte die mehr als zwei Jahrhundert bestehende jüdische Gemeinde Kieselhof/Čkyně aufgehört zu bestehen.

Im Herbst 1914 trafen in Winterberg die ersten, zumeist jüdischen Kriegsflüchtlinge aus Polen, Galizien und der Bukowina ein; ihre Unterbringung erfolgte z.T. in den Steinbrenerschen Fabrikgebäuden. Im Bereich der gesamten Winterberger Kultusgemeinde summierte sich somit die Zahl der geflüchteten Juden auf ca. 400 Familien, davon allein im Kernort ca. 50 Familien mit rund 300 Angehörigen.

Die Winterberger Synagoge aus dem Jahre 1926 wurde in der Pogromnacht vom 10. November 1938 von den dortigen Nationalsozialisten verbrannt und ihr Mobiliar vernichtet. Später wurde das Gebäude abgerissen.

Nach der Angliederung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich im Herbst 1938 verließen die meisten Juden die Stadt und zogen in die „Rest-Tschechei“, so auch nach Kieselhof/Čkyně; dort fielen sie aber auch bald in die Hände der NS-Okkupanten. Wem nicht rechtzeitig die Emigration gelang, der wurde deportiert und endete in den Vernichtungslagern.

Nur ein paar Beispiele:

Berthold Eisner (geb. 1874) war von 1931 bis zur NS-Okkupation Vorsteher der Winterberger Jüdischen Kultusgemeinde. Er floh schließlich mit seiner Frau Franziska nach Budweis/České Budějovice, der NS-Raserei entkamen sie trotzdem nicht. Beide starben 1941 im Ghetto Lodz (Polen). Ihr Sohn Arthur wurde Mitglied der tschechoslowakischen Panzerbrigade in Großbritannien, mit der er in seine Heimat zurückkehrte.

An einer Wand im großen Saal der Synagoge in Kieselhof/Čkyně sind die Namen der 14 ermordeten Juden aus Kieselhof/Čkyně mit ihren Geburts- und Sterbedaten niedergeschrieben. Darunter Karel Fantes (geb. 4. Mai 1902) aus Winterberg der 1938 zu seiner Mutter floh. Auch Isidor Schwager aus Winterberg der 1938 nach Kieselhof/Čkyně zu seinen zu seinen Söhnen Rudolf und Frantisek floh, in der Hoffnung, dass er hier nur 8 km von Winterberg entfernt in Sicherheit sei. Beide wurden 1943 mit ihren Angehörigen in Auschwitz ermordet

Aufgefallen ist auch der Grabstein des Erich Zdekauer im Friedhof in Kieselhof/Čkyně. Geboren am 26. November 1910 in Winterberg/Vimperk arbeitete er als Beamter in Prag. 1939 beantragte er vergeblich ein Visum nach Brasilien. Er wurde am 20. Februar 1942 in Mauthausen ermordet.

Nachdem die Synagoge in Winterberg nicht mehr existiert führte unsere Spurensuche ins 8 Kilometer entfernte Kieselhof/Čkyně.

 

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