III. Bundesturnfest vom 4. - 6. Juli 1936 in Komotau

Lichtblick in trostloser Zeit – Kraftquell im Kampfe um die Zukunft

Die Arbeitersportler in Böhmen haben wirklich große Sportfeste durchgeführt. Zu ihnen gehörten vor allem die sogenannten Bundesturnfeste des ATUS – 1924 in Karlsbad, 1930 in Aussig und 1936 in Komutau. Das waren Massenveranstaltungen mit mehreren Zehntausend Teilnehmern, darunter tausende Turner und Sportler, die in etlichen Sportarten antraten. Das Programm lief immer über eine ganze Woche. Dahinter stand natürlich immer der Versuch, bürgerlichen Sportfesten etwas entgegenzusetzen. Genau das gleiche Prinzip herrschte vor bei den sogenannten Arbeiterolympiaden.

Nach sechs Jahren Krise, nach den politischen Umwälzungen in Deutschland und Österreich, nach dem Sieg der Reaktionäre in den deutschen Randgebieten, im Zeichen einer unerhörten Not, die von den Herrschenden im deutschen Gebiete terroristisch genutzt wird, trotz der Verluste bei den letzten Wahlen wagen es die Arbeitersportler 1936 erneut, so Senator Heinrich Müller in seinem Grußwort und er zeigt sich überzeugt: „Es wird gelingen“.

„Mitten im heißen Ringen zwischen den Mächten der Vergangenheit und der Zukunft, mitten in der Rüstung des sozialistischen Proletariats zu neuen und schweren Kämpfen mit dem faschistischen Feind bereitet der ATUS sein Bundesfest vor“, beschrieb Ludwig Czech als Minister und Vorsitzender der DSAP die Situation in der Ersten Tschechoslowakischen Republik 1936. Czech weiter: „Pochenden Herzens blicken wir ihm entgegen in freudiger Erwartung der Stunde der Erhebung und seelischen Stärkung“.

Tausende und aber Tausende Turner und Turnerinnen, Sportler und Sportlerinnen marschieren an diesen Tagen im Juli 1936 auf, um die unüberwindliche Kraft der sozialistischen Arbeiterbewegung, ihre organisatorische Leistungsfähigkeit und ihre Kampfbereitschaft zu dokumentieren. Auch mit dabei: Olga Stohwasser (später verh. Sippl) aus Altrohlau. Beim Neunkampf der Turnerinnen (7 Geräteübungen, 3 leichtathletische Übungen) in der Gruppe 14-16 Jahre auf Platz 4 mit 284,10 Punkten. Die Teilnahme der tschechischen Genossen und der Gäste aus dem Ausland, beweisen die internationale Bedeutung dieser Veranstaltung. Den Deutschen und Österreichischen Genossinnen und Genossen ist die Teilnahme bereits unmöglich.

Komotau spielte schon in den Anfängen der sozialistischen Arbeiterbewegung eine Rolle. Frühzeitig begannen hier einige mutige Genossen die Idee des Sozialismus zu verbreiten und ihre Organisation auszubauen. In Komotau sind alle Organisationszweige der proletarischen Bewegung vorhanden, so dass die Arbeiterbewegung 1936 über eine große Anzahl von Anhängern verfügt, die ihre Tätigkeit auf allen diesen gebieten entfalten. Alle diese Menschen freuten sich, dass das 3. Bundesturnfest in Komotau stattfand und stellten sich bereitwilligst zur Verfügung, halfen mit, die Gäste würdig zu empfangen und zu beherbergen. Nur 15.000 Festgäste konnten in der kleinen Industriestadt beherbergt werden, die übrigen musste man in den Orten der Umgebung einquartieren. Das Stadion musste erst geschaffen werden. Wochenlang haben die Komotauer Arbeiter auf dem Weinberg im wahrsten Sinne des Wortes geschuftet, um schließlich das Feld- und Wiesengelände in einen grandiosen Festplatz zu verwandeln. Arbeitslose stellten sich willig zur Verfügung, die in Beschäftigung stehenden Arbeiter eilten nach Arbeitsschluss an die neue „Arbeitsstätte“ – Tage und halbe Nächte hindurch bei den Vorarbeiten helfend.

Der Festverlauf

Eröffnet wurde das 3. Bundesturnfest des ATUS am Freitag den 3. Juli 1936 in Komotau mit dem Appell aller Kreis-, Bezirks- und Vereinsfunktionäre. Am Samstag folgten dann die Spartenwettkämpfe der Männer und Frauen in den verschiedensten Disziplinen. Am Samstagvormittag fand parallel der Kinderfestzug statt. Am Samstagnachmittag begeisterten die Vorführungen der kreise und die große Abendfeier am Festplatz. Der Sonntag war der Tag der Massenwettkämpfe und -vorführungen. Vormittags wurde geprobt, dann erfolgte der Marsch zum Festplatz. Am Nachmittag bestaunten die Zuschauer die allgemeinen Freiübungen der Kinder, die wehrsportlichen Massenübungen des ARUK, die allgemeinen Übungen der Frauen und Männer des ATUS. Zum ersten Mal brachten die Fußballer eine eigene interessante Sondervorführung, die aus Elementen ihres Trainings und ihres Spieles zusammengestellt war. Es folgte die Abschlussfeier mit 1000 Mitwirkenden: Um halb 9 Uhr abends ertönten die Fabriksirenen – verkündeten „Arbeitsschluss“. Fanfaren schmetterten, riefen zur Feierstunde. Unter den Klängen des Triumpfmarsches aus „Aida“ erfolgte der Einmarsch der 500 Fahnenträger. Es kamen die Kinder, die Jugendlichen, die betriebs- und Kreisabordnungen. Es erfolgte nach den einzelnen Programmpunkten kein Abmarsch, sondern eine Aufstellung der Mitwirkenden rechts und links vom großen Einzugstor. Zum Höhepunkt erfolgte der Tanz der Turnerinnen „um die rote Fahne“. Abschließend erfolgte der Siegerappell und der abendliche Fackelzug. Hier marschierten noch einmal 20.000 Fackelträger durch die Straßen der Stadt und brachten mit dem Feuer, welches sie trugen, zum Ausdruck, dass sie bereit seien zu kämpfen für Demokratie, Menschenrechte und Freiheit. Rot loderten noch einmal die auf einen Stoß zusammengeworfenen Fackeln auf, ein Fanfarenruf beendete die Feier …Fabriksirenen verkündeten, dass am Morgen ein neuer Arbeitstag wartete.

Am Montag, den 6. Juli 1936 fanden noch einige Freundschaftsspiele, Besichtigungen und Wanderungen statt.

Die Verpflegung: Qualität und Quantität erstklassig

Vor allem fiel auf, wie geschmackvoll und nett die Verkaufsstände gestaltet waren. Liebevoll die Vorbereitung, freundlich die Gesichter der Verkäuferinnen und Verkäufer. Das war ein Propagandastück der Genossenschaftsbewegung. Die Preise: so billig war es wohl noch auf keinem Fest!

Gut 60.000 Menschen haben an der Komotauer Veranstaltung teilgenommen. Es waren fast ausnahmslos Proletarier, die seit Jahren furchtbar unter der Krise litten. Darunter 10.000 Arbeitslose, deren Einkommen aus der kargen Gewerkschaftsunterstützung oder gar nur aus den paar armseligen Ernährungskarten bestand. Viele Monate hindurch haben tausende Proleten Heller um Heller zurückgelegt, sich vom Munde abgespart, bis sie endlich so viele Kronen beisammenhatten, um die Reise unternehmen zu können. Bei Unzähligen reichte es trotzdem nicht einmal für die Bahnfahrt. Das vermochte sie aber nicht abzuhalten. Mit dem Rad oder zu Fuß waren sie nach Komotau gekommen, nicht scheuend die Strapazen, die ihr Entschluss mit sich brachte.

Wenn an den Tagen des Festes die roten Fahnen im Winde flattern

„Wenn an den Tagen des Festes die roten Fahnen im Winde flattern, wenn tausende Arbeitersportler im Gleichschritt marschieren werden, dann wird neue Zuversicht und neues Hoffen in die Herzen Vieler einziehen. Nicht allein in der Tschechoslowakei, sondern weit über die Grenzen der Republik hinaus wirkt das Bundesfest des ATUS als ein feierliches Gelöbnis, als ein leuchtendes Symbol internationaler Verbundenheit“, so Julius Deutsch im Namen der Arbeiter-Sport-Internationale.

Noch einmal Ludwig Czech: „Und wenn beim Bundesfest unsere Turner und Arbeitersportler, unsere Jugend losmarschieren werden, dann werden wir anderen, alt und jung, uns von ihnen begeistert mitreißen lassen und mit ihnen ziehen und uns dann mit ihnen zum feierlichen Gelöbnis vereinigen, dass wir unserer stolzen Bewegung bis zum letzten Atemzuge und mit unserem letzten Lebensnerv dienen und sie leidenschaftlich verteidigen, dass wir aber auch dem Kampfe um unsere Republik und die Demokratie, dem Kampf um Freiheit und Sozialismus unsere Hingabe und unsere Kräfte leihen wollen.“

Antwerpen ruft!

Zum Schluss noch ein Versprechen: Neben dem Ausbau unserer Vereine im Jahre 1937 ruft uns eine internationale Pflicht: Die Teilnahme an der III. Arbeiterolympiade in Antwerpen. Der ATUS wird trotz aller Schwierigkeiten alle Kräfte anspannen um würdig vertreten zu sein.

 

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